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Die Straße von Hormus
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Die Straße von Hormus ist ein Nadelöhr, an dem sich zeigt, wie eng Sicherheit, Energie und Macht miteinander verknüpft sind. Schon kleine Eskalationen verändern Preise, Märkte und politische Handlungsspielräume weltweit. Am Ende entscheidet nicht der Wille zum Frieden, sondern die Fähigkeit, Interessen durchzusetzen und Risiken zu kontrollieren.
Herbert Bauer
Grüß Gott und einen guten Tag, heute möchte ich mit Ihnen in die Straße von Hormus schauen. Beginnen möchte ich, wie immer, mit einer Szene, die uns mitten ins Geschehen führt. Es ist 02:30 Uhr Ortszeit. Nördlich über dem Horizont funkelt das Sternbild des Großen Wagens, wir aber befinden uns in der Operationszentrale eines indischen Kriegsschiffs. Kein Sternenlicht, nur das gleichmäßige Leuchten der Konsolen und Summen der Belüftung mit Überdruck. Der wachhabende Offizier steht hinter dem Beobachter der Luftlage. Der Bildschirm zeigt einen engern Korridor aus Signalen, zivile Transponder, vereinzelte Lücken, dazwischen Kontakte ohne klare Zuordnung. Die Straße von Hormus ist auch in dieser Nacht voll Aktivität aller Art. Der Navigationsoffizier meldet „Mehrere Kontakte nordost, keine Annäherung unter 25 Seemeilen.“ Er wechselt auf den Funkkreis. „Indischer Tanker Shakti, hier eigenes Kriegsschiff auf Ihrer Backbordseite. Bestätigen Sie Kurs und Geschwindigkeit.“ Eine kurze Pause. Dann die Antwort, ruhig, aber hörbar angespannt. „Kurs 140, Fahrt 13 Knoten. Erbitten fortlaufende Überwachung.“ Die Antwort lautet: „Bestätigt. Sie sind auf Radar und AIS erfasst.“ – Anmerkung: AIS ist das automatische Identifikationssystem im Marinebereich. Neben ihm meldet der Luftlageoffizier einen neuen Kontakt. Klein, schnell, niedrig. Kein Transponder. „Unidentifizierter Kontakt, Peilung 042, Entfernung 18 Seemeilen, sinkend.“
Der Offizier lässt den Track markieren. Keine Hektik. Noch nicht. Gleichzeitig läuft der internationale Funkkreis. Amerikanische, französische, britische Einheiten. Kurze Meldungen, präzise, ohne jedes Beiwerk. „Alle Stationen, mögliche Dronenaktivität, nördliche Verkehrstrennungszone.“ Das Lagebild verdichtet sich. Mehr Signale, mehr Unsicherheit. Nicht das, was sichtbar ist, sondern das, was sich nicht eindeutig einordnen lässt. „Nahbereichsabwehr und Flugabwehrraketen in Bereitschaft. Einsatzregeln unverändert“ ordnet er an. „Bereitschaft hergestellt“, kommt die Antwort sofort. Dann ein Funkspruch von Backbord. Ein anderes Kriegsschiff, das näher am Kontakt fährt. „Ziel wird bekämpft. Wiederhole: Ziel wird bekämpft.“ Ein paar Sekunden Stille. Dann: „Ziel zerstört.“ Der Track verschwindet vom Schirm. Ein Punkt weniger. Der Tanker hält Kurs. 13 Knoten. Geradeaus aus der Meerenge hinaus Richtung Süden. Der Offizier wendet sich der Unterwasserlage zu. „Sonar, Status?“ „Keine Kontakte. Unterwasserlage klar.“ Er blickt zurück auf die Luftlage. Sie ist hier nie wirklich ruhig. Nur weniger angespannt. „Indischer Tanker Shakti, Lage unter Kontrolle. Kurs halten. Gute Fahrt“. Die Antwort kommt sofort: „Verstanden. Danke.“ Der Offizier bleibt still. Die Anzeigen laufen weiter. Die Straße von Hormus schläft nicht und diese Zentrale auch nicht.
