Ganz offen gesagt
Über Propaganda-Medien - mit Luis Paulitsch

Stefan Lassnig spricht mit Luis Paulitsch von der "DATUM-Stiftung" über sogenannte „alternative Medien“, ihre historische Entwicklung von linken Gegenöffentlichkeiten bis zu heutigen rechtsextremen Propagandaplattformen sowie deren Auswirkungen auf Demokratie und Öffentlichkeit. Die beiden disktuieren, wie sich seriöser Journalismus anhand medienethischer Kriterien und eines Bekenntnisses zur liberalen Demokratie von propagandistischen Angeboten abgrenzen lässt. Zudem wird erörtert, welche Rolle Social Media, Finanzierung, Medienförderung und Zivilgesellschaft im Umgang mit diesen Medien spielen.

Stefan Lassnig
Lieber Luis, herzlichen Dank, dass du dir Zeit für dieses Gespräch nimmst. Ein Grundmotiv bei unserem politischen Podcast ist ja „Transparency is a new objectivity“. Und in diesem Sinne beginnen wir unseren Podcast immer mit der traditionellen Transparenzpassage, also woher wir uns kennen und ob du aktuell für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig bist. Meiner Erinnerung nach kennen wir uns aus der Zeit, in der wir beide im Presserat tätig waren. Du als Referent in der Geschäftsstelle und ich als Senatsmitglied, richtig?

Luis Paulitsch
Nein, nicht ganz, weil ich habe beim Presserat Anfang 2019 begonnen und soweit ich weiß, warst du da schon weg. Wir haben uns dann eigentlich eher erst über Social Media kennengelernt.

Stefan Lassnig
Also müssen wir sagen, wir kennen uns von Twitter.

Luis Paulitsch
Ja, vom früheren Twitter.

Stefan Lassnig
Vom früheren Twitter, OK. Damit gleich zur zweiten Bist du aktuell oder warst du für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig?

Luis Paulitsch
Nein, noch nie gewesen.

Stefan Lassnig
Gut, danke für die Transparenz und danke für den Besuch. Wir sprechen heute über sogenannte und ich sage gleich sogenannte, weil über die Begriffsdefinition müssen wir ohnehin reden, alternative Medien. Einer der Anlassfälle für unser Gespräch ist, im Sommer 2025 ist bekannt geworden, dass für die umstrittene Plattform Exxpress rund 41.000 Euro an - jetzt kommt’s - Qualitätsjournalismusförderung ausgeschüttet werden. Das hat für großes Aufsehen gesorgt und das hat auch die Debatte zur Definition von „Medien“ in Österreich wieder neu angefacht. Du hast ein sehr interessantes Buch dazu geschrieben „Alternative Medien. Definition, Geschichte und Bedeutung.“ Hauptberuflich arbeitest du ja für die Datum Stiftung, die laut Homepage als Stiftungszweck „Förderung und Bewahrung von sorgfältigem Journalismus als wesentlicher Stützpfeiler einer liberalen demokratischen Gesellschaft“ hat.

Wie hängen jetzt euer Stiftungszweck und die Beschäftigung mit den alternativen Medien zusammen?

Luis Paulitsch
Also die Datum Stiftung wurde gegründet vor dem Hintergrund, dass wir den unabhängigen und sorgfältigen Journalismus in Österreich stützen wollen, weil wir sehen, dass der sowohl ökonomisch wie auch politisch immer stärker unter Druck gerät. Und gerade eben, wenn es um die Frage geht, was gehört in einer Demokratie gefördert zur Information der Gesellschaft, dann glauben wir, das muss der unabhängige Journalismus sein. Und das ist natürlich auch eine Folge davon, dass gerade im digitalen Raum wir seit mehreren Jahren schon eine Zunahme an diesen „Pseudonews-Portalen“ oder man könnte auch sagen Alternativ- und Propagandamedien beobachten. Und insofern geht es natürlich auch mir als Mitarbeiter der Datum Stiftung darum zu erforschen, was ist heutzutage Journalismus und was muss man oder wie kann man andere Kommunikationsformen davon abgrenzen.

Stefan Lassnig
Lass uns gleich bitte dabei bleiben. Du hast jetzt schon angedeutet, wie kann man Journalismus heute definieren? Ich finde nämlich in deinem Buch sehr interessant die Aufarbeitung der Geschichte, wo man nämlich auch sieht, das ist jetzt gar keine Erfindung von rechten oder rechtspopulistischen Parteien, sondern das hat es immer schon gegeben, auch schon von linker Seite. Aber darauf kommen wir noch. Fangen wir vielleicht mit der Begriffsdefinition an. Ich habe mit dem ich schicke es voraus, ich habe mit dem Begriff alternative Medien keine Freude, weil mir das, weil du schreibst es in deinem Buch ja durchaus auch, Medien treffen könnte, diese Bezeichnung auch Medien treffen könnte die seriösen Journalismus abliefern. Aber jetzt vielleicht fangen wir mit einer Abgrenzung an.
Was sind diese Art von Medien in Abgrenzung zu journalistisch sauber arbeitenden oder sorgfältig oder seriös arbeitenden Medien?

Luis Paulitsch
Also vorweg, ich glaube, man muss unterscheiden, ob man diesen Begriff verwendet in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Und mein Buch ist ja in einer kommunikationswissenschaftlichen Reihe erschienen. Das heißt, mir geht es eher darum zu erforschen, wie definiert man alternative Medien eben aus Sicht der Kommunikationsforschung und davon abgrenzen muss man die Frage, verwendet man diesen Begriff in der politischen Öffentlichkeit. Und das ist natürlich anders zu bewerten, weil wir eben heute sehen, dass gerade viele Medien, die kampagnenartig oder propagandistisch arbeiten, diesen Begriff zu Eigen- und PR-Zwecken verwenden. Insofern glaube ich, wenn wir in der Öffentlichkeit darüber reden, ist es sinnvoller den Begriff Propagandamedien oder eben auch „nicht journalistische Medien“ zu gebrauchen. Wir müssen aber trotzdem dazu sagen, dass es immer mehr auch seriöse Medien gibt, die durchaus unter diesen Begriff der Alternativmedien fallen. Und das führt mich zu deiner Frage.

Das ganz wesentliche Kriterium ist, um von einem Alternativmedium zu sprechen, ist dieses Medium in seinem Selbstverständnis dazu da, eine Gegenöffentlichkeit zur etablierten Medienlandschaft aufzubauen. Das heißt, sagt ein Medium, ich sehe gewisse Inhalte oder Positionen nicht ausreichend berücksichtigt in der etablierten Medienlandschaft und baue daher ein eigenes Medium auf. Das beschränkt sich aber nicht nur auf die Inhalte, sondern es geht zum Beispiel auch um die Strukturen. Also auch wenn ich zum Beispiel sage, ich grenze mich vom kommerzialisierten Mediensystem ab, dann habe ich es auch oft mit einem sogenannten Alternativmedium zu tun. Also insofern, das wesentliche Entscheidungsmerkmal oder Abgrenzungskriterium ist immer die Herstellung einer Gegenöffentlichkeit. Und das waren im Laufe der Geschichte ganz unterschiedliche Formate, auch was die politische Ausrichtung betrifft.

Stefan Lassnig
Setzen wir da gleich an. Wenn du sagst Gegenöffentlichkeit in deinem Buch schilderst du ja, dass die ersten dieser Gegenöffentlichkeiten eigentlich aus der linken Ecke gekommen sind. Kannst du da kurz drüber was erzählen?

Luis Paulitsch
Genau, also man muss zunächst sagen, alternative Medienangebote gab es immer schon seit publizistische Medien existieren. Also schon die Reformatoren haben zum Beispiel Schriften oder Flugschriften gebraucht, die natürlich eine Alternative zu den von der Kirche autorisierten Schriften darstellten. Aber dieser Begriff Alternativmedium ist im Laufe des 20. Jahrhunderts aufgekommen und stand damals in engem Zusammenhang zunächst mit den Zeitschriften und Zeitungen im Zuge der Studentenrevolte im deutschsprachigen Raum. Also das war vor allem an Universitäten zu beobachten, dass im Zuge des Vietnamkriegs und dann auch der Studierendenproteste rund um die 68er-Bewegung immer mehr Zeitschriften im universitären Umfeld entstanden, die gesagt haben, wir bilden eine Gegenöffentlichkeit zu den sogenannten Mainstream Medien. Und ein wesentlicher Gegner war damals zum Beispiel die Bild Zeitung und die Springerpresse.

Also diese Forderung der Studierendenrevolte „Axel Springer enteignen“, wurde zunächst abgedruckt in Alternativmedien und das hat sich dann auch auf andere linke soziale Bewegungen übertragen. Also es gab dann auch die Frauenbewegung, die eigene Zeitschriften gegründet hat und später dann auch die Umwelt- und Anti-AKW Bewegung, die ebenfalls auf Alternativmedien zurückgegriffen haben, um ihre politischen Forderungen und Wertvorstellungen zu transportieren.

Stefan Lassnig
Ich würde jetzt behaupten, das ist per se noch nicht demokratiegefährdend, sondern sogar eventuell demokratiefördernd, wenn es eine Meinungspluralität gibt.

Luis Paulitsch
Auf jeden Fall.

Stefan Lassnig
Und jetzt anschließend an diese Zeit, die du jetzt geschildert hast, gab es ja jetzt zumindest in Österreich eine Hochblüte von Parteizeitungen. Also da könnte man jetzt auch sagen, das war jetzt auch nicht gerade der Höhepunkt der Medien- und Pressefreiheit in Österreich. In der Zeit, wo es so viele Parteimedien gegeben hat. Und auch in dieser Zeit hat die Demokratie ganz gut funktioniert. Diese Parteimedien haben dann in den 2000er Jahren an Bedeutung verloren. Also das war so Auf und ab Bewegung eigentlich. Und was macht jetzt die Situation so besonders?

Luis Paulitsch
Die Situation macht jetzt besonders, dass wir mit dem Aufstieg von Social Media einen enormen Anstieg wieder an selbsternannten Alternativmedien erleben, die aber im Unterschied zu früher sich nicht zwangsläufig gegen das politische Establishment richten, sondern oft verdeckt im Naheverhältnis zu einer Partei stehen und daher weniger eigentlich sozialen Wandel herbeiführen wollen, sondern in Wahrheit ein politisches Kampagnenorgan geworden sind. Also wir verbinden heute diesen Begriff und deswegen wird auch problematisch gesehen immer stärker mit Medien, die Desinformation oder Verschwörungstheorien verbreiten. Also sehr oft ist, wenn wir über Alternativmedien reden, haben wir automatisch ganz viele Projekte im Spektrum der extremen Rechten, die uns in den Kopf kommen.

Stefan Lassnig
Lass uns dabei bleiben, nämlich auch was den Auftritt und das Digitale betrifft. Ich würde deine Einschätzung teilen, dass jetzt im Gegensatz zu früher Social Media eine große Rolle spielt und vielleicht Social Media auch deswegen eine große Rolle spielt, weil wenn diese Ich tue mir immer schwer aus, was ich sie bezeichnen soll, Medien. Es sind natürlich schon Medien. Also wenn diese Medien zum Beispiel radikale Ansichten vertreten oder auch Ansichten vertreten, die dazu geeignet sind, Menschen zu empören, dann funktioniert das auf Social Media sehr gut und dadurch wird viel Reichweite generiert.

Luis Paulitsch
Genau. Also wir können ganz eindeutig sagen, dass die Polarisierung, die durch die wenig transparenten Algorithmen auf Social Media befördert wird, maßgeblich dafür verantwortlich ist, dass gewisse extremistische Medienprodukte ab dem Jahr 2015 spätestens an Reichweite erlangt haben. Ein anderer Faktor sind die geringen Zugangsbarrieren, die durch Social Media auch entstanden sind. Also wenn wir uns daran zurückerinnern, im 20. Jahrhundert musste ich auch wenn ich eine Laienzeitung betrieben habe, Druckkosten und Vertriebskosten stemmen. Ich habe eine Lizenz gebraucht, wenn ich einen Radiosender gründen wollte.

Also da gab es Zugangsbarrieren und die sind mit der Digitalisierung weggefallen. Und Social Media hat eben dafür gesorgt, dass ich auch mit einer kleinen Webseite in relativ kurzer Zeit eine Reichweite über die eigentliche Zielgruppe hinaus erreichen kann. Und das führt eben dazu, dass rechtsextreme Publikationen, zum Beispiel, die früher nur im einschlägigen Milieu gelesen wurden, auf einmal auch Personen erreichen, die sich selbst nie als rechtsextrem definieren würden.

Stefan Lassnig
Dazu zwei Anmerkungen bzw. Fragen. Die eine ist, das hast du in deinem Buch sehr gut beschrieben, nämlich auch als Besonderheit die Vernetzung untereinander und das gegenseitige Hochpushen untereinander. Das funktioniert ja in dem Bereich sehr gut.

