Die Dunkelkammer
History. Die Straße von Hormus. Warum Krieg?

Von Christa Zöchling. Die Weltlage: Düster und angsterfüllt. Die Weltsicht: Geld regiert die Welt. Dass es Jahrhunderte gebraucht hat, um halbwegs akzeptierte Regeln der Staaten untereinander in Verträgen zu verankern, ist fast schon vergessen. Und dann kam Trump.

Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling mit der neuen Dunkelkammer aus der Reihe "History". Heute geht es um den Fortschritt der Geschichte, der sich allerdings im Augenblick gar nicht so anfühlt. "Sie hofft", sagt die Verkäuferin in der Bäckerei bei mir ums Eck, "dass es bald aufhört." Was aufhört? Der Krieg, sagt sie. Welcher? Die Frage liegt mir eitel auf der Zunge, aber darum geht es gar nicht. Es geht um anderes: Dass nichts mehr zu gelten scheint, keine Regeln, keine Verträge, keine Abkommen, keine Waffenruhe, kein internationales Recht. Wenn diese Verkäuferin den Mindestlohn bezieht, weil sie als Ladnerin eingestuft ist, eine altbackene Semmel mit nach Hause nimmt, ist das Diebstahl. Dieses Recht gilt schon. Mit Kunden spricht sie jetzt oft über die Straße von Hormus, die an allem schuld sei, an den Semmeln, die bald wieder teurer werden, an der nächsten Gasrechnung, und dass immer weniger gekauft werde und sie vielleicht ihre Arbeit verliert. "Warum Krieg?", fragt sie. Hormus ist Teil ihres Alltags geworden, meines auch. Ich habe eine Marotte entwickelt: Auf einer Marine-Website verfolge ich Frachter, Containerschiffe und Tanker in der Straße von Hormus. Hunderte Pünktchen auf der Karte stehen still vor und nach der Engstelle. Doch da: Ein chinesischer Tanker bewegt sich flott Richtung Indien, ein Frachter unter der Flagge von Panama ist nach Brasilien unterwegs. Auf der Suche nach der Historie von Hormus wurde ich in der Österreichischen Nationalbibliothek fündig. An der Leihstelle schiebt man mir ein riesiges Paket zu, umhüllt von steifem Packpapier, verschnürt mit Hanfseil, von einem Halbkarton in Form gehalten. Beim Auspacken im Lesesaal: Es knackt und kracht, böse Blicke, fallen Dutzende Jahresberichte des Königlichen Gymnasiums zu Bonn auseinander. Darunter ein Heft aus dem Jahr 1913 mit einem Aufsatz von Leopold Conson: »Die letzten Tage von Hormus«.

Hormus, eine kleine Insel, nach der die Meerenge benannt ist, ganz nah an der persischen Küste, war immer ein Sankapfel zwischen den Mächten gewesen. Ihr Name klang nach unermesslichem Reichtum. Hormus war lange Zeit das Haupttor zwischen dem Orient und dem europäischen Westen gewesen. Dabei war diese Insel eigentlich nicht für den Menschen gedacht: Spitzes Vulkangestein, kaum Vegetation, keine Quelle, aus der man trinken kann. Neun Monate im Jahr sei Hormus die Hölle auf Erden gewesen, so ein früherer Bericht. Bei Tagesglut würden die Menschen entseelt zu Boden fallen, Schlaf fände man nur in nasse Tierfelle gewickelt.

Doch dann wurde die Welt erforscht, wurden fremde Kontinente entdeckt, und die Stadt Hormus im Norden der Insel war im 16., 17. Jahrhundert ein Stapelplatz für Waren aus dem Osten, eine der reichsten Handelsstädte der Welt. Die Bewohner rühmten sich ihrer goldenen Riegel und Schlösser. Die Monsunwinde im Rücken trieben die Schiffe im halbjährlichen Rhythmus ostwärts und westwärts. Alles wurde vom Festland geliefert: frisches Quellwasser, Früchte, sogar Eis. Gehandelt wurden Teppiche, Zelte, Gewürze, Seide, Perlen, Silbermünzen und Gold. »Die Welt ist ein Ring und Hormus ein darin gefasster Edelstein«, so sagte man damals.