So oder so ähnlich stellen sich derzeit Szenen rund um die Straße von Hormus dar. Genau hier setzen Staaten wie z. B. Indien mit seiner Operation „Sankalp“, was soviel wie „Entschlossenheit“ heißt, an - mit vorgeschobener Marinepräsenz, die den Verkehr aus dem Nadelöhr aufnimmt, überwacht und absichert. Gleichzeitig ist dieser Raum Teil einer breiteren internationalen Sicherheitsarchitektur: Unter dem Dach der Combined Maritime Forces (CMF) mit Sitz in Bahrain operieren über 40 Nationen gemeinsam, darunter auch die speziell für den Persischen Golf zuständige Combined Task Force (CTF) 152. In Summe umfasst dieses Gefüge – je nach Lage – mehrere Dutzend Kriegsschiffe, Luftaufklärungsmittel und tausende Soldaten im gesamten Einsatzraum vom Roten Meer bis zum Arabischen Meer. Der Funkkontakt mit zivilen Schiffen, die Abstimmung mit anderen Kriegsschiffen, die durchgehende Luftlage und die unmittelbare Reaktionsbereitschaft auf Bedrohungen zeigen, wie eng ziviler Welthandel und militärische Präsenz inzwischen miteinander verzahnt sind. Das beschreibt die operative Realität dieses Seegebiets. Und damit stellt sich die eigentliche Frage: Warum ist diese schmale Meerenge für die Welt so entscheidend – und was passiert dort gerade wirklich?
Die Straße von Hormus ist ein Seeweg, der ein Nadelöhr bildet. Ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports muss hier durch, jeden Tag, auf engstem Raum. An der schmalsten Stelle sind es nur wenige Kilometer pro Fahrrinne. Das bedeutet: Wer hier stören kann, muss nicht blockieren, um Wirkung zu erzielen. Und genau das sehen wir jetzt.
Es geht nicht mehr nur um einzelne Zwischenfälle auf See. Drohnen, Beschlagnahmungen von Tankern oder auch die Möglichkeit, Seewege durch verdeckte Mittel wie Minen unsicher zu machen oder Begleitschutz durch Kriegsschiffe – das kennen wir aus den letzten Jahren. Neu ist die Qualität der Eskalation. Erstmals wird der gesamte Raum systematisch als militärisches Ziel betrachtet. Dazu gehören auch die Küstenabschnitte entlang des Golfs. Angriffe auf iranische Anlagen und befestigte Stellungen entlang dieser Küste zeigen, dass es nicht mehr nur um Kontrolle auf See geht, sondern um die Fähigkeit, die gegnerische Infrastruktur im Hintergrund zu treffen. Damit verändert sich die Logik dieses Raumes grundlegend.
Die Straße von Hormus ist nicht mehr nur ein Transportkorridor, der überwacht wird. Ein Transitkorridor, sie wird zu einem erweiterten Gefechtsraum, in dem Seewege, Luftraum und küstennahe Infrastruktur zusammengehören. Entscheidend ist: Es braucht keine vollständige Blockade, es reicht, Unsicherheit zu erzeugen. Denn wenn Reedereien nicht mehr wissen, ob ihre Schiffe sicher durchkommen, wenn Versicherungen die Prämien erhöhen, wenn Staaten beginnen, ihre Energieflüsse umzuleiten oder militärisch zu schützen, dann wirkt diese Meerenge bereits als strategischer Hebel. Das heißt, dass die eigentliche Macht in Hormus nicht in der Kontrolle liegt, sondern in der Fähigkeit zur Störung. Damit stellt sich jetzt die nächste Frage: Wie sieht diese Störfähigkeit konkret aus – und mit welchen militärischen Mitteln wird sie durchgesetzt bzw umgekehrt, verhindert?
Was hier aufeinandertrifft, sind zwei gegensätzliche Logiken: Die eine Seite setzt auf Störung mit möglichst geringem Mitteleinsatz. Die andere versucht, genau diese Störung zu verhindern, muss dazu allerdings einen hohen Aufwand betreiben. Auf der Seite der Störung sehen wir vor allem bekannte, belegbare Muster aus den letzten Jahren: Drohnen zur Aufklärung oder zum Angriff, schnelle Boote, die schwer zuzuordnen sind, Küstenraketen, die Seeziele aus kurzer Distanz erreichen können. Dazu kommt ein Faktor, der oft im Raum steht, aber schwer nachweisbar ist: die mögliche Verminung von Seewegen. Es gibt zwar aktuelle auf Quellen gestützte Berichte über angeblich ausgebrachte iranische Minen in der Straße von Hormus, gleichzeitig haben offizielle Stellen aber erklärt, dass es dafür keine klar bestätigten Beweise gibt. Das zeigt allerdings, dass bereits die Möglichkeit einer Verminung Wirkung entfalten kann, auch ohne gesicherte Bestätigung. Minen wurden im Golfraum schon eingesetzt, etwa 2019 bei Angriffen auf Tanker mit Haftminen. Die Wirkung war erheblich, obwohl keine flächendeckende Sperre bestand. Es geht also nicht um vollständige Blockade, sondern um Unsicherheit.