Luis Paulitsch
Ganz genau. Das ist auch etwas, was die sogenannten Alternativmedien oder Propagandamedien gut erkannt haben, dass Social Media ja auch dann gut funktioniert, wenn mehrere Akteurinnen und Akteure gleichzeitig beginnen, ein gewisses Thema zu lancieren. Das haben wir schon bei der Identitären Bewegung beobachten können mit den Hashtags, die bewusst gesetzt wurden. Und mittlerweile können wir im Bereich dieser Medienprojekte auch ein eigenes Ökosystem beobachten, das so funktioniert, dass sie in der Regel dieselben Personen einladen. Also sie haben dieselben selbsternannten Experten, sie haben dieselben Autoren. Also wir sind da ganz viele personelle Überschneidungen. Und eben auch, was die Themen betrifft, wird in der Regel zum selben Zeitpunkt über das gleiche Thema berichtet.

Und ganz deutlich haben wir das beobachten können im Sommer bei der deutschen Richterkandidatin Frauke Brosius-Gersdorf. Da hat das Beratungsnetzwerk Polisphere aufgedeckt, dass wirklich innerhalb von einer Woche, glaube ich, sieben oder acht dieser Medienprojekte im rechten Spektrum begonnen haben, auf eine ganz ähnliche Art und Weise dazu zu berichten. Also das ist diese koordinierte Vorgehensweise im digitalen Raum, die dazu beiträgt, dass dann auch diese Themen und inhaltlichen Schwerpunkte oder man könnte auch sagen Wordings auch in die breitere bürgerliche Öffentlichkeit gelangen und damit dann erfolgreiches Agenda Setting betrieben wird.

Stefan Lassnig
Was da noch dazuzukommt. Und das wäre meine zweite Frage bzw. Anmerkung: Im Gegensatz zu früher, slso früher war es ja, glaube ich, schwieriger, sich in seiner Meinung zu bestätigen, weil da hat man Leute suchen müssen, die einem gleichgesinnt sind. Man ist vielleicht ins Gasthaus gegangen und hat dort aber nicht Leute getroffen, die einem gleichgesinnt waren oder die der gleichen Meinung waren. Das geht ja jetzt viel einfacher. Durch diese digitale Vernetzung kannst du ja viel eher bei dir selbst auch das Gefühl erzeugen, ja, ich bin ja gar nicht alleine mit meiner Meinung. Das hat wahrscheinlich auch zum Aufstieg beigetragen.

Luis Paulitsch
Total, weil diese Medienprojekte gerade auch in dieser, in dieser Schwerpunktsetzung auf propagandistische oder verschwörungsmythische Erzählungen bei den Menschen oft auch das Gefühl von Community Building und Identitätsstiftung erzeugen. Also ich glaube, wir haben oft das Missverständnis, dass wir denken, die Menschen konsumieren das, weil sie den Inhalt glauben. Das muss gar nicht unbedingt sein. Es geht oft viel stärker um ein Gefühl, zu einer Gemeinschaft dazuzugehören. Und dementsprechend eben auch schaffe ich dann auch wenn ich vielleicht gar nicht so eine hohe Reichweite habe, mir eine sehr treue Wählerinnen, eine sehr treue Leserschaft aufzubauen.

Stefan Lassnig
Ja, auch Wählerinnenschaft, das freut ein Freud‘scher Sprecher.

Luis Paulitsch
Ich bin schon beim nächsten Thema der Parteien.

Stefan Lassnig
Aber lass uns kurz bei dem Community Thema bleiben, weil das finde ich extrem wichtig. Teilweise wird ja auch das Gefühl erzeugt, was ja bei Verschwörungstheorien meistens der Fall ist, dass man über gewisses Wissen verfügt, das andere nicht haben und das schweißt zusammen und das grenzt auch ab. Das schafft ja auch, du hast eh schon gesagt, Identität.

Luis Paulitsch
Ja, ganz genau. Also ich empfehle da zum Beispiel die Publikation von Oliver Nachtwey und Carolin Amlinger, die genau gezeigt haben, dass das, was in der Corona Pandemie auch passiert ist, diese Radikalisierung auch eine Folge davon ist, dass wir in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr gesellschaftliches Wissen an Expertinnen und Experten abgegeben haben. Und das wurde in der Pandemie sichtbar und das führt beim Individuum zu einem Kontrollverlust. Und dementsprechend wendet man sich dann oft auch vermeintlich einfachen Erzählungen zu, die mir die Welt wieder begreiflich machen und Verschwörungsmythen sind hier eben dann oft auch eine Folge davon, dass ich eben das Gefühl habe, ich komme im wissenschaftlichen Diskurs von dem, was eigentlich in der Welt passiert, gar nicht mehr mit. Und gerade eben dieses Gefühl der Unsicherheit wird von diesen selbsternannten Alternativmedien dann massiv befördert oder befeuert.

Stefan Lassnig
Ich habe jetzt ein Zitat aus deinem Buch, nämlich auch wieder, um auf der inhaltlichen Ebene Alternativmedien oder auch Medien, die propagandistisch arbeiten, abzugrenzen. Da schreibst Du „Haben wir es mit einem innovativen Projekt zu tun, das Lücken in der Berichterstattung schließt oder verfolgt das alternative Medium mit seinen Beiträgen in Wahrheit andere, (Demokratie schädigende) Ziele.“ Ich glaube, dass das die wichtigste Abgrenzung ist, die man vornehmen muss, weil zum Beispiel zu „Ich schaffe gegen Öffentlichkeit, ich ermögliche Meinungspluralität jetzt egal von welcher politischen Seite“. Das finde ich persönlich alles demokratiebereichernd. Und gefährlich wird es dann, wenn es um demokratieschädigende Ziele geht. Wo würdest du das festmachen dann?

Luis Paulitsch
Ich würde es genau bei der verbreitet dieses Medium Propaganda und Desinformation festmachen. Also mir ist es eben auch wichtig, dass man diesen Begriff Alternativmedium eben aus wissenschaftlicher Sicht nicht ideologisch definiert. Das ist auch der Stand der Kommunikationswissenschaft derzeit. Also dementsprechend eben, wir haben ja wahnsinnig viele spannende Projekte, gerade im digitalen Raum, die auch sagen, wir wollen nicht mehr wie die etablierte Medienlandschaft sein, aber wir wollen zum Beispiel weiterhin journalistische Standards hochhalten. Also wir verzichten vielleicht auf Sensationsmeldungen, auf Clickbaiting, etwas, was auch in den etablierten Medien immer stärker durch Social Media Einzug erhalten hat, sondern wir gehen wieder stärker auf Hintergrundberichterstattung, auf Slow Journalism und grenzen uns dadurch ab und fallen vielleicht auch unter den Begriff des Alternativmediums.