Die Stadt war naturgemäß auf Frieden bedacht, doch in den Kämpfen zwischen Arabern und Portugiesen, zwischen Portugiesen und Engländern und wechselnden Allianzen verfiel die Festung. Sollennamen wurden unterschlagen, Wachmannschaften suchten das Weite. Erst das Öl machte die Straße von Hormus im 20. Jahrhundert wieder bedeutend. Und jetzt ruiniert die iranische Blockade den Welthandel. Auf absehbare Zeit werden arme Menschen hungern müssen.

Was tun? Die Lebenserfahrung und die Philosophin Hanne Ahrens sagen, die Grundbedingung der menschlichen Natur sei das Handeln, etwas tun. Aber was? Ich denke an Michel Montaigne, den Politiker, Juristen, Philosophen und Schlossherrn, der sich einst im Süden Frankreichs in einen runden Turm zurückgezogen hat. Zum Nachdenken in Büchern, Blättern und Schreiben, während draußen die Welt in Trümmer fiel und marodierende Banden Brandschatzen vergewaltigten und plünderten. Montaigne lebte im 16. Jahrhundert.

Der Schein der Aufklärung hatte sich schon angekündigt, versank jedoch in der Gewalt eines Bürgerkriegs, in dem Katholiken und Protestanten Königstreue und Abtrünnige einander massakrierten. Montaigne zog sich zurück, um sich im Klaren zu werden über sich selbst und die Welt. Um Form und Struktur in sein Nachdenken zu bringen, schrieb er. Das sind die berühmten Essays, vor 380 Jahren geschrieben, und noch immer sagen sie uns etwas über die Natur des Menschen und die Gesellschaft. Als sei die Zeit stehengeblieben. Seine Themen: Was ist Freundschaft? Ist Ruhm erstrebenswert? Macht Eitelkeit schwach? Warum Krieg? Und über allem für Montaigne die Frage aller Fragen: Wie kann man in schlimmen Zeiten man selbst sein?

Zehn Jahre lang blieb Montaigne in seinem Turm. Er konnte sich das leisten. Haushalt, Anwesen und Güter wurden in dieser Zeit von seinen Bediensteten und seiner Frau verwaltet. Doch der Schlossherr hatte Angst. Bei seinem Nachbarn wurde abgefackelt, geplündert und gemordet. Wann würden sie am Tor seines Anwesens auftauchen? In dieser Stimmung schreibt er über die Verrohung aller Schichten, enthüllt die Phrasen von Ideologen und religiösen Fanatikern. Er sucht Antworten in der Philosophie, von der Antike bis zur Gegenwart. Er fragt nach dem menschlichen Maß, und seine Erkenntnis ist bitter: Der Hang zur Gewalt sei dem Menschen angeboren.

Man könne zwar versuchen, in Güte und Frieden zusammenzuleben, aber wann ist dabei die Grenze zur Servilität und Selbstaufgabe überschritten? Dazu hat vor Kurzem der ehemalige deutsche Außenminister und Grünen-Politiker Joschka Fischer bei einer Veranstaltung im Kreisgeforum etwas Kluges gesagt. Auf die Frage, warum sich die europäischen Politiker gegenüber Donald Trump so unterwürfig verhalten, sagte Fischer sinngemäß: »Das zeige Größe, auch wenn einem vielleicht übel werde angesichts der breiten Schleimspur ins Weiße Haus.« Größe und Souveränität sieht er beim ukrainischen Präsidenten Selenskyj und seinen Landsleuten, dessen Kampferfahrung Europa noch brauchen werde. Denn Donald Trump sei kein Freund Europas mehr, sondern ein Gegner.

