Die Dunkelkammer
History. Iran 1979. Die verratene Revolution
- hochgeladen von Maximilian Langer
Das Mullah-Regime mordet, lügt und betrügt seit es an der Macht ist. Ein historisches Tabu hilft dabei: Die Vorläufergeneration der heutigen Jugend, hat, als sie selbst jung, links und idealistisch war, das Mullah-Regime an die Macht gehievt. Darüber sollten sie reden.
Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling und die neue Dunkelkammer aus drei History. Ich war dieser Tage zu Besuch bei einer Freundin, bei Parisa, einer begnadeten Wiener Friseurin, als ihr Handy plötzlich läutet. Sie stürzt darauf zu, es ist ein Anruf aus Teheran, ihr Bruder. Was ich mitbekommen habe: gehetzte Worte, "Alles gut, macht euch keine Sorgen", dann war die Leitung unterbrochen. Das Ganze hat keine zwei Minuten gedauert und ein Rückrufversuch von Parisa verlor sich in rauschender Leere. Es gibt in diesen Tagen keinen Trost für die iranischen Freunde und Freundinnen, auch keinen Rat, nur die romantische Hoffnung, sie könnten es schaffen. Aber was schaffen? Eine Revolution?
Der Iran erscheint mir wie ein Vulkan, der hier und da zu donnern beginnt, glühende Lava ausspuckt und Asche regnet. Aber der Iran ist kein Naturereignis, er ist eine moderne Gesellschaft, die unter einer mittelalterlichen Mullah-Herrschaft leidet und lebt. Auf den Plattformen sozialer Medien und in ihren eigenen vier Wänden unterscheiden sich Jugendliche im Iran kaum von Teenagern anderswo. Moment, ein Zwischenruf: Wenn sie nicht in eine arme Familie geboren wurden und schon im Kindesalter in Fabriken und Sweatshops oder als Straßenhändler arbeiten mussten.
Die Jugend der Mittelschicht ist gebildet und ambitioniert. Sie würden der Welt gern zeigen, was sie können. Sie bewundern wahrscheinlich Elon Musk, lieben K-Pop, Taylor Swift und eifern den Kardashians nach. Sie machen gern Party. Sie sind eine globalisierte Generation. Und die Ideologie des Mullah-Regimes ergibt moralisch keinen Sinn für sie.
Die Rate an Schulabbrechern im Iran ist in den vergangenen Jahren nach oben geschnellt. Die Mehrheit der Universitätsabsolventen sind zwar weiblich, doch die Arbeitslosenrate von Frauen liegt bei ungefähr 37 Prozent. In der Frauenfrage gab es in den vergangenen Dekaden winzig kleine Verbesserungen. Anfangs setzten die Mullahs das Heiratsalter für Mädchen ab neun Jahren fest, später erhöhten sie es auf 13 Jahre. Ein großer Erfolg. Die Steinigung für Frauen, die eine außereheliche Affäre etc. haben, kann seit dem Jahr 2013 in eine öffentliche Auspeitschung verwandelt werden. Bei einer Steinigung wird eine Frau in ein helles Tuch gewickelt, in eine Grube gesteckt und von den Anwesenden mit mittelschweren Steinen beworfen. Anfangs nicht zu heftig, der Todeskampf soll ja dauern. Und diese Strafe ist im 21. Jahrhundert im Iran noch immer im Gesetz.
Es ist die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, die nicht mehr auszuhalten ist. Technologischer Fortschritt, Rationalität und der Geist des Mittelalters. Der Philosoph Ernst Bloch hat in den 1930er Jahren mit diesen Begriffen das Bild vom Nebeneinander verschiedener Epochen geprägt, um den Faschismus in Deutschland zu analysieren. Jetzt könnte man damit den Iran beschreiben.
Bestimmte Bilder kann ich nicht vergessen, Bilder aus den Jahren 1978/79, als ich in Graz studiert habe. An der Technischen Universität in Graz waren damals viele Iraner inskribiert. Die meisten von ihnen waren links eingestellt, Kommunisten oder in anderen revolutionären kleinen Gruppen aktiv. Ich kannte einige von ihnen, ich war damals ja selbst Kommunistin. Irgendwann im Laufe des Jahres 1978 waren die iranischen Studenten von der TU Graz in heller Aufregung. Sie führten Videobänder vor und luden dazu ein, Videobänder, die irgendjemand außer Landes geschmuggelt hatte. Auf diesen Bändern, bei dieser Vorführung, sah man eine Revolution.