Aber das ist in einer Demokratie ja wahnsinnig wichtig, weil es führt eben zu mehr Medien und Meinungsvielfalt auch. Und dann gibt es aber immer mehr Projekte, und das ist ein Trend, den erleben wir in der gesamten westlichen Welt, die diese Form der liberalen Demokratie mehr oder weniger abschaffen wollen und dabei auf Propaganda und Desinformation zurückgreifen und somit zu dieser Polarisierung beitragen, von der dann am Ende populistische bis extremistische Kräfte profitieren.
Und da muss man leider sagen, das funktioniert seit mehreren Jahren sehr gut und ist glaube ich, auch ein wesentlicher Faktor für den Trumpismus, der gerade in der gesamten Welt um sich greift.

Stefan Lassnig
Ich möchte in dem Zusammenhang auf ein anderes Werk zurückkommen, das du mit dem Sebastian Laudon gemeinsam herausgegeben hast, dass anlässlich der Veranstaltung „Acht Tische für die vierte Gewalt“ ausgeteilt worden. Ist. Zu dieser Veranstaltung und zu den Ergebnissen werden wir im Jänner noch eigene Ganz-offen-gesagt-Folge aufnehmen.

Aber lass uns über dieses Werk reden, weil da drinnen ist nämlich eine, wie ich finde, sehr praktikable Anleitung drin, wie kann man, ich sage jetzt unter Anführungszeichen, echten Journalismus von nicht echtem Journalismus unterscheiden. Und da habt ihr versucht, einen Kriterienkatalog zu entwickeln, jetzt gar nicht so sehr eine Definition, sondern ein Kriterienkatalog. Und warum ich jetzt darauf gekommen ist, ein Kriterium da drinnen ist erkennbares Bekenntnis zu den Grundwerten einer offenen demokratischen Gesellschaft, zum Beispiel Rechtsstaatlichkeit, liberale Grundrechte. Ich finde, das ist, also der Kriterienkatalog ist insgesamt sehr wertvoll, ich werde ihn dann in Shownotes auch verlinken.

Aber der Punkt ist, glaube ich, ganz entscheidend, weil das unterscheidet dann jetzt zwischen Meinungsvielfalt, die für die Demokratie total wichtig und gut ist und selbst Meinungen, die man selbst nicht vertritt oder die man vielleicht sogar nur schwer aushält, können da rein. Aber da ist dann eine Grenze, wo man sagt, es geht um eine offene demokratische Gesellschaft und die Grenze wird halt da oder dort ziemlich klar angegriffen.

Luis Paulitsch
Ganz genau. Also das ist unser Ansatz ja auch als Datumstiftung, dass wir sagen, der Journalismus ist eine Dienstleistung in der liberalen Demokratie und es gibt auch nur Journalismus in der liberalen Demokratie, denn das sehen wir überall. Sobald Gesellschaften autoritär werden, werden als erstes die journalistischen unabhängigen Medien angegriffen. Und deswegen glauben wir auch, man kann natürlich auch ein Nachrichtenprodukt betreiben, wenn man eigentlich einen autoritären Staat möchte, aber dann ist man eben in der Regel kein Journalist, sondern ein Propagandist, weil man ja letztlich auch dazu beitragen möchte, dass es künftig keine unabhängigen Journalistinnen und Journalisten mehr in diesem Staat dann gibt. Und das muss man auch sagen, ist etwas, was in der Kommunikationsforschung bei einem Großteil mittlerweile so gesehen wird.

Also wir haben auch in dem Buch ein Kapitel von den Medienforschenden Andy Kaltenbrunner und René Lukschitz, die eben auch aufzeigen, dass eine Journalismusdefinition, die zwar schwierig ist, aber immer mit einem demokratiepolitischen Konnex herzustellen ist.

Stefan Lassnig
An der Stelle möchte ich allerdings anmerken, dass das gilt ja für alle Medien, auch für die etablierten Medien. Und da haben wir auch in den letzten Jahren einige Entwicklungen, Tendenzen gesehen, die an diesem Punkt arbeiten sollten. Ich meine jetzt da weniger den Punkt, das Bekenntnis zu einer demokratischen Gesellschaft, das würde ich jetzt 99 Prozent der etablierten Medien unterstellen, dass sie den haben, aber eher diese Parteinähe, eher diese Nähe zu den Eigentümern und deren politischen Einstellungen. Also ich würde an der Stelle immer sagen, die gesamte Medienlandschaft muss daran arbeiten, nicht nur den Blick Richtung neue Medien zu richten.

Luis Paulitsch
Ja, also ich glaube auch Politikferne ist enorm wichtig, weil es ja auch wieder um die Frage der Unabhängigkeit geht. Und je näher ich einer politischen Partei oder Institution bin, umso eher werde ich vielleicht dann auch im Einzelfall nicht so genau hinschauen als Medium, obwohl eigentlich Kontrolle ja eine meiner ganz wesentlichen Aufgaben als journalistisches Angebot ist. Trotzdem haben wir auch hier einen pragmatischen Ansatz, dass wir sagen, wir haben sozusagen einen Kriterienkatalog und muss dann nicht jedes einzelne Kriterium auch erfüllt sein, sondern je mehr erfüllt sind, umso eher ist davon auszugehen, dass es ein journalistisches Angebot ist.

Grundsätzlich glaube ich, dass das generell ein Problem in Österreich ist, dass diese Nähe zwischen der Politik und den Medien nach wie vor zu wenig thematisiert wird. Ich glaube schon, das hören wir auch jetzt immer wieder von Personen, die auf Podien sitzen, dass diese sogenannte Verhaberung tendenziell abnimmt, auch weil junge Menschen nicht mehr so eng mit der Politik sind, wie das vor ein paar Jahrzehnten noch der Fall ist. Aber gerade eben, wenn es um die Frage geht, wie abhängig sind Medien von der Politik geworden und wie sehr ist diese Abhängigkeit auch ein Einfallstor für autoritäre Politikerinnen und Politiker. Diese Debatte, glaube ich, wurde leider in den letzten Jahren nicht geführt, obwohl eigentlich Der Rücktritt des Ex-Kanzlers Sebastian Kurz viel Anlass dazu geboten hätte.

Stefan Lassnig
Du hast jetzt das Wort noch nicht ausgesprochen, aber wir kommen daran nicht vorbei, nämlich das Wort Förderungen. Aber du hast jetzt schon von einer großen Abhängigkeit gesprochen. Und ich glaube, da liegt ein großes Problem speziell in Österreich begraben, das uns zum Beispiel von Deutschland unterscheidet. Ich bin immer wieder, also deutsche Kolleginnen und Kollegen, mit denen man über Österreich spricht, die sind immer wieder sehr überrascht über die Nähe zwischen Politik und Medien in Österreich. Ich sage immer, das hat in meinen Augen zwei wesentliche Gründe. Das eine ist die räumliche Nähe. Wenn man sich ehrlich ist, spielt sich der Großteil dieses Themas in Wien ab.

Und Wien ist wirklich nicht so groß. Das habe ich selber die letzten 13 Jahre kennenlernen dürfen. Also Wien ist schon groß, aber eine gewisse Bubble ist überschaubar.

Das ist auch ein Grund. Und in Deutschland spielt es sich doch in Berlin, in Hamburg, in München ab. Da gibt es vielleicht ein paar Handlungsorte. Aber der zweite wesentliche Unterschied, die österreichischen Medien sind deutlich abhängiger von öffentlichen Geldern. Und das hat verschiedene Gründe, die glaube ich, müssen wir jetzt nicht alle ausbreiten. Und das ist jetzt auch nicht unbedingt das Verschulden der Medienunternehmen. Aber Faktum ist, es gibt eine große finanzielle Abhängigkeit.

Und auch das schafft natürlich Nähe und vielleicht auch ungute Nähe. Und umso wichtiger, glaube ich, ist dann, und das war ja der Anlassfall unter anderem für unser Gespräch heute, wo zieht man da dann die Grenzen? Also wie kann die Politik, also welche Medien soll die Politik fördern? Und wenn sie das macht, welche Kriterien soll sie anlegen? Sie tut sich ja irrsinnig schwer, nämlich egal welcher Regierung inhaltliche Kriterien festzulegen. Und das verstehe ich sogar, weil zum Beispiel der Begriff der Qualität für Christian Hafenecker ist Qualität sicher was anderes, also Hafenecker ist Mediensprecher der FPÖ wenn ich es richtig im Kopf hab, ist Qualität was anderes wie für Abgeordnete der Grünen Qualität ist. Also ich finde den Qualitätsbegriff auch problematisch. Insofern ist ja so ein Kriterienkatalog wie den, den ihr entwickelt habt, finde ich schon viel brauchbarer.

Luis Paulitsch
Das freut mich zu hören. Also natürlich kann man Qualität schon definieren, weil es in den letzten Jahrzehnten in der Wissenschaft extrem viel Arbeit gegeben hatte. Und mit meinem Background als ehemaliger Mitarbeiter des Presserats würde ich auch sagen, man kann hier einen professionsethischen Ansatz wählen, dass man vor allem die Frage stellt, erkennt man die Regeln, die ethischen Regeln der Selbstkontrolle an, die ja oft auch eine Kodifizierung von sogenannten Qualitätskriterien im Journalismus sind. Aber ich verstehe es auch, dass sich der Gesetzgeber schwer tut, weil eben durch die Digitalisierung ja gewisse Kriterien, die früher noch einen Anhaltspunkt geboten haben, immer stärker wegfallen und es auch immer schwieriger wird, im digitalen Raum hier noch eine Grenze zu ziehen. Ich habe es schon gesagt, früher gab es gewisse Zugangsbarrieren und an denen orientiert sich der Gesetzgeber ja bis heute, zum Beispiel eben die Printauflagezahl oder die Anzahl der beschäftigten Mitarbeiter.

Nur wir sehen ja jetzt, und das führt mich zu der Förderung eingangs an den Exxpress, dass hier der Journalist, der Gesetzgeber an seine Grenzen stößt, weil er eigentlich ein institutionelles und damit veraltetes Journalismusverständnis pflegt, weil der Journalismus sich immer stärker entkoppelt von den traditionellen Medienkanälen. Also Journalismus muss heute nicht mehr über Print oder Fernsehen publiziert werden, sondern es gibt auch Podcasts, es gibt Reels, es gibt Newsletter.

Und ich finde, da wäre der Gesetzgeber jetzt angeleitet, sich an diese Realitäten des 21. Jahrhunderts und der Digitalisierung stärker anzupassen, auch vor dem Hintergrund, dass wir durch die künstliche Intelligenz ja nicht wissen, wie sich das überhaupt entwickeln wird, Journalismus in der Zukunft. Man muss jedoch positiv dazu sagen, dass ja jetzt auch im Medienministerium versucht wird, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Medienförderung komplett neu aufzustellen. Also insofern, ich möchte nichts vorweggreifen, bin sehr gespannt, was da rauskommt, aber wir beide sind schon sehr lange in der Branche, dass wir wissen, der Versuch, medienpolitisch was zu verändern, stößt immer wieder auf sehr große Widerstände. Insofern bin ich skeptisch, ob sich am Ende tatsächlich was ändert.

Stefan Lassnig
Dieser Widerstand kommt ja vor allen Dingen von den Gatekeepern, den früheren Gatekeepern. Du hast heute schon gesagt, diese Gates, die gibt es ja großteils nicht mehr, weil die Gates, die dann gekippt worden sind, waren ja zum Beispiel Drucktürme oder auch Logistikunternehmen und das hat ja die Digitalisierung alles weggespült. Insofern ist es ja hochinteressant zu beobachten, das Abschaffen dieses Gatekeepings. Das sehe ich durchaus auch positiv, weil wenn ich mir überlege, wie früher wenige Verlegerinnen und Verleger in Österreich Politik gemacht haben und die haben an einem Tisch Platz gehabt, die hätten theoretisch an einem Tisch auch Blattlinien besprechen können, gemeinsame, dann hat ja diese Digitalisierung durchaus mehr Pluralität gebracht, hat aber auch den Nachteil, dass durch das offene Gate halt wirklich alle durch können. Umso wichtiger sind diese Abgrenzungskriterien, die wir entwickeln sollten, beziehungsweise wo es ja einen konkreten Vorschlag von euch gibt.

Ich würde gerne im dritten und letzten Block unseres Gesprächs noch einmal darauf eingehen, Was machen wir jetzt mit der Situation? Wie gehen wir jetzt damit um?

Du hast nämlich auch im Buch geschrieben, alternative Medien sind aus demokratiepolitischer Perspektive wünschenswert und sorgen regelmäßig für einen Ausgleich im öffentlichen Meinungsspektrum. Also das kann ich hundertprozentig unterschreiben.