Auf der anderen Seite steht die Verhinderung dieser Störung. Und die ist deutlich komplexer. Kriegsschiffe und Flugzeuge überwachen permanent den Luftraum, begleiten Handelsschiffe und stehen in engem Funkkontakt miteinander. Entscheidungen müssen in Sekunden getroffen werden: Ist ein Kontakt harmlos oder eine Bedrohung? In einem der dichtest befahrenen Seegebiete der Welt ist das operativ äußerst anspruchsvoll. Besonders aufwendig wäre auch der Umgang mit möglichen Minen, da selbst der Verdacht zu aufwendigen Such- und Sicherungsmaßnahmen zwingt, die dafür vorgesehenen Mittel aber sind begrenzt. Das kostet Zeit, bindet Kräfte und verlangsamt den Verkehr. Hier zeigt sich das Ungleichgewicht: Störung ist vergleichsweise einfach zu erzeugen oder glaubhaft anzudrohen. Sicherheit herzustellen ist aufwendig und nie vollständig und sehr kostenintensiv, weswegen z. B. Trump gerne eine Einladung zur Mitwirkung an die NATO ausspricht, immerhin geht es ja auch um das Öl für Europa und das beteiligt sich kaum am Einsatz.
Schauen wir auf die politische Dimension: Militärische Maßnahmen müssen wirken, dürfen aber nicht außer Kontrolle geraten. Jede Reaktion bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Schutz des Verkehrs und Risiko der Eskalation. Das Ergebnis ist ein Raum, in dem nicht nur die offene Konfrontation dominiert, sondern die permanente Unsicherheit. Und genau daraus ergibt sich die nächste Ebene: Wenn bereits die militärische Sicherung so aufwendig ist, welche politischen und wirtschaftlichen Folgen hat das für die Welt?
Die aktuelle Lage in der Straße von Hormus verstärkt jede Unsicherheit im globalen Energiesystem. Problematische Entwicklungen schlagen sofort auf Preise, Transport und Versorgung durch. Die Risikoprämien für Schiffe steigen, Transportkosten erhöhen sich innerhalb weniger Tage, und diese Kosten gehen direkt in den Öl- und Gaspreis über. Schon die Erwartung von Störungen reicht eben aus, um Märkte zu bewegen. Die Auswirkungen treffen die Regionen unterschiedlich. In Asien wirken sie unmittelbar, weil viele Staaten stark von Energie aus dem Golf abhängig sind. Lieferunsicherheit zwingt zu schnellen Ersatzkäufen, oft zu deutlich höheren Preisen.
Europa spürt die Folgen über den globalen Gasmarkt. Flüssiggas wird knapper und teurer, weil sich die Nachfrage verschiebt. Industrie, Strompreise und Versorgungssicherheit geraten unter Druck. Die Lage wirkt sich aber auch direkt auf den Alltag aus. Steigende Ölpreise schlagen innerhalb kurzer Zeit auf die Treibstoffpreise durch. An den Tankstellen wird die Unsicherheit im Golf unmittelbar sichtbar. Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt von den nationalen Rahmenbedingungen ab. In Europa mit hohen steuerlichen Abgaben werden Preisschwankungen besonders deutlich spürbar. In anderen Regionen werden sie teilweise abgefedert oder zeitlich verzögert weitergegeben. Damit wird Energie zu einem strategischen Instrument mit mehreren Nutznießern. Staaten, die zusätzliche Mengen liefern können, gewinnen an Einfluss. Amerikanisches Flüssiggas wird attraktiver, russische Exporte gewinnen an Bedeutung, und jeder Ausfall im Golf verschiebt Marktanteile. Diese Entwicklung folgt allerdings keiner spontanen Dynamik. Die Verwundbarkeit der Straße von Hormus, die Abhängigkeit von Energieflüssen und die Möglichkeiten zur Störung sind seit Jahren bekannt und analysiert. Gerade deshalb entsteht eine zentrale Frage: Wenn diese Mechanismen so klar sind, warum kann diese Unsicherheit trotzdem immer wieder entstehen? Oder anders formuliert: Warum wird sie bewusst in Kauf genommen? Oder noch spitzer formuliert: Warum wird sie eventuell sogar absichtlich herbeigeführt?
Und genau an diesem Punkt lohnt sich ein genauer Blick darauf, wer von dieser Lage profitiert. Nun, Unsicherheit ist in diesem Raum nicht nur ein Risiko. Sie ist ein Marktmechanismus. Sobald die Lage im Golf eskaliert, reagieren die Märkte sofort. Ölpreise steigen, weil das Angebot als gefährdet gilt. Das verschiebt Einnahmen und Marktanteile zugunsten jener, die liefern können, ohne selbst im unmittelbaren Gefechtsraum zu liegen. So wird amerikanisches Flüssiggas stärker nachgefragt, weil Europa und Asien konkurrierend nach verlässlichen Alternativen suchen. Gleichzeitig werden kurzfristig auch andere Quellen genutzt, etwa russische Lieferungen nach Asien, wenn sie verfügbar sind.
Parallel dazu fließt Kapital in sichere Anlagen. Gold wird stärker nachgefragt. Rüstungsunternehmen profitieren, Versicherungen erhöhen ihre Prämien, Sicherheitsanbieter verdienen an steigenden Risiken. Wie dieser Mechanismus konkret wirkt, lässt sich in den letzten Tagen Schritt für Schritt beobachten: Nach Beginn der israelisch-amerikanischen Angriffe auf Iran gerieten die Aktienmärkte zunächst unter Druck und die Ölpreise stiegen deutlich an. Als Trump am 8. und 9. März signalisierte, dass der Konflikt schneller unter Kontrolle gebracht werden könne, kehrte sich diese Bewegung um: Die Ölpreise gaben nach, und die Aktienmärkte drehten wieder ins Plus.
Am 9. März folgt auch der zweite Schritt: Trump kündigt an, energiebezogene Sanktionen teilweise auszusetzen. Konkret wurde zur Freude Putins eine 30-tägige Ausnahme für bereits verschiffte bzw. auf See befindliche russische Ölladungen ermöglicht, einseitig durch die USA genehmigt, um zusätzliches Angebot in den Markt zu bringen. Mehr Angebot heißt weniger Preisdruck. Am 10. März wird diese Erwartung sichtbar. Öl fällt deutlich gegenüber dem Vortag – ein klassischer Marktmechanismus: Erwartete Entspannung senkt eben den Risikoaufschlag.
Am 13. März verschiebt sich die Tonlage. Trump erklärt offen, dass die USA von hohen Energiepreisen profitieren können. Gleichzeitig ziehen die Preise wieder an. Der Markt erkennt: hohe Preise sind nicht nur Risiko, sondern auch wirtschaftliche Chance. Am 15. März folgt die nächste Phase. Trump stellt weitere Angriffe auf die wichtige iranische Insel Kharg in Aussicht, den zentralen Exportknoten iranischen Öls. Gleichzeitig steht weiterhin ein mögliches schnelles Kriegsende im Raum. Genau diese Mischung wirkt: Drohung hält den Preis oben, Entspannungsaussicht begrenzt ihn. Und dann kommt der entscheidende Punkt: Am 18. März greift Israel das iranische South-Pars-Gasfeld und die Produktionsanlagen an. Damit wird nicht nur Öl, sondern die Gasversorgung im Golfraum selbst getroffen. South Pars steht für einen Großteil der iranischen Gasproduktion.
Die Folge ist sofort sichtbar: Preise für Öl und Gas steigen deutlich an. Der Iran reagiert mit Gegenschlägen auf Energieinfrastrukturen im Golfraum, unter anderem in Qatar. Die Krise weitet sich aus, vom Ölmarkt zur gesamten Energiearchitektur der Region. Und genau hier reagiert Trump. Er erklärt, dass die USA an diesem Angriff nicht beteiligt waren und zuvor nicht informiert gewesen seien, scheinbar distanziert er sich von Israel, zieht eine Linie und signalisiert, dass weitere Angriffe auf dieses Gasfeld so nicht vorgesehen sind, solange sich die Lage nicht weiter ausweitet. Gleichzeitig aber droht er dem Iran massiv, falls sich die Angriffe auf die arabischen Nachbarn wiederholen ausweiten sollten.
Warum ist das bemerkenswert? Weil dieser israelische Angriff offenbar seine bisherige Linie unterläuft. Bis dahin konnte Trump mit Deeskalationssignalen und zusätzlichen Angebotsoptionen die Märkte sichtbar nach unten bewegen. Der Schlag auf South Pars hebt die Krise auf eine neue Ebene und reduziert damit aus seiner Sicht einen Teil dieser, seiner Steuerungsfähigkeit. Und genau daraus ergibt sich eine bedeutende Erkenntnis: Nicht nur Raketen und Drohnen bewegen hier den Markt. Auch politische Aussagen tun es. Wenn ein Akteur glaubhaft Eskalation oder Entspannung ankündigen und gleichzeitig militärisch handeln kann, dann verändert er Erwartungen, Preise und Kapitalströme in Echtzeit. Oder etwas pointierter: Wer die Eskalationsrhetorik und die tatsächliche Eskalation in der Hand hat, beeinflusst nicht nur das Kriegsgeschehen, sondern auch Ölpreis, Gaspreis, Gold und Aktienmärkte.
Trumps Vorteil liegt darin, dass er zeigen kann, dass er die Preise bewegen kann. Niedrige Preise stabilisieren seine Innenpolitik, während die Fähigkeit, Preise jederzeit wieder steigen zu lassen, außenpolitischen Druck erzeugt. Damit verschafft ihm diese Steuerungsfähigkeit auch einen strategischen Hebel gegenüber Russland und China: Niedrige Preise belasten die Einnahmen klassischer Energieexporteure wie Russland, während steigende Preise insbesondere importabhängige Volkswirtschaften wie China unter Druck setzen. Diese Fähigkeit, Preise situativ zu drücken oder anzuheben und damit unterschiedliche Gegner in unterschiedlichen Lagen zu treffen, ist die eigentliche Macht, und das ist alles andere als verrückt oder unsystematisch sprunghaft, das ist Berechnung durch Unberechenbarkeit.
Schauen wir uns in dieser Situation ein paar große Akteure in Kurzform an: Indien sichert als stark energieabhängiger Staat seine Versorgungsrouten pragmatisch durch eigene Marineeinsätze ab, ohne sich offen militärisch zu exponieren. China stabilisiert als größter Energieimporteur seine Lieferketten durch wirtschaftliche und maritime Absicherung, vermeidet aber eine direkte militärische Konfrontation im Golf. Die USA sichern die Seewege militärisch ab und nutzen ihre Präsenz zugleich als Instrument der Machtprojektion und strategischen Signalgebung. Russland profitiert indirekt von steigenden Energiepreisen und verschobenen Handelsströmen, ohne selbst im Konfliktraum militärisch präsent zu sein. Australien beteiligt sich im Rahmen von Allianzen an maritimen Sicherungsmaßnahmen und folgt dabei klar der US-geführten Linie. Israel verfolgt das Ziel, iranische militärische und strategische Fähigkeiten – insbesondere Raketen- und Energieinfrastruktur – frühzeitig zu schwächen, auch auf die Gefahr hin, die regionale Eskalation auszuweiten. Der Iran nutzt seine geografische Lage und militärische Mittel gezielt, um den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus zu stören und damit die Kosten für Gegner und die Weltwirtschaft zu erhöhen.
Und Europa? Nun das stark energieabhängige und wirtschaftlich betroffene Europa verfügt auch in dieser Region nur über begrenzte eigene militärische Handlungsmöglichkeiten, kann zur militärischen Absicherung seines Energiebedarfs nur eingeschränkt selbst beitragen und muss daher weitgehend jene Preise akzeptieren, die andere durch Macht, Risiko, Investition und Verfügbarkeit bestimmen.
Probieren wir wieder ein Fazit: Militärischer Einsatz ist kein Selbstzweck, sondern dient der Durchsetzung politischer Ziele, ganz im Sinne von Clausewitz: Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Wo vitale wirtschaftliche Interessen und Macht auf dem Spiel stehen, zählen nicht der Friedenswille, sondern die Fähigkeit, Interessen durchzusetzen oder ihnen etwas entgegenzusetzen.
Autor:in:Herbert Bauer |