Die Straßen Teherans gerammelt, voll mit jungen Menschen, Männern und Frauen, und die Anführer standen mit Megafonen auf Ladeflächen von Pickups und skandierten "Weg mit dem Schah" oder soähnlich. Dann fallen Schüsse, das Bild wackelt, Menschen laufen um ihr Leben und der Film bricht ab. Damals wurden im Iran landesweit dutzende Kinos angezündet, Bars und Restaurants demoliert. Im August 1978 kamen bei einem Brandanschlag auf das Cinema Rex in Abadan 422 Menschen ums Leben. Und schnell verbreitete sich die Nachricht, das hätten Schah-Anhänger gemacht, um Chaos zu stiften. Das war freilich eine Lüge. Es waren Islamschüler, die auf Befehl Khomeinis handelten und etwa 300 Stätten des Teufels, wie der Ayatollah das nannte, abfackelten. Wir Linken glaubten damals gern, dass es die Schah-Anhänger waren.
Von den Iranern in Graz kannte auch jeder irgendjemanden, der in den Folterkammern des Geheimdiensts des Schah namens Sawag zu Tode gemartert worden war. Wenn der Schah und seine Entourage damals im Westen auf Staatsbesuch waren, machten Exil-Iraner und linke Studenten auf die Menschenrechtsverletzungen des Regimes aufmerksam. In Deutschland und wahrscheinlich auch in Österreich wollte das kaum jemand hören. Der Schah auf dem Pfauenthron, der Märchenprinz in Luxus und Liebesdramen, so berichteten Illustrierte wie das Goldene Blatt, das bei den Ärzten auflag.
In Westberlin war 1967 bei einer Anti-Schah-Demonstration ein Student von einem deutschen Polizistenerschossen worden. Schah-Anhänger und Sawag-Leute waren zuvor mit Stöcken auf die Studenten losgegangen. Der Schah-Protest war sicherlich so etwas wie eine Initialzündung für die Radikalisierung der 68er-Bewegung. Und nun, zehn Jahre später, eine echte Revolution, von der Linke immer geträumt hatten, halt im Iran.
Am 16. Jänner 1979 flüchtete der Schah außer Landes. Am 1. Februar 1979 stieg Ayatollah Khomeini, von Menschenmassen gefeiert, nach 13 Jahren im Exil am Flugfeld in Teheran aus einer Maschine. Das letzte Jahr seines Exils hatte er auf Einladung des offiziellen Frankreichs mit seiner Familie in der Nähe von Paris verbracht, umschwärmt von Intellektuellen, Linken und Journalisten. Khomeini war in Frankreich ein Medienstar. Er gab mehr als 150 Interviews. Seine Besucher empfing er gern auf einem Kissen am Boden sitzend in seinem Garten. Der heilige Kreis unter dem Apfelbaum, das wurde ein geflügeltes Wort. Khomeini galt zu Unrecht als antikolonialistischer Befreiungstheologe.
Der Philosoph Michel Foucault schrieb für einflussreiche bürgerliche Zeitungen eine Serie von hymnischen Reportagen über den Ayatollah. Jean-Paul Sartre unterstützte die islamische Revolution. Navid Karamani, der iranisch-deutsche Intellektuelle, hat 1978 an der Hand seines Vaters Khomeini in Paris besucht. Er schreibt: "Die Männer und Frauen in dem Haus waren, so wirkte es auf mich, elfjährigen, sehr freundlich, ja fast zärtlich, weich und voller Vorfreude, da sich im Iran der Umsturz abzeichnete." Ich zitiere weiter Karamani: "Khomeini hatte etwas Prophetisches, ich kann das nicht anders sagen. Er hatte ein enormes Charisma, nur schon dadurch, dass er nichts tat. Ein alter Mann mit einem Bart, der auf dem Boden saß und überhaupt nicht aus der Ruhe zu bringen war, während um ihn herum helle Aufregung herrschte. Es war eine Stimmung wie vielleicht bei einer Papstaudienz."
Khomeini, der einer Familie von Großgrundbesitzern aus Mashhad entstammt, war vor der Revolution ein anerkannter islamischer Rechtsgelehrter, Philosoph und Mystiker mit Liebe zur Poesie. In Interviews gab er sich weltabgewandt, sagte, er wolle von Politik nichts wissen und nahm doch jede Gelegenheit wahr, sich als Autorität gegen den Schah zu etablieren. 1963 trat Khomeini gegen die Landreform des Schah auf, in der Großgrundbesitzer einen Teil ihres Ackerlandes armen Bauern überlassen mussten. Er agitierte auch gegen das Frauenwahlrecht und prangerte die westliche Sittenlosigkeit an und er predigte sehr häufig, nur der Islam sei in der Lage, Gerechtigkeit in der Welt herzustellen.
Khomeini besaß zweifellos ein Sensorium für Stimmungen. Die 2500-Jahr-Feier in der alten Kaiserstadt Persepolis, für die das Schah-Regime Hunderte Seidenzelte in der Wüste aufspannen ließ, 50.000 Singvögel importieren, 20.000 Flaschen Champagner bestellte und das Pariser Luxusrestaurant Maxim dort Könige und Prinzen aus aller Welt und Staatsoberhäupter verköstigen ließ, nannte Khomeini ein Teufelswerk und er wurde nicht müde, die maßlose Verschwendung und Korruption des Regimes anzuprangern. Nun, nach der Flucht des Schah und der triumphalen Rückkehr Khomeinis feierten die iranischen Studenten in Graz die siegreiche Revolution. Und es gab neue Videokassetten anzusehen. Noch immer wälzen sich darauf Massen durch die Straßen, doch nun beherrscht die Farbe Schwarz das Bild. Frauen stecken in dunklen Überwürfen und Hidschabs, Männer tragen Turbane und Bart, Mini-Röcke und Schlaghosen sind verschwunden. Ich frage die iranischen Studenten: "Warum verhüllen sich die Frauen plötzlich?" "Das müsse man in Kauf nehmen, das sei eine Volksbewegung", sagen sie. "Jede Revolution brauche eine breite Basis." "Keine Sorge, die Kommunistische Partei weiß schon, wo es langgeht."
Ja, und im ersten Halbjahr 1979 gingen viele Exil-Iraner aus Graz in ihre Heimat zurück. Es vergingen Wochen, vielleicht waren es auch Monate, und die iranischen Studenten in Graz wirkten von Tag zu Tag verzweifelter. Sie hörten nichts mehr von ihren Freunden, die zurückgegangen waren, um Revolution zu machen. Sie bekamen keine Briefe, keine Nachrichten. Und wenn, dann waren es keine guten. Dann hieß es: "Spurlos verschwunden" oder "im Evin-Gefängnis" oder "hingerichtet".
Im April 1979, kurz vor Ausrufung der Islamischen Republik, waren die Frauen noch einmal auf die Straße gegangen im Iran. Nur die Frauen. Sie wollten sich nicht den Bekleidungsvorschriften und dem neuen Ehegesetz unterwerfen, das ihnen jede Autonomie nahm. Keinen Hidschab, keinen Mantel, der die weiblichen Formen verhüllt, und schon gar keinen schwarzen Chador wollten sie tragen. Und nicht dem Ehemann gehorchen und nicht neunjährige Mädchen an Männer verheiratet sehen. Sie wurden, um es kurz zu sagen, von ihren linken Revolutionskameraden im Stich gelassen. Die rieten nämlich den Frauen, ihre Proteste einzustellen, um den prekären Status quo zwischen revolutionärer Regierung und islamischer Führung nicht zu gefährden.
Schon im März 1979, also ein Monat vor diesen Demonstrationen der Frauen, hatte das Zentralkomitee der Moskauhörigen Today-Partei den Beschluss gefasst, ich zitiere: "Wir unterstützen die Initiativen seiner Heiligkeit, des Ayatollah Khomeini, in Bezug auf die Verkündung einer islamischen Republik und werden uns voll und ganz für deren Realisierung einsetzen." Niemals zuvor, so scheint mir, ist der bei Reaktionären so beliebte Spruch "Die Revolution frisst ihre Kinder" so wahr gewesen.
Am 1. April 1979 wurde die Islamische Republik dann ausgerufen. An der Verfassung werde noch gearbeitet, hieß es damals. Auch das war eine Lüge. Die Theokratie stand schon fest. An der Spitze mit der Befugnis für alles: Ayatollah Khomeini. Ihm zur Seite gestellt ein Wächterrat, der entscheidet, wer sich politisch betätigen darf, für Staatsämter oder für das Parlament kandidieren. Eine schwer bewaffnete Revolutionsgarde für Oppositionelle im Inneren, eine Sittenpolizei und freiwillige Schlägermilizen. Und im September wurde die Verfassung dann so verabschiedet.