Aber wie geht man mit Feinden um? Montaignes Philosophie reifte in Zeiten des Krieges. Er meinte, ich zitiere: »Einen ärgeren Zustand als den, in dem die Niedertracht rechtmäßig wird und sich mit Billigung der Obrigkeit den Mantel der Tugend umhängen darf, kann man sich nicht vorstellen.« Damals gab es kein Recht, wie wir es kennen, und schon gar kein internationales Recht. Wir maßen uns heute an, über das internationale Recht hinwegsehen zu können, weil es ohnehin immer wieder gebrochen wird.

Hundert Jahre nach Montaigne hat Immanuel Kant, der Philosoph der Aufklärung, ein Traktat mit dem Titel »Zum ewigen Frieden« geschrieben, und das war ernst gemeint, nicht ironisch. Erschienen ist es 1795, mitten in Kriegen, in denen sich die Französische Revolution gegen angreifende Monarchien verteidigen musste. »Ein ewiger Friede«, so Kant, sei möglich, wenn sich alle Länder in einem Völkerbund gleichen Rechten unterwerfen. Verboten sei dann ein Friedensschluss, der im Keim schon den nächsten Krieg in sich trägt. Verboten sei es, in jedem Land, ob groß oder klein, andere Staaten zu erben, zu tauschen oder zu kaufen.

Stehende Heere, die es von Natur aus reizt, in einen Angriffskrieg zu gehen, seien abzuschaffen. Stattdessen sollten Staatsbürger regelmäßig an Waffen üben, um ihr Land verteidigen zu können. Keine Partei dürfe sich Feindseligkeiten erlauben, die das Vertrauen zerstören. Das wurde vor 250 Jahren geschrieben. Und es ist irgendwie aktuell, oder? Der Kauf von Grönland wäre nach Kant streng verboten, ebenso gedungene Söldner und Kriegshandlungen, die das Vertrauen erschüttern. Kriege konnte Kant nicht verhindern, aber er konnte die Wege zum Frieden beschreiben. Der Erste Weltkrieg wurde zum Massengrab für 20 Millionen Menschen, ebenso viele Soldaten wie Zivilisten starben. Und im Schatten dieses Kriegs wurde auch noch das Volk der Armenier nahezu ausgelöscht. Alle Kriegsparteien wussten es, niemand schritt rechtzeitig ein. Die Kriegsverbrechen des Ersten Weltkriegs wurden überhaupt nie geahndet. In Deutschland gab es in den 1920er Jahren zumindest ein paar Prozesse, aber eine Farce. Von 900 Soldaten und Politikern, die von den Alliierten namhaft gemacht worden waren, kamen gerade 17 zur Anklage, und die wurden freigesprochen oder sehr milde bestraft und von der Öffentlichkeit auch noch als Helden bejubelt. In Österreich geschah gar nichts. Trotz Zehntausender Zivilisten, auch Kinder und Frauen unter ihnen, die von der Habsburger Armee auf Marktplätzen in Galicien und am Balkan aufgeknüpft worden waren, unter dem Vorwurf, sie hätten mit den Russen kollaboriert.

Der Krieg, so schrieb Sigmund Freud im zweiten Kriegsjahr, ich zitiere: »Setzt sich über alle Einschränkungen hinweg, die man das Völkerrecht genannt hat, anerkennt nicht die Vorrechte des Verwundeten und des Arztes, die Unterscheidung des friedlichen und kämpfenden Teils der Bevölkerung oder die Ansprüche des Privateigentums.« Fünfzehn Jahre später lag schon wieder ein Krieg in der Luft. Freud und der Nobelpreisträger für Physik Albert Einstein wurden vom Völkerbund gebeten, sich zum Thema »Warum Krieg?« zu äußern. Freud, ein Realist, sagt in dem 1933 veröffentlichten Briefwechsel mit Einstein, dass sowohl die Aggression im menschlichen Triebleben angelegt sei, wie auch ihr Gegenteil, aber es sei eine Errungenschaft der Kultur, eine Dominanz des Lebens über das Hassen zu ermöglichen. Und so werde, ich zitiere: »Alles, was die Kulturentwicklung fördert, auch gegen den Krieg arbeiten.«

Einstein, eine Generation jünger und ein radikaler Pazifist, war der Meinung, der Krieg lasse sich nicht humanisieren, nur abschaffen. Er plädierte für eine überstaatliche Organisation, deren Schiedsspruch sich alle Staaten unterwerfen, ähnlich wie Kant. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sah Einstein das allerdings anders, und er rief dazu auf, an der Entwicklung der Atombombe zu arbeiten, ehe die Deutschen sich daran machen. Der Krieg gegen den Nationalsozialismus sei ein gerechter Krieg, und man sei der Menschheit verpflichtet, das Böse auszulöschen.

Und so war es dann auch. Die Vernichtung des europäischen Judentums und die Unterwerfung Halb-Europas durch die Nationalsozialisten konnte nur militärisch beendet werden. Die Welt war fassungslos, als 1945 das Ausmaß der Verbrechen bekannt wurde. Unter diesem Eindruck wurde ein Recht geschaffen, dass so etwas nie wieder geschehen kann. Das Nürnberger Tribunal, die Vereinten Nationen, die Staatsgründung Israels, die Deklaration der Menschenrechte. Heute haben wir einen internationalen Strafgerichtshof, der einzelne Verantwortliche für Kriegsverbrechen zur Verantwortung ziehen kann, und einen internationalen Gerichtshof, vor dem Staaten angeklagt werden.

Das internationale oder Völkerrecht sagt, was in einem Krieg erlaubt ist und was verboten. Es ist so klar wie umstritten. Verboten sind ein Angriffskrieg, die Tötung von Zivilisten und Kriegsgefangenen. Aber was ist denn Kollateralschaden? Ein Schweizer Völkerrechtler hat mir einmal erklärt, dass eine Zahl von 1 zu 30 gerade noch tolerabel sei. Um einen Kombattanten zu töten, könnte man den unabsichtlichen Tod von 30 Zivilisten in Kauf nehmen. Aber wie beweist man, dass dies unabsichtlich war? Der Verantwortliche, so der Völkerrechtler, müsse nachweisen, dass er mit allen ihm zugänglichen Informationen davon habe ausgehen können, mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Zivilisten zu treffen. Schulen, Moscheen, Wohngebiete, Krankenhäuser seien vor Beschuss geschützt, doch auch nicht absolut. Nicht, wenn sie als Waffenlager, Kommandozentralen, Rückzugsort von Soldaten benützt werden.

Man sieht, das internationale Recht ist keine sichere Bank, aber das Einzige, das wir haben. Die Rechtlosigkeit, die Michel Montaigne erlebt hat und aus der sich nachfolgende Generationen herausgerappelt haben, ist gerade wieder im Aufstieg. Vielleicht nur für eine Episode. Ein einziger Donald Trump und seine ruchlosen Unterstützer und seine inkompetenten Verhandler werden die Menschheit nicht bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückwerfen können, auch wenn es sich in der Auseinandersetzung um ein islamfaschistisches Regime wie dem Iran handelt. Der zivilisatorisch-juristische Fortschritt war der rote Faden der letzten 500 Jahre. Dagegen sind die populistischen Diktaturen der Jetztzeit personenbezogene Moden der Rechtlosigkeit, die ihre Schöpfer kaum überdauern können und wohl auch nicht werden. Und damit verabschiede ich mich von Ihnen für heute, Ihre Christa Zöchling.

Das war die heutige Ausgabe der Dunkelkammer. Wenn ihr dieses Projekt mit einem Abo oder einer Spende unterstützen wollt, die Links dazu gibt es auf www.dunkelkammer.at. Hinweise und Feedback bitte an redaktion@dunkelkammer.at. Vielen Dank fürs Zuhören.

Autor:in:

Felix Keiser

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