Luis Paulitsch
Genau das haben wir auch schon besprochen, dass das ja an sich etwas sehr Wünschenswertes ist, Aber wie überall ist diese Entwicklung in einer Dialektik zu sehen. Also es hat Vor- und Nachteile. Ein Vorteil eben ist, dass generell auch Alternativmedien aus dem rechten Spektrum für eine Erweiterung des Meinungskorridors sorgen. Gleichzeitig aber der Nachteil ist, dass eben oft gerade im digitalen Raum mit sehr aggressiven, manipulativen Methoden vorgegangen wird. Und wir sehen natürlich im Zuge der Krisenereignisse, dass wir immer stärker diese fragmentierte Öffentlichkeit haben. Insofern ja, ich sehe es auch grundsätzlich positiv, dass die Gatekeeper an Macht verloren haben und dass heute jede Person potenziell eine Stimme bekommt, also nicht nur Empfänger ist, sondern auch Sender sein kann. Aber eben gerade, wenn wir uns zum Beispiel die Corona Pandemie anschauen, haben wir gesehen, dass eigentlich gesellschaftliche Milieus teilweise eine völlig unterschiedliche Wahrnehmung von der Realität haben.

Und das, glaube ich, war früher durch die sogenannten Legacy Medien schon einfacher. Also weil einfach wir eine gemeinsame Informationsquelle eher hatten. Das haben wir einfach durch die Digitalisierung nicht mehr. Und insofern glaube ich, ist das schon eine Herausforderung gerade vor der die Demokratie steht. Wie organisieren wir Medienpolitik und andererseits auch, wie sorgen wir im digitalen Raum für einen entsprechenden Ausgleich? Weil das muss uns auch einfach klar sein. So wie die politischen Verhältnisse gerade auf der Welt sind, werden ja auch auf Social Media Plattformen propagandistische Medienangebote gezielt gepusht und gefördert. Also wir befinden uns ja gerade als demokratische Staaten eher auf dem Rückzug. Und wenn wir nicht wollen, dass diese Entwicklung weiter voranschreitet, werden wir uns auch über überlegen müssen, wie wir hier neue Medienangebote schaffen, die die Demokratie wieder stärker verteidigen oder unterstützen.

Stefan Lassnig
Du hast nämlich zusätzlich zu dem Satz, den ich da vorgelesen habe, dass es prinzipiell wünschenswert ist, weil es am Spektrum erweitert ist, noch ein weiterer Satz, der mindestens genauso wichtig ist. „Allerdings werden derartige Gegenöffentlichkeiten heute oft nicht (mehr) mit fairen Mitteln hergestellt, sondern durch gezielte Propaganda und die Missachtung medienethischer Prinzipien“ und da liegt ja der Hund begraben. Es geht ja gar nicht darum zu sagen, man hat ein Problem mit und da finde ich, sollten wir alle dran arbeiten. Das ist auch immer wieder eine Erinnerung an mich selbst, dass man auch mit Meinungen umgehen muss und Meinungen akzeptieren muss, die man überhaupt nicht mittragen kann, solange sie in einem gewissen Korridor sind. Aber es geht ja da schon faire Mittel, Propaganda, Missachtung, medienethische Prinzipien, da ist an der Grenze zu ziehen.

Luis Paulitsch
Ganz genau, da ist die Grenze zu ziehen bei der Frage, was hilft unserer Demokratie und was ist möglicherweise, kommt unter dem Deckmantel Journalismus und Pressefreiheit daher, ist aber in Wahrheit ein politisches Projekt. Und ich glaube, das haben wir auch verlernt, ein wenig hier präzise zu unterscheiden, weil eben medienethische Prinzipien, wie zum Beispiel der Persönlichkeitsschutz, Faktizität, Ausgewogenheit und Diskriminierungsverbot sind Kriterien, die in der Regel von solchen Projekten nicht eingehalten werden. Und da muss es auch der demokratischen Gesellschaft erlaubt sein, das öffentlich aufzuzeigen und zu kritisieren. Und was auch noch viel zu kurz kommt in der Debatte ist, dass solche Projekte ja sehr häufig auch aus einem politischen Interesse heraus dann von Einzelpersonen finanziert werden und eben nicht, wie seriöse journalistische Medien darauf angewiesen sind, dass sie von dem Publikum getragen werden und dementsprechend auch eine Glaubwürdigkeit bewahren müssen, die diese propagandistischen Medien in der Regel nicht haben. Und eben das müssen wir uns auch eben also das ist ja auch eine spannende Entwicklung gerade was veranlasst überhaupt so einzelne wohlhabende Menschen gerade dazu, Propagandamedien aufzubauen? Also welche Interessen werden da auch bedient? Und ich glaube, das sollte uns auch im Umgang mit Alternativmedien viel stärker interessieren und beschäftigen.

Stefan Lassnig
Kann ich auf jeden Fall unterschreiben. Zwei aktuelle Beispiele.

Das österreichische Medium Exxpress schreibt ja offenbar Verluste, die ja jemand abdecken muss. Und die Frage, warum deckt jemand Verluste von einem Medium ab, das offenbar alleine nicht überlebensfähig ist, finde ich eine hochspannende Frage, der man sich widmen sollte. Und gestern habe ich gelesen, dass auch die Hauptgesellschafterin, die die deutsche Gruppe rund um das Portal Njus auch Verluste schreibt und jetzt für die Höhe der Verluste gar nicht so hohe Reichweite hat. Sie ist gerade und gerade noch nicht einmal in den Top 100 Onlineportalen Deutschlands habe ich gestern gelesen. Also diese Frage, Cui bono und auch diese Frage, wer finanziert es, ist sicher hochspannend.

Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Das wäre nämlich für mich auch ein Unterscheidungskriterium. Medien, die von tendenziell demokratiefeindlichen Bewegungen unterstützt werden. Und ich gehe so weit, dass ich sage, es ist ja auch bekannt, dass es auch Geldflüsse zum Beispiel von Russland zu diversen Medienportalen gibt. Und ich glaube, denen kann man relativ locker Demokratiefeindlichkeit unterstellen. Das geht ja sogar noch weiter. Und wenn man da drauf schaut, genauer, dann eröffnet sich schon ein klarer Unterschied zu dem, was wir als klassische Medien bezeichnen.

Luis Paulitsch
Ja, und eigentlich wäre es die Aufgabe der journalistischen Medien oder klassischen Medien stärker auch sich das anzuschauen und aufzuzeigen. Und das glaube ich, ist auch ein Versäumnis des unabhängigen Journalismus der letzten zehn Jahre, dass man diese propagandistischen Medien tendenziell eher vernachlässigt hat, maximal dem Medienjournalismus überlassen hat, wo wir alle wissen, gerade in Österreich beschränkt sich der Medienjournalismus auf einige wenige Medien und Rubriken, obwohl es in Wahrheit ja hier um eine politische Ebene geht. Also wir sehen einerseits im Umfeld der FPÖ gibt es ganz viele Medien, die sich als Vorfeld der Partei mittlerweile offen definieren. Das heißt, das ist ein symbiotisches Verhältnis, das da entstanden ist. Insofern sollten wir auch viel stärker die FPÖ mit den Inhalten dieser Alternativmedien konfrontieren. Und eben daneben, und das sehe ich auch ein Problem, droht diese Oligarchisierung der Medienbranche. Also wenn wir uns anschauen, wie Orban vorgegangen ist, dann war das ja genau, dass ihm nahestehende Personen Medien aufgekauft haben.

Und ich glaube, wir können den Exxpress hier als ein Produkt dieses Aufstiegs oder auch dieser aggressiven Medienpolitik einzelner Oligarchen betrachten. Und wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir auch stärker uns die Frage stellen, inwieweit ist das auch mit der Demokratie vereinbar, dass hier einzelne Personen eben permanent das Publikum mit Kulturkämpfen und Propaganda versorgen.

Stefan Lassnig
Ich bin ja immer skeptisch, wenn man nur Forderungen stellt an andere, an Verbände, an Politikerinnen und Politiker. Ich frage mich dann ja immer, ja, aber was können wir - und mit wir meine ich jetzt wir Medien, die zum Beispiel uns zu den Richtlinien des Presserats bekennen, die ordentliche Arbeit machen wollen - was können wir tun? Ich kann jetzt für unser Medienunternehmen sprechen, also in erster Linie für Ganz offen gesagt und die Dunkelkammer. Wir haben uns dazu entschieden, sehr stark auf Transparenz zu setzen. Also diese Transparenzpassage, die wir heute am Anfang ja gemacht haben, die ja auf die Gründerinnen und von Ganz offen gesagt zurückgeht, die nicht auf mich zurückgeht, sondern auf die Gründerinnen von Ganz offen gesagt auf die Eva Weissenberger, die Julia Ortner und den Sebastian Krause. Die haben nämlich seinerzeit diese Transparenzpassage eingeführt und wir haben sie weitergeführt bis heute.

Ich glaube, das ist eine Möglichkeit, sich abzugrenzen, transparent zu sein. Und zum Beispiel auch diese Frage am Anfang mit den politischen Parteien. Es ist ja überhaupt kein Problem, wenn jemand bei Ganz offen gesagt zu Gast ist und Mitglied einer Partei ist oder auch für eine Partei arbeitet. Es gehört nur transparent offengelegt. Also per se, wenn sich jemand demokratisch engagiert, ist das ja per se kein Problem, sondern eher positiv zu sehen. Nur die Transparenz gehört hergestellt.

Luis Paulitsch
Deswegen finde ich ja auch Medien wie FPÖ TV oder jetzt diesen neuen YouTube Kanal SPÖ1 aus medienethischer Sicht weniger problematisch, weil sie es im Titel ja schon offenlegen. Da ist wahrscheinlich eher die Frage inwieweit sollte man sowas aus Steuergeld indirekt finanzieren, weil es eben mutmaßlich über die Parteienförderung bezahlt wird. Aber ich glaube auch die größte Herausforderung sind diese Medien, die sich als unabhängig und frei inszenieren, in Wahrheit aber eben sehr wohl oft auch dann letztlich ein Kampagnenorgan einer einzelnen politischen Partei sind.

Stefan Lassnig
Was sich dann ja immer kurioserweise mit dem Slogan, der ja gern verwendet wird, quasi das Medium der Selberdenker etwas spießt, weil wenn die Propaganda mehr oder weniger vorgegeben ist, ist vom Selberdenken dann auch nicht mehr so viel übrig.

Luis Paulitsch
Ja, und es ist auch lustig, dass oft diese Medien eine Einschränkung der Meinungsvielfalt beklagen und sich dann aber durch eine erstaunliche Meinungseinfalt kennzeichnen. Also da gibt es nichts an Diskussionen über bestimmte Themen, sondern in der Regel wird ein relativ eindeutiges, wiederkehrendes Narrativ bedient.

Stefan Lassnig
Und ein weiteres Mittel, das ich sehe, ist die Kriterien, sich an medienethischen Kriterien zu orientieren, wie zum Beispiel den Kriterien des Presserats, den wir beide sehr gut kennen. Das ist auch eine Möglichkeit, sich abzugrenzen und selbst was zu tun. Für diese Abgrenzung fallen dir noch weitere Mittel ein?

Luis Paulitsch
Also Ich glaube einerseits, was wichtig ist, ist eben die transparente Fehlerkultur und die transparenten Eigentumsverhältnisse, was du schon gesagt hast, dann eben auf der Ebene der Inhalte ethische Standards, die vor allem im Ehrenkodex niedergeschrieben sind. Es ist aber auch, glaube ich, wichtig, dass man sich die Redaktionsebene oder die Akteursebene anschaut, also dass es sehr wohl auch um Fragen geht wie professionelle Ausbildung, eben Bekenntnis von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Und genau, dann natürlich noch auf der organisatorischen Ebene die Frage der Finanzierung. Also zum Beispiel, wenn ein Medium in Besitz einer Partei oder Person mit besonderer politischer Nähe steht, dann glaube ich, sollten wir in der Regel auch hier Kriterien schaffen, die solche Medien präzise oder gezielter auch dann ausnehmen von staatlichen Förderungen.

Stefan Lassnig
Ja, plus was du gemeint hast, jetzt in Richtung uns selbst genauer hinzuschauen und das auch mehr zu hinterfragen und jetzt gar nicht so sehr sich an den Inhalten abzuarbeiten, die ja vielleicht da oder dort sogar zulässig sind. Zulässig im Sinne von, ja, hat in der Meinungsvielfalt durchaus Platz, sondern eher sich um die Fragen zu kümmern. Wem bringt das was, wer finanziert das und was liegen für tiefer liegende Motivationen dahinter?

Luis Paulitsch
Ganz genau. Und inwieweit ist das gerade auch ein Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, dass offenbar einzelne Personen, die ökonomisch sehr viel Macht haben, gerade solche Projekte auch gründen. Also inwieweit werden da auch Interessen möglicherweise verteidigt? Und gerade wenn wir uns zum Beispiel die Klimaberichterstattung dieser rechtsalternativen Portale anschauen und dann man ein bisschen sich anschaut, wo gibt es Verbindungen, dann sind das interessanterweise ganz oft Verbindungen zu klimaskeptischen Lobbyorganisationen. Und das ist leider auch wieder ein Versäumnis des Journalismus, dass er gerade diese Ebene auch bei der gesamten Klimaberichterstattung zu sehr vernachlässigt hat und Bernhard Pörksen schon vor zwei Jahren im Spiegel gefordert hat, dass grundsätzlich die Klimaberichterstattung viel abdeckt. Aber es fehlt dieser investigative Klimajournalismus. Und ich glaube, gerade auch bei diesen Propagandamedien bräuchte es viel mehr Investigativjournalismus. Aber positiv dazu anzumerken ich habe das Gefühl, das kommt gerade.

Stefan Lassnig
Lass uns zum Abschluss kommen. Da würde mich deine Einschätzung interessieren, weil also, dass die Situation für traditionelle Medien im Moment schwierig ist, glaube ich, steht außer Streit. Es gibt publizistische Themen, die wir haben, es gibt wirtschaftliche Themen, die wir haben und auch in der Politik ist ein gewisser Trend zur Radikalisierung erkennbar. Man kann nach Amerika schauen, man muss aber gar nicht so weit schauen. Man kann auch in unser Nachbarland Ungarn zum Beispiel schauen. Du hast es heute schon erwähnt. Also ich finde, die Situation ist insgesamt schwierig.

Dann kommt jetzt noch das ganze Social Media Thema dazu, das das noch einmal befeuert, weil zum Beispiel eben Postings, die verhetzend sind, verstörend sind, die Empörung auslösen, prinzipiell besser funktionieren als welche, die seriös und langweilig sind. Und du bist jetzt ein junger Mensch, wie optimistisch bist du auf einer Skala von 1 bis 10? Also 10 ist dabei sehr optimistisch, dass wir das noch hinkriegen, dass wir das für die Demokratie noch zum guten Ergebnis bringen.

Luis Paulitsch
Tja, also ich würde immer sagen, ich nehme die goldene Mitte. Also ich glaube, es gibt sehr viel Grund für Pessimismus und das ist genau diese Radikalisierung, die wir gerade in der Gesellschaft beobachten, die sich auch im digitalen Raum widerspiegelt. Also wir haben in den letzten Jahren wirklich Hetzkampagnen im digitalen Raum erlebt, die, glaube ich, noch vor zehn Jahren zu enormer Empörung geführt hätten und mittlerweile einfach als Teil der Meinungsfreiheit wahrgenommen werden und auch zu keinen Konsequenzen führen. Also ich darf darin an den Fall Alexandra Föderl-Schmid, wo auch ich mir danach eigentlich gewünscht hätte, dass es in der Politik ein Umdenken gibt, was Auftritte bei solchen Portalen betrifft. Also gerade bei bürgerlichen Parteien war nicht der Fall.
Und gleichzeitig, glaube ich, aber gibt es Anlass für Optimismus, weil wir zunehmend, glaube ich, verstehen, wie diese ganze Form der digitalen Propaganda funktioniert und immer mehr zivilgesellschaftliche Akteurinnen und Akteure sich sowohl auf der medienpolitischen wie auch auf der medienethischen Ebene überlegen, wie man damit umgeht.

Und ich glaube, in der Medienpolitik setzt sich immer stärker die Ansicht durch, wir müssen in der Zukunft gezielt Journalismus und journalistische Standards fördern und eben nicht mehr das Medienunternehmen, weil das eben auch schnell von einer wohlhabenden Person, die was ganz anderes damit vorhat, bedient werden kann.

Und auf der medienethischen Ebene, glaube ich, braucht es mehr Innovation und Projekte, die hier ein Gegenangebot bilden und das können journalistische Medien sein, aber es können auch tendenziell aktivistische Medienprojekte sein, die versuchen zu dieser rechten oder rechtsextremen Hegemonie, die sich da im digitalen Raum gebildet hat, wieder eine Gegenöffentlichkeit in der früheren progressiven Tradition versuchen aufzubauen. Und da glaube ich, dass in Österreich noch sehr viel Potenzial da ist, das gefüllt werden kann.

Stefan Lassnig
Also fünf auf der Skala.

Luis Paulitsch
Ja ich würde sagen sogar vielleicht sechs. Also ich bin natürlich optimistisch und bleibe das auch. Ich glaube, das braucht es auch. Aber ich glaube schon, gerade in Österreich auch, dass wir uns stärker mit den antidemokratischen Gefahren befassen müssen. Und das kommt mir oft auch in der etablierten Medienlandschaft zu kurz, dass wenn wir über die Zukunft von Österreich sprechen, eigentlich vor dem Hintergrund, dass rund um uns herum, gerade in einer westlichen Demokratie nach der anderen die Demokratie eingeschränkt bis abgebaut wird, wollen wir uns, kommt mir vor, in Österreich mit dieser Frage noch kaum auseinandersetzen. Und das werden wir in der Zukunft, glaube ich, auch stärker tun müssen. Und dementsprechend glaube ich, es gibt Anlass für Optimismus, aber auch für Pessimismus.

Stefan Lassnig
Und es gibt vor allen Dingen auch Anlass zum Handeln.

Luis Paulitsch
Ganz genau. Also medienpolitisch ist jetzt mal wirklich die Zeit, dieses Thema, das wir besprochen haben, die fehlenden Kriterien in der Medienförderung oder die nicht mehr zeitgemäßen zu ändern, auch das ganze Thema der Inserate hier wirklich klare Kriterien auch zu schaffen, dass nicht mehr in der Zukunft das von einer autoritären Regierung, die möglicherweise kommt, ausgenutzt werden kann. Und für die Zivilgesellschaft ist es auch an der Zeit, sich den digitalen Raum in irgendeiner Form versuchen zurückzuholen. Und da glaube ich, ist einfach sehr viel Kreativität und vor allem Innovation gefragt.

Stefan Lassnig
Ein schönes Schlusswort. Danke, Luis, für deine Zeit und deine Ausführungen und wir bleiben dran.

Luis Paulitsch
Gerne, Vielen Dank für die Einladung und ich freue mich auf das nächste Mal.

Fotocredit Titelfoto: Thomas Dalby

Autor:in:

Stefan Lassnig

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