Im Schatten des Iran-Irak-Kriegs, der von 1980 bis 1988 dauerte, nahmen Bespitzelung und Verfolgung an Fahrt auf. Im August 1981 rief Khomeini die Bürger dazu auf, ich zitiere: "Nachbarn zu beobachten und zu sehen, was sich in deren Häusern so abspielt." Ich zitiere weiter: "Ihr könnt eure Nachbarn beobachten und die Nachbarn euch. Und wenn ihr diese Methode 10, 20, 30 Tage lang praktiziert, wenn ihr genau beobachtet, wer bei euren Nachbarn aus und eingeht und wenn ihr im Verdachtsfall zur nächsten Polizeistation geht, dann haben wir das Problem bald gelöst. Eltern sollen auf ihre Kinder aufpassen und wenn die Kinder auf den elterlichen Rat nicht hören, dann haben die Eltern die religiöse Pflicht, sie anzuzeigen." Zitat Ende.
Was daraus wurde, sah man kurze Zeit später. Im Jahr 1982 veröffentlichte ein Wiener Menschenrechtskomitee Augenzeugenberichte zur Situation im Iran. Ich zitiere daraus: "Verhaftungen und Hinrichtungen geschehen ohne Möglichkeit zur Verteidigung. Auch Kinder werden aus nichtigen Anlässen niedergeknüppelt und umgebracht. Am 1. Mai 1981 wurden standrechtliche Exekutionen wie Erschießen, Erhängen oder Auspeitschen und Abhacken von Händen und Füßen an Ort und Stelle auf der Straße durchgeführt. Unfreiwillige Zuschauer sanken ohnmächtig zu Boden. Mädchen wurden mit Teppichschneidemessern verfolgt. Einer jungen Frau riss man die Kleider vom Leib und demütigte sie. Homosexuelle wurden auf der Straße nackt ausgezogen. Hingerichtete werden öffentlich zur Schau gestellt. Eine Frau des Ehebruchs beschuldigt, wurde bis zur Brust eingegraben und nach Ritus zu Tode gesteinigt. Für das Trinken von Alkohol gibt es 40 bis 80 Peitschenhiebe. Nach dem dritten Mal wird die Todesstrafe verhängt und vollzogen. Im Jahr 1988 wurden Tausende Inhaftierte in iranischen Gefängnissen innerhalb weniger Wochen hingerichtet, selbst Minderjährige. Es gibt eine Seite im Internet, die diese Opfer auflistet und auch Fotos davon zeigt. Und ich erkenne eines der Gesichter, ein Student aus Grazer Zeiten, den ich kannte.
Nachfolger von Khomeini wurde nach seinem Tod der nicht weniger fanatische Khamenei. Und der Staatsterror ging weiter. Im August 1989 wurden in Wien ein Kurdenpolitiker und seine beiden Begleiter von einem iranischen Killerkommando exekutiert. Die namentlich bekannten Männer ließ die Polizei unbehelligt ausreisen. Das Mullah-Regime hatte mit der Sicherheit von Österreichern im Iran gedroht. Zwei Jahre später beehrte Bundespräsident Kurt Waldheim das Mullah-Regime mit einem Staatsbesuch als erstes westliches Staatsoberhaupt. Nicht lang später wurden intellektuelle Schriftsteller, Künstler gezielt gejagt und mit Würgeketten um den Hals erdrosselt aufgefunden. Prominente Kritiker im Iran wurden in Hausarrest verbannt, erlitten seltsame Herzattacken oder flüchteten in letzter Sekunde aus dem Land. Eine Achse mit Putin war im Entstehen. Doppelstaatsbürger, die in den Iran einreisten, wurden immer öfter unter angeblichem Spionageverdacht inhaftiert und als Geiseln benutzt, um vom Westen Zugeständnisse zu erpressen. Es sieht so aus, als habe da ein Diktator vom anderen gelernt.
Heute kann keiner sagen, wie viele Menschen, vor allem junge Menschen, bei Protesten in den vergangenen Jahren im Iran ihr Leben verloren haben. Es müssen Abertausende sein. Die jungen Männer und Frauen, die heute im Iran auf die Straße gehen, setzen ihr Leben aufs Spiel. Ich finde, sie haben ein Recht darauf zu erfahren, warum ihre Eltern oder Großeltern einst die Mullahs an die Macht gehilft haben. Vielleicht hilft das Reden darüber und macht die Aufarbeitung der Geschichte manchmal doch einen Sinn. Vielleicht gibt das Kraft und vielleicht verhilft es auch zur Einigkeit. Und damit verabschiede ich mich von Ihnen. Bis zum nächsten Mal, Ihre Christa Zöchling. Dankeschön.
Autor:in:Christa Zöchling |