Ganz offen gesagt
Wie politisch ist der Song Contest? - mit Alkis Vlassakakis und Marco Schreuder

Fotocredit: Missing Link

Stefan Lassnig spricht mit den Hosts des Song Contest-Podcasts „Merci Chérie“ Alkis Vlassakakis und Marco Schreuder darüber, wie sehr der Eurovision Song Contest seit 1956 ein politischer Spiegel Europas ist – vom Kalten Krieg über Jugoslawienkrieg und Ukrainekrieg bis zum ESC 2026 in Wien.
 Sie erzählen, wie Weltpolitik, Konflikte um Israel und Russland, Boykotte und medienpolitische Entscheidungen der EBU den Contest prägen, obwohl er offiziell als unpolitische Unterhaltungsshow gilt.
 Zugleich geht es um den ESC als Bühne queerer Sichtbarkeit, um Ausgrenzung und Inklusion – von codierten Liebesgeschichten bis zu Conchita Wurst, Dana International und aktuellen Debatten über Pride-Flaggen und nicht-binäre Acts.

Marco Schreuder
Es geht ja nicht. Es ist ja unmöglich, dass der Song Contest nicht politisch ist. Es treten Länder gegeneinander an. Wie willst du das unpolitisch machen, wenn da Konflikte sind, Kriege, was weiß ich? Und dann gibt es natürlich auch noch etwas anderes, nämlich dass natürlich Künstler die Welt reflektieren in Liedern. Das ist das Wesen von Kunst.

Alkis Vlassakakis

Song Contest findet eben 74 das erste Mal mit Griechenland statt im Jahr drauf, nimmt die Türkei Teil aus Protest, nimmt sich Griechenland aus dem Rennen und sagt: Wir boykottieren. 76 nimmt Griechenland wieder Teil, schickt eine Sängerin, von der man vermutet, sie trug unter ihrem Gewand eine kugelsichere Weste, weil in Den Haag, wo es ausgetragen worden ist, gab es Warnungen, dass Scharfschützen auf sie warten würden und sie auf offener Bühne erschießen würden. Das Lied war eindeutig politisch codiert.

Stefan Lassnig
Herzlich willkommen bei Ganz offen gesagt, dem Podcast für Politikinteressierte. Mein Name ist Stefan Lasnig und meine heutigen Gäste sind Alkis Vlassakakis und Markus Schreuder. Mit Ihnen spreche ich über die Frage, wie politisch der Song Contest ist, über die Bedeutung queerer Sichtbarkeit, über Boykotte und Ausschlüsse, über vorhersehbare Punktevergaben und was uns beim heurigen Song Contest in Wien erwartet.

Lieber Alkis, lieber Marko, herzlichen Dank, dass ihr euch Zeit für dieses Gespräch nehmt. Ein Grundmotiv bei unserem politischen Podcast ist ja "Transparency is the new objectivity", und in diesem Sinne beginnen wir unseren Podcast immer mit der traditionellen Transparenzpassage, also woher wir uns kennen und ob ihr aktuell für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig seid.
Zur ersten Frage: Wir kennen uns eigentlich schon recht lange, weil ihr mit eurem Podcast "Merci Chérie" eines der Gründungsmitglieder wart im Netzwerk von Missing Link. Es ist schon ein paar Jahre her.

Marco Schreuder
Ja, kann man so sagen, ja. Danke, Eva Weissenberger.

Stefan Lassnig
Genau, Props an die Eva an der Stelle. Und damit zur zweiten Frage: Seid ihr aktuell oder wart ihr für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig? Alkis?

Alkis Vlassakakis

Ja, also ich war im vierten Bezirk, also im vierten Wiener Gemeindebezirk, um das für die alle mal transparenter zu machen, Bezirksrat, also im Bezirksparlament.

Stefan Lassnig
Für?

Alkis Vlassakakis

Für die Grünen.

Marco Schreuder
Ja, wo fangen wir an? Ich war 2002, wurde ich Mitarbeiter im Grünen Klub im Rathaus, war dann Mitarbeiter von der Maria Vassilakou, war 2005 bis 2010 Landtagsabgeordnete, dann eine Zeit lang nicht Politik, dann war ich im Bundesrat, dann wieder draußen und dann wieder drin. Also ich bin so ein Hop-on, Hop-off-Politiker gewesen.

Stefan Lassnig
Und immer für die Grünen?

Marco Schreuder
Und immer für die Grünen.

Stefan Lassnig
Genau. Gut, dann danke an der Stelle für die Transparenz. Und an der Stelle kommt ausnahmsweise auch von mir ein Transparenzhinweis, nämlich dass meine Frau beim ORF arbeitet und dort im Kernteam für die Organisation des ESC auch dabei ist, hat aber für diese Folge und für diese Aufnahme keine Auswirkungen, es hat auch nichts damit zu tun, ich wollte es nur transparenzhalber offenlegen. Gut, dann legen wir los. Wie schon erwähnt, betreibt ihr seit Februar 2019 bereits den Eurovision Song Contest Podcast „Merci Chérie“ und ihr habt bereits 222 Folgen veröffentlicht. Beim Start, 2019, da war ja noch nicht, da war ja der Song Contest gerade vor vier Jahren in Wien. Habt ihr euch damals gedacht, dass der ESC so schnell wieder in Wien stattfinden wird?

Marco Schreuder
Das weiß man nie. Also es ist wirklich im Song Contest alles möglich. Du kannst zweimal hintereinander auch gewinnen, das ist auch schon passiert. Oder wie Irland plötzlich in kurzer Zeit Seriensieger werden und dann lange nicht mehr. Also das ist das Schöne am Eurovision Song Contest, man weiß es nicht, es war aber immer mein Ziel, zwei Sachen zu erleben, einen Song Contest in Wien, das habe ich jetzt zweimal erlebt, und dass die Niederlande noch Weltmeister werden im Fußball.

Alkis Vlassakakis
Das hast du noch nicht erlebt.

Marco Schreuder
Nein, das habe ich noch nicht erlebt.

Alkis Vlassakakis
Kann ja noch kommen.

Marco Schreuder
Genau.

Stefan Lassnig
Wobei das ist so genauso unwahrscheinlich, wie dass Österreich zweimal hintereinander einen Song Contest ausdrückt, also.

Marco Schreuder
Ja, aber es ist nicht unmöglich.

Stefan Lassnig
Aber es ist nicht unmöglich, ja.

Alkis Vlassakakis
Ja, also ich von meiner Seite aus, ich hätte das auch nicht erwartet. Andererseits, Schweden hat es vorgemacht, innerhalb von, war es auch nicht, zwölf Jahren, dreimal gewinnen, das ist auch nicht schlecht.

Marco Schreuder

Bei mir hat sich es ein bisschen geändert, als der Cesár Sampson dann die Jury wählte und 2018 so gleich vier Jahre danach gewann und du eigentlich schon wieder fast so nah dran, ja, das kann man gleich nur einmal machen, irgendwie so, ja, warum nicht?

Stefan Lassnig
Ich würde heute, nachdem wir ja bei „Ganz Offen Gesagt“ in einem politischen Podcast sind, euch gerne mit, euch gemeinsam mit euch gerne einen Streifzug durch die Geschichte des Song Contests machen und zwar mit besonderem Blick auf zwei Aspekte. Einerseits auf den Aspekt Weltpolitik, nenne ich es jetzt einmal, aber auch auf den Bereich Gesellschaftspolitik. Und Ziel dieser Folge und schauen, wie es uns gelingt, wäre ja, dass wir uns der Frage annähern, wie politisch ist eigentlich der Song Contest? Ich will jetzt nichts spoilern, weil ich hätte schon eine Antwort, aber das würde die ganze Spannung vorwegnehmen. Gut, fangen wir mal ganz, ganz vorne an. 1950, jetzt hätte ich fast gesagt 60, 1960 ist ja die European Broadcasting Union gegründet worden.

Alkis Vlassakakis

1950.

Stefan Lassnig

1950, ja. Habe ich jetzt 1960 gesagt?

Alkis Vlassakakis
Ja.

Stefan Lassnig
1950, genau. Wurde die EBU gegründet. Man muss sich vorstellen, Europa lag in Trümmern, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, und das war auch, der Gründungsgedanke war auch, Europa wieder aufzubauen, Weg für Medienfreiheit zu stehen.

Marco Schreuder
Nein.

Alkis Vlassakakis
Nein.

Stefan Lassnig
Bei der EBU?

Marco Schreuder
Nein, ja, das war ein technisches Ding.

Alkis Vlassakakis
Es war einfach nur, ist es technisch machbar? Was ist technisch machbar in einem Europa, das gemeinsam Events hat, nämlich also die erste große Übertragung war zum Beispiel die Krönung von Königin Elisabeth II.?

Marco Schreuder
1953.

Alkis Vlassakakis
1953, genau.

Marco Schreuder
Und das wurde in sieben Ländern übertragen. Und dann hat man zum ersten Mal bemerkt, dieses neue Medium kann live gleichzeitig in mehreren Ländern übertragen werden.

Alkis Vlassakakis
Und das ist natürlich dann schon eine, es war eine Frage der technischen Machbarkeit einfach. Die Schweiz selbst ist jetzt nicht unbedingt dafür bekannt, dass das jetzt der große Vereiniger von Europa ist.

Marco Schreuder
Ich habe auch extra ein Buch mitgenommen von Dean Vuletic, nämlich, das sieht man natürlich im Podcast nicht, aber der hat eine Studie dazu gemacht, der hat auch auf der Wiener Uni diese Arbeit gemacht. Und der durfte in die EBU-Archive in Genf rein und der hat das wirklich mal erforscht und der kommt drauf, diese Geschichte, die auch die Moderatorinnen und Moderatoren so gerne erzählen, weil good evening, Europe und wir sind nach dem Krieg zusammengekommen und haben kooperiert, statt uns auseinanderdividieren zu lassen. Und er sagt, die wollten einfach nur zeigen, dieses neue Medium ist cool. Dieses neue Medium kann gleichzeitig in mehreren Ländern übertragen.

Und deswegen war der erste Eurovision Song Contest auch in der Schweiz, weil man hat zum ersten Mal diese Sendemasten gebaut und die Krönung von Elisabeth, die ging nicht über die Berge rüber. Und deswegen war der Song Contest in Lugano, es war viel mehr noch ein Radioevent, also ein Fernsehevent, weil man testen wollte, funktioniert das? Und es ist viel mehr auf den Kalten Krieg aufgebaut als auf den Heißen Krieg zehn Jahre oder elf Jahre davor. Es ging auch darum, wir Westeuropäer machen zusammen eine Arbeit, die Osteuropäer hatten ja dann eine eigene Union, die Intervision.

Stefan Lassnig
Zu dem Punkt kommen wir noch, weil irgendwann ist es dann ja eh fusioniert worden, zumindest beim Song Contest. Bleiben wir bei 1956, erster Song Contest in Lugano. Marko, du hast es schon erwähnt, als westeuropäisches Projekt eben im kalten Krieg. Aber auch schon da fand eigentlich ein gesellschaftspolitischer Act statt. Zumindest hat man das im Nachhinein so rekonstruiert.

Alkis Vlassakakis
Nein.

Marco Schreuder
Also schon.

Alkis Vlassakakis
Nein.

Marco Schreuder
Nein, oh ja,

Alkis Vlassakakis
Das ist schwammig.

Marco Schreuder
Nein, da würde ich ganz klar auf der Seite von Stefan sein, weil Deutschland schickte einen Chanson im „Wartesaal zum großen Glück“ von Walter Andreas Schwarz, der ein überlebender Jude war, Überlebender der Konzentrationslager, und in seinem Song eigentlich sehr eindrücklich die deutsche Gesellschaftspolitik mit dem Umgang mit der Vergangenheit spricht und diese Tatenlosigkeit, wenn etwas passiert. Während der andere deutsche Act, der Freddy Quinn war, da weißt du mehr, Alkis, wo der Textschreiber.

Alkis Vlassakakis
Genau, der Lotar Olias, den wir alle kennen von "So ein Tag so wunderschön wie heute", hat er zum Beispiel geschrieben. Er war Komponist und hat tatsächlich für die Nazis Märsche geschrieben.

Marco Schreuder
Todesmärsche für die SA.

Alkis Vlassakakis
Ja, sowas. Also er war schon nationalsozialistisch tätig, wurde danach reingewaschen nach dem Krieg und war zehn Jahre lang der Berater von Freddy Quinn. Also er hat diesen einsamen Seemann erst erschaffen, der Freddy Quinn dann wurde.

Marco Schreuder
Ja. Und das allererste Lied, Startnummer 1 beim allerersten Song Contest, war ja auch schon so etwas, was typisch war für den Song Contest. Man präsentiert sich in einer so nationalen Sprache, „die Vögel von Holland“, so eine Mischung aus Patriotismus, nationaler Repräsentation und ein bisschen Tourismuswerbung. Und das findest du bis heute. Dieses Jahr haben wir einen Song, der heißt „Viva Moldova“ und kommt aus Moldawien. Also das ist sozusagen ein Prinzip, findest du jederzeit wieder.

Stefan Lassnig
Deswegen, man sieht ja eben im ersten Song Contest 1956 durchaus schon Elemente, die sich dann weiterziehen. Wir springen ein bisschen in der Geschichte. 1961 haben Jugoslawien und Spanien erstmals teilgenommen und da war ja das Besondere, es waren damals nicht-demokratische Staaten. Und auch ein später als quercodierte Geschichte verbotene Liebe gelesener Song gewinnt. Sieht man da jetzt schon erste gesellschaftspolitische Ansätze auch?

Marco Schreuder
„Nous les amoureux“, das ist halt das Schöne an dieser Zeit und an dieser Geschichte, und das versuchen wir auch in einer so Ausstellung zu präsentieren. Diese queere Geschichte des Eurovision Song Contests spiegelt sich mit der gesellschaftspolitischen Entwicklung. Und „Nous les amoureux“ ist ein Lied, das kann man so oder so lesen.

Es ist ein Lied über eine Liebe, die von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird und die sich verstecken muss und zusammenhält, auch wenn die anderen dagegen sind. Jetzt kannst du das als Romeo-und-Julia-Geschichte lesen, wenn du das willst. Das haben wahrscheinlich die meisten dann auch gemacht. Allerdings, man kann es auch als gleichgeschlechtliche Liebe erzählen.
Wenn man dann weiß, dass der Sänger Jean-Claude Pascal, das war ein Franzose, der für Luxemburg gewonnen hat, selbst ein relativ offenes homosexuelles Leben geführt hat, zum Unterschied zu Deutschland und Österreich, war ja in Frankreich Homosexualität damals noch nicht verboten. In Österreich war noch zehn Jahre danach bis 1971 Homosexualität verboten und in Deutschland bis 1969. Und der hat das relativ offen gelebt. Und wenn man das dann weiß, dann weiß man, glaube ich, auch, wie man diesen Song, diese Chanson interpretieren sollte.

Stefan Lassnig
Kurz zu eurer Ausstellung, weil du das jetzt schon erwähnt hast. Ich war am Freitag dort, kann sie nur sehr, sehr empfehlen. Song-Contest-Fans oder auch nicht-Song Contest-Fans, ganz egal, sehr, sehr eindrucksvoll gestaltet. Erzählst du mir kurz was dazu? Machen wir kurz einen Einschub?

Alkis Vlassakakis
Ja, also „United by Queerness“ heißt die Ausstellung und es geht um die queeren Aspekte beim Song Contest, allerdings auch im Kontext gesehen mit dem gesamten Geschichtlichen, was der Song Contest in der Geschichte eigentlich bedeutet. Wir haben Ausstellungsstücke, wir haben auch einen wunderbaren Katalog.

Das Ganze findet im QWien statt, im queeren Archiv, das sich um queere Geschichte kümmert, die zum Beispiel auch die ganzen Akten aufbereitet haben von der Verfolgung von queeren Personen in der Nazizeit, aber auch in der Nachkriegszeit. Da sind die ganzen Justizakten bei ihnen gelandet und die arbeiten das dann gerade durch, zum Beispiel. Also es ist ein Kulturraum, aber auch ein Archiv und ein Geschichtsforschungsraum.

Marco Schreuder
Genau, Ramperstorffergasse 39. Öffnungszeiten Donnerstag bis Sonntag, immer von 13 bis 18 Uhr und Donnerstag bis 20 Uhr und in den Song-Contest-Wochen dann Montag bis Montag.

Alkis Vlassakakis
Rund um die Uhr, rund um die Uhr.

Marco Schreuder
Rund um die Uhr ja. Naja, nicht ganz, aber mittags bis abends.

Stefan Lassnig
Ja, einige von den Informationen, die wir heute besprechen, habe ich aus der Ausstellung mitgenommen und wie gesagt, kann ich nur jedem empfehlen. Jetzt kommen wir zum Jahr 1964 und jetzt gibt es, glaube ich, das erste Mal einen Hinweis darauf, ob der ESC auch politisch ist oder auch nicht. Es hat nämlich 1964 ein Aktivist auf der Bühne protestiert und zwar gegen die Diktaturen in Spanien und Portugal. Jetzt wird es dann schwierig, langsam, oder zu sagen, es ist nicht politisch.

Alkis Vlassakakis

Na ja, die Teilnahme ist ja offen gewesen für alle Rundfunkanstalten, die der EBU angehört haben und da gab es, glaube ich, am Anfang nicht so wahnsinnig viele Standards dazu. Sie mussten wie alle Rundfunkanstalten der damaligen Zeit öffentlich-rechtlich sein, private Radio war nicht so verbreitet, RTL gab es zwar schon, aber das war noch nicht das private Radio, wie wir es heute kennen. Entsprechend konnten alle teilnehmen. Ich glaube, die, wie soll man sagen, diese schwierigeren Hürden an eine Rundfunkanstalt wurden erst später angesetzt.

Marco Schreuder
Ja, und der Aktivist, der ist auch noch falsch, zum falschen Zeitpunkt auf die Bühne, der hat sich vertan und er hat gegen die Schweiz einen Beitrag protestiert mit einem Anti-Salazar-T-Shirt und der ist dann halt von der Bühne. Leider gibt es keine Videos mehr. 1956 und 1964 sind die einzigen Eurovision Song Contests, von denen es kein Material mehr gibt. Und da gab es einen Brand auch im dänischen Rundfunk und auch die anderen Anstalten haben, also wenn jemand eine Kopie hat, bitte bei mir melden. Ja, also auch schade, weil es war der erste Auftritt auch von Udo Jürgens.

Wobei, einen Aspekt möchte ich dann auch mit den Jahren davor auch noch erzählen, mit „Nous les amoureux“. Was auch damals schon passiert ist, zwischen 1962 ist Conny Froboess zum Song Contest gefahren mit „Zwei kleinen Italienern“. Ich glaube, jeder hat sofort den Schlager im Ohr. Und das ist ja eigentlich eine Migrationsgeschichte. Eine Geschichte von Gastarbeiter, wie man das damals noch nannte. Also man sieht schon so gesellschaftspolitische Reflexionen. Das ist natürlich logischerweise in Chanson, in Kunst, ja, das ist vorhanden. Und so ist zum Beispiel auch dieser Song oder „Diese Welt“ dann ein bisschen später von Katja Ebstein, der erste Umweltsong sozusagen.

Stefan Lassnig
Wir kommen eh noch zu anderen ersten Songs, gesellschaftspolitischen auch noch. Wir haben davor schon erwähnt, dass es zu Beginn eigentlich zwei diese klassischen Blöcke gegeben hat, den Ostblock und die westlichen Länder. Entsprechend waren auch die Übertragungen unterschiedlich, aber 1965 wurde der ESC dann erstmal auch in den sogenannten Intervisionsländern ausgestrahlt. Also da war es dann in dem Moment, war es dann ein übergreifendes Event.

Alkis Vlassakakis
Genau, genau. Also ich weiß, dass zum Beispiel der Wiener Song Contest auch in der DDR empfangbar war. Ich weiß jetzt nicht, mit welcher Moderation, ob die das eigens moderiert haben, aber sie haben ihn ausgetragen, ausgestrahlt.

Marco Schreuder
Umgekehrt ja witzigerweise nicht. Also der Intervision Song Contest wurde im Westen nicht ausgestrahlt, außer, ich glaube, in Finnland. Finnland hat auch bei beiden mitgemacht, zum Beispiel. Die Marion Rung war sowohl beim Eurovision Song Contest als auch beim Intervision Song Contest. Jugoslawien auch?

Alkis Vlassakakis

Natürlich.

Marco Schreuder

Wobei Jugoslawien immer Mitglied der Eurovision war, nicht der Intervision, sozialistisches Land, nicht Mitglied des Warschauer Paktes. Und bei der Eurovision, also sie haben sich so auf dieser politischen Ebene ja immer mehr dem Westen eigentlich zugehörig gefühlt. Und das wollte ja dann zum Beispiel später der Georgescu auch mal eine Zeit lang, bevor er dann wahnsinnig geworden ist, ich sage es mal so. Und da war auch der Eurovision Song Contest in Rumänien ausgestrahlt, Michael Jackson durfte Konzerte machen, also das war erlaubt, eine gewisse Zeit lang. Also man sieht, dieser Eiserner Vorhang, der war auf so einer kulturellen Ebene oft viel durchgängiger, als wir heute oft noch so in Erinnerung haben, weil der für uns so undurchdringbar war in unserer kollektiven Erinnerung.

Stefan Lassnig
Ich finde, ein gutes Beispiel, wo sich dann die Gesellschaftspolitik mit Weltpolitik und Eurovision Song Contest vermischt, war dann das Jahr 1968. Wir sind im berühmten 68er Jahr. Da hat Österreich den tschechischen Sänger Karel Gott entsandt. Also ich glaube, jeder von unseren Hörerinnen und Hörern, vor allen Dingen die Älteren unter uns, kennen natürlich Karel Gott. In diesem Jahr ist auch der ESC erstmals in Farbe übertragen worden. Seht ihr das auch so, dass sich da Weltpolitik mit Gesellschaftspolitik und ESC vermischt hat?

Marco Schreuder
Ja, vor allem, wenn du denkst, wer der Programmdirektor des ORF war. Weißt du, wer damals der Programmdirektor des ORF war? Ein gewisser Helmut Zilk.

Stefan Lassnig
Ah, okay.

Marco Schreuder
Und der ORF war ja eine kommunikative Drehscheibe des Prager Frühlings in den Westen. Da hat der ORF ja eine aktive politische Rolle gespielt unter Gerd Bacher. Und es war wahrscheinlich kein Zufall, dass dann im Jahr des Prager Frühlings Österreich einen Tschechen schickt, einen Karel Gott.

Alkis Vlassakakis
Mit tausend Fenstern der Geschichte. Wie geht es unseren Nachbarn dahinter, hinter diesen Fenstern? Das war natürlich auch metaphorisch gemeint. Wie geht es den Menschen dahinten, hinter dem Vorhang, dem Eisernen?

Marco Schreuder
Und geschrieben von Udo Jürgens.

Alkis Vlassakakis
Genau.

Stefan Lassnig
Das war von Udo Jürgens?

Alkis Vlassakakis
Ja.

Stefan Lassnig
Okay, also da haben die echten Größen dann zusammengearbeitet.

Marco Schreuder

Vor allem, es ist ja auch witzig. Eigentlich war es auch ein bisschen eine Not. Jetzt muss ich die Geschichte erzählen.

Alkis Vlassakakis
Ja bitte.

Marco Schreuder
Weil ich habe für diese Ausstellung.

Stefan Lassnig
Für Geschichten sind wir heute da, Marko. Erzähl bitte.

Marco Schreuder

Nein, aber das ist wirklich, im Zuge der Ausstellung musste ich natürlich viel recherchieren und auch in die Archive rein und habe auch viel gelesen. Und eine der Sachen, die jetzt natürlich so virulent war mit den fünf Boykotten dieses Jahr wegen Israels Teilnahme, war immer diese Antwort: Ja, Österreich hat ja selbst boykottiert. Und zwar 1969 in Madrid. Und ich habe die Geschichte auch immer erzählt. Ich schreibe ja auch im Standard seit 2012 über den Eurovision Song Contest. Und ich habe das auch schon so geschrieben. Und du hast das auch schon öfter im Podcast gesagt.

Alkis Vlassakakis
Genau.

Marco Schreuder
Ja, Österreich hat 1969 das Franco-Regime boykottiert. Das war die Geschichte, die immer erzählt wurde. Sie hat irgendwann mal ein Engländer ein Buch geschrieben. Und wir haben das alle Jahrzehnte wiederholt. Und ich habe mir gedacht, jetzt möchte ich das mal wissen. Und ich bin in die Zeitungsarchive gegangen. Sehr empfehlenswert. Die Arbeiterzeitung hat das ganze gesamte Archiv jetzt online. Also du kannst alle alten Arbeiterzeitungen lesen. Das ist super.

Und da komme ich drauf, der Helmut Zilk regt sich über die Plattenfirmen in Österreich auf. Offensichtlich gab es da einen Streit zwischen ORF und Plattenfirmen. Die haben keine Acts zur Verfügung gestellt. Und überhaupt kein Boykott von Franco, keine Rede. Das ist einfach eine überlieferte Fake-News-Geschichte. Er hat gesagt, ich kann nicht schon wieder einen Ausländer schicken, weil der Karel Gott da ja davor war. Und der ORF hat ihn sogar übertragen. Also das heißt, vom Boykott keine Rede. Also Österreich hat tatsächlich nicht boykottiert, obwohl das immer die Geschichte war. Ah, Österreich war so tapfer gegen das Franco-Regime. Ich habe das sogar im Parlament in einer Rede gesagt. Jetzt weiß ich, dass ich falsch lag. Genau.

Stefan Lassnig
Wir sind jetzt dann, gehen wieder ein paar Schritte, ein paar Jahre weiter. Nämlich auch wieder, um zu zeigen, dass die aktuellen politischen Ereignisse in der Regel immer auf den ESC auch abfärben, vor allen Dingen, wenn sie eine gewisse Größenordnung haben. Wir kommen ja noch bei der aktuellen Situation noch einmal darauf zu sprechen. 1972 waren ja die Terroranschläge in München bei den Olympischen Spielen. Und das Jahr darauf hat Israel debütiert beim ESC. Der Alkis will mir schon wieder widersprechen, bitte?

Alkis Vlassakakis

Nein, nein.

Marco Schreuder

Er wollte mir nur sagen: Red ned du schon wieder. Wir sind schon so lange Podcast-Partner. Ich kenne alle seine Körpersprachen.

Alkis Vlassakakis
Genau. Und bevor der Marco jetzt ansetzt, Israel nahm tatsächlich zum ersten Mal teil, aber Israel war ja Teil des Song Contests schon sehr viel länger. 1963 gab es gleich zwei israelische Staatsbürgerinnen, die für Österreich und für die Schweiz gesungen haben. Für Österreich war es Camila Corren und für die Schweiz war es Esther Ofarim. Beide hatten eine Karriere bereits vorher, eine kleine Karriere für Esther Ofarim, eine relativ große für Camila Corren in den frühen 60ern. Esther Ofarim war dann tatsächlich mit ihrem Mann Abi, mit ihrem damaligen Mann Abi Ofarim, der erfolgreichste Act im deutschsprachigen Raum. Also ihr Album „Lieder der Welt“ war, glaube ich, das meistverkaufte deutschsprachige Album oder in Deutschland produzierte Album der 60er Jahre.

Marco Schreuder
Sagt nur „Rockefeller“ und jeder hat schon wieder einen Schlager im Ohr.

Alkis Vlassakakis
Genau. Die waren riesige Stars. Dazu kommt, dass dann andere Acts aus Israel, Shuky & Aviva zum Beispiel, wahnsinnig erfolgreich waren bis in die frühen 70er hinein. Es war einfach grundlogisch, Israel mit hineinzunehmen, weil vom Pop her hat das gepasst.

Marco Schreuder
Aber 1973 war natürlich schon speziell. Israel konnte ja weder im Sport noch auf einer kulturellen Ebene bei den asiatischen Verbänden Platz finden. Und da haben ja auch die Sportverbände gesagt: Na gut, dann ist Israel Teil Europas. Weil die konnten nicht gegen Libanon, gegen Ägypten, gegen Jordanien, gegen Iran und so spielen. Und also damals noch Persien. Und da war einfach noch so viel Konflikt und es gab ja auch Kriege, das muss man ja ganz offen sagen.

Und so ist natürlich Israels Versuch, in diese europäischen Strukturen hineinzukommen und Teil dieses europäischen Lebensgefühls zu sein, auch eine Antwort auf 1972 und auf diese Terroranschläge. Und die Solidarisierung war damals relativ groß. Das vergessen wir ja. Also meine Mutter erzählt mir heute noch, sie versteht überhaupt nicht, warum ihr Land, sie ist Niederländerin, warum die, die findet das einfach doof, wir waren doch immer auf der Seite Israels und so. Ja, sie versteht das, sie versteht die Welt nicht mehr, weil das sind ja die Terroristen und das sind nur so.

Und so muss man den ersten Eurovision-Beitrag Israels natürlich in diesem Kontext sehen, des damaligen Krieges. Es gab ja dann auch diese Ölknappheit, diese autofreien Sonntage. Also das wissen jetzt wirklich nur noch die ganz Alten. Also wir, ja, ich war noch ein Kind, also das war noch, ich war noch zu irgendwie 69er Jahrgang. Aber so ein bisschen kann ich mich noch erinnern an diese Pickerl auf den Autos, dass man welchen Tag man nicht fährt.

Stefan Lassnig
Aber was diese Geschichte ja auch zeigt, wir kommen ja auf Israel auch noch zu sprechen dann später, ist ja auch eben, es ändert sich eben mit den Schwingungen der Weltpolitik die eine oder andere Haltung auch, was Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim ESC betrifft. Und da habe ich gleich das nächste Stichwort, nämlich in den Jahren drauf, ist ein Konflikt, der weltpolitisch relevant ist, nämlich der Zypern-Konflikt, sehr eskaliert. Du hast im Vorfeld schon gesagt, Marko, dass wir mit dem Alkis da einen Spezialisten da sitzen haben. Deswegen, weil jetzt nur das Stichwort wieder hinschmeißen.

Marco Schreuder
Ah, weil er Alkis Vlassakakis heißt. Also.

Alkis Vlassakakis
Naja, also Griechenland war ja 1974 noch immer eine Militärdiktatur, die Junta hat die Führung gewechselt. Man hat offensichtlich in den Etagen, Chefetagen geglaubt, der Fernsehanstalten, die neue Regierung wird ein bisschen harmloser sein, nicht ganz so kritisch verfolgend die Opposition und nicht umbringend vielleicht. War jetzt dann ein Trugschluss. Trotz allem Griechenland nahm teil. Es kam zur Invasion. Also die Griechen wollten Zypern übernehmen als Ablenkung einerseits, andererseits aus nationalistischen Gründen. Zypern war ein unabhängiges Land.

Es gab das London-Zürich-Abkommen zwischen der Türkei, zwischen Griechenland, Zypern und Großbritannien, weil Großbritannien hat Zypern in die Unabhängigkeit entlassen, mit dem Gedanken, dass eben sowohl die Türkei als auch Griechenland quasi für diese Unabhängigkeit bürgen würden. Und Griechenland hat dieses ein bisschen, ja, wie soll ich das ausdrücken? Sie haben es, diesen Vertrag, einfacher mal zunichte gemacht. Daraufhin gab es dann eben die Invasion über türkische Truppen, die bis heute andauert. Es gibt zwar die Republik Nordzypern, die wird nur von der Türkei anerkannt. Das ist allerdings eine Entwicklung aus den 80er Jahren.
Song Contest findet eben 1974 das erste Mal mit Griechenland statt im Jahr drauf, nimmt die Türkei Teil aus Protest, nimmt sich Griechenland aus dem Rennen und sagt: Wir boykottieren. 1976 nimmt Griechenland wieder teil, schickt eine Sängerin, von der man vermutet, sie trug unter ihrem Gewand eine kugelsichere Weste, weil ihnen danach, wo es ausgetragen worden ist, gab es Warnungen, dass Scharfschützen auf sie warten würden und sie auf offener Bühne erschießen würden.

Das Lied war eindeutig politisch kodiert. Es ging um die Beschreibung von dem verlassenen Land, das die Griechen eben nicht mehr, die griechischen Zyprioten jetzt nicht mehr hätten, wo jetzt nur mehr Flüchtlingscamps sind statt Campingplätzen, wo Touristen sind, wo Blut ist, wo Gräber sind. Also diese ganzen klassischen Bilder von Verfolgung wurden angesprochen, aber es wurde nie ausgesprochen, dass es sich um Zypern handeln würde.

Stefan Lassnig
Also diese Tradition der politischen Anspielungen hat da einen ihrer Höhepunkte erreicht, oder?

Alkis Vlassakakis
Ja, definitiv.

Marco Schreuder
Aber was schön ist, weil jetzt kommt es mit Happy End und das finde ich halt auch die Kraft vom Eurovision Song Contest. Irgendwann waren sie dann alle drei auf der Bühne und sangen gemeinsam: Zypern, Griechenland und die Türkei, gemeinsam auf einer Bühne. Und das ist schon so ein bisschen auch der Spirit des Eurovision Song Contest. Das ist ein bisschen vergleichbar auch mit Sport, wenn du willst, aber das auf kultureller Ebene und doch bei so einem quotenreichen Familienshow, wo wirklich alle Generationen in ganz Europa vor dem Fernseher sitzen. Es ist halt schon ein Medienereignis, nicht? Und dass die dann gemeinsam singen, das ist schon auch ein schönes Symbol für, was vielleicht möglich ist. Es hat auch ein bisschen was von Utopie, wenn man so will. Und jetzt, ich weiß, ich greife jetzt vorab, aber das sind wir ja noch in der aktuellen Debatte natürlich, nicht? Also singt man gemeinsam auf der Bühne oder schließt man jemanden aus? Und ich sage nur, Aserbaidschan und Armenien sind jahrelang gemeinsam auf der Bühne gestanden.

Alkis Vlassakakis
Was natürlich auch zu sagen ist, man muss sich nicht unbedingt auch mögen. Selbst wenn man gemeinsam auf einer Bühne steht, es heißt nicht, dass man sich dann auch gegenseitig Punkte gibt. Also Türkei, Zypern ist ein klassisches Beispiel, da gab es genau zwei Austausche an Punkten. Einmal einen Punkt aus der Türkei an Zypern und einmal acht Punkte an die spätere türkische Gewinnerin von Zypern an die Türkei. Also Aserbaidschan, Armenien gab es, glaube ich,

Marco Schreuder
Es gab mal einen Punkt, glaube ich.

Alkis Vlassakakis
Neun Punkte insgesamt, glaube ich, oder vielleicht. Was war es mal.

Marco Schreuder
Wir haben da übrigens so eine schöne Episode mal gemacht, da sieht man auch das politische, wenn ich ganz kurz Werbung machen darf.

Stefan Lassnig
Sicher.

Marco Schreuder
Wir haben vor Jahren mal mit dem Gerhard Mangott, dem Russland-Experten, anhand von Song Contest-Ereignissen die gesamte postsowjetische Geschichte und die Geopolitik erzählt. Du kannst wirklich anhand des Eurovision Song Contests die komplette europäische Nachkriegsgeschichte erzählen.

Stefan Lassnig
Das wollte ich eben, das Thema Alkis, was du angesprochen hast mit den Abstimmungsblöcken, das wollte ich eher mal ansprechen. Ihr seid ja beide ausgewiesene ESC-Experten. Welche Abstimmungsblöcke sind denn die gängigsten?

Marco Schreuder
Naja, das sind kulturelle. Ja.

Alkis Vlassakakis
Ja.

Marco Schreuder

Ich tue mir immer schwer, es nur auf der politischen Ebene zu betrachten, und das tun die meisten. Nein, die sind ja eh klar und so. Nur zum Beispiel, wenn man weiß, dass der skandinavische Musikmarkt ein Markt ist. Also wenn du in Schweden promotet wirst, wirst du automatisch auch in Finnland, in Norwegen, in Dänemark oder in Island promotet. Die haben dieselben Sänger und Sängerinnen in den Fernsehshows, und die haben viel mehr Pop-Shows als wir in Österreich oder in Deutschland. Das heißt, man muss auch ein bisschen achten darauf, was ist eine kulturelle Zusammengehörigkeit.

Ein Star in Serbien ist auch in Bosnien, Kroatien und in Montenegro berühmt. Das haben wir vielleicht auch ein bisschen gehabt mit Stefan Raab, dass die Österreicher den halt kannten. Aber ein Franzose hat keine Ahnung, wer Stefan Raab ist. Also so kann man das, glaube ich, vergleichen. Natürlich gab es da auch immer wieder politische Komponenten und Freundschaften, das kann man schon so sagen, aber ich würde sie viel mehr kulturell definieren als politisch.

Alkis Vlassakakis
Ja, und Griechenland-Zypern geben sich natürlich immer die zwölf Punkte, was natürlich nicht stimmt, aber es wird so gesehen.

Marco Schreuder
Na ja, schon.

Alkis Vlassakakis
In letzter Zeit eher, früher war es nicht immer so eindeutig.

Marco Schreuder
Ja, Moldawien und Rumänien wären auch so ein Beispiel.

Alkis Vlassakakis
Genau. Es ist eine Sprache, eine Kultur, oder es ist auch ein, wenn man Musik machen möchte als griechischer Zypriot, dann geht man nach Athen oder nach London. Diese beiden Optionen gibt es.

Marco Schreuder

Und in manchen Ländern gibt es halt eine Rivalität, so wie zwischen Österreich und Deutschland. Da gibt es nicht dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, wir dieselbe Sprache, wir unterstützen uns gegenseitig. Nein, wir müssen besser wie der andere sein. Der andere darf ja nicht so gut wie wir sein.

Alkis Vlassakakis
Ja, aber das liegt ja auch an diesem österreichischen Gründungsmythos nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind nicht Deutschland.

Marco Schreuder
Ja, genau.

Stefan Lassnig
Wenn wir jetzt wieder ein paar Jahre weitergehen, wobei, wenn da zwischendurch was passiert ist, was ihr sagt, was Wichtiges könnte man, können wir es gerne auch noch unterbringen, aber was ich mir als Nächstes aufgeschrieben habe, war die 80er Jahre, also Anfang der 80er Jahre, die Friedensbewegung. Und da vermischen sich, glaube ich, wieder weltpolitische Entwicklungen mit dem Eurovision Song Contest, nämlich 1982 Nicole mit „Ein bisschen Frieden“.

Marco Schreuder
Genau. Gewinnts den Schaß mit einem Song geschrieben von.

Alkis Vlassakakis
Dr. Bernd Meinunger und Ralf Siegel.

Marco Schreuder
Ralf Siegel, genau, der 25 Songbeiträge geliefert hat. Und es war die Zeit, als man wirklich Angst vor Atombomben hat. Also die Leute, die damals gelebt haben, die werden sich erinnern, massenhafte Demonstrationen. Man nannte es die Friedensbewegung gegen die sogenannten Pershing Raketen.

Stefan Lassnig
Die Neutronenbombe.

Marco Schreuder
Neutronenbombe. Es waren auch viele Filme damals und unfassbar viele Dokus. Hiroshima war jedes Jahr riesengroß mit Dokus im Fernsehen. Also es gab wirklich eine panische Angst vor diesen Atomwaffen. Und dann kommt dieses süße Mädchen mit der weißen Gitarre und singt „Ein bisschen Frieden“.
Dass man allerdings schon auch einen guten Song und ein gutes Paket liefern muss beim Eurovision Song Contest, beweist wiederum der Letztplatzierte desselben Jahres. Das war nämlich ein Finne, der hieß Kojo und mit dem Song „Nuku Pommiin“, das ist Finnisch für Atombombe, und macht so New Wave Punk und wird Letzter. Also mit dem Thema alleine gewinnt man noch nicht. Man muss schon auch gut singen und ein eingängiges Lied dazu haben.

Stefan Lassnig
Ich finde ja, dass die Nicole ein gutes Beispiel dafür ist, dass das Gesamtpaket stimmen muss. Eben, wie du sagst, junge Frau, weiße Gitarre, schönes Lied, geht ins Ohr. Da sieht man, glaube ich, ganz gut, wie das Gesamtpaket funktioniert.

Alkis Vlassakakis
Genau, so ist es.

Stefan Lassnig
1989 hat dann Jugoslawien gewonnen. Und das war ja, wenn wir wissen, wir können uns erinnern, die Älteren unter uns, das waren ja die Jahre des Falles des Eisernen Vorhangs. Und das hat ja auch dazu geführt, dass der ESC sich noch weiter geöffnet hat in Richtung neue Länder, neue Sprachen, neue Identitäten.
Und was ich ganz schön gefunden habe, das habe ich schon wieder vergessen gehabt, aber ein ganz berühmtes Lied "Insieme", ist ja dann 1990 zum Song Contest-Sieger geworden. Und wenn man an die Zeit zurückdenkt, war das genau diese Zeit, dieses geeinte Europa. Man hat extreme Hoffnungen reingesetzt. Das war totale Aufbruchsstimmung, also das Gegenteil von dem, was wir jetzt gerade haben. Absolut. Aber das hat da auch perfekt reingepasst, oder?

Marco Schreuder
Ja. Das Lied hieß nicht nur "Insieme", es hieß "Insieme: 1992" und gewinnt den Song Contest 1990. Und das muss man erklären. 1990 wurde der Maastricht-Vertrag unterzeichnet und man hat damals beschlossen, 1992 gründen wir die Union statt Europäische Gemeinschaft. Und dann singt er da: "Unite, unite, Europe" und alle "Yes!" Also es war so eine tolle Stimmung. Und natürlich, der Fall des Eisernen, der 1990er Contest war ja voll. Wer hat für Österreich gesungen?

Alkis Vlassakakis
Simone, "Keine Mauern mehr".

Marco Schreuder
Genau.

Alkis Vlassakakis
Zum Beispiel.

Stefan Lassnig
Ja, auch ein hochaktuelles Lied damals.

Alkis Vlassakakis
Auch damals, genau.

Marco Schreuder

Brandenburger Tor aus Norwegen oder auch die Deutschen haben so ein Freiheitslied gehabt. Also es war natürlich ganz präsent und dann kamen diese neuen Länder und gleichzeitig zerfällt ein ehemaliges Teilnehmerland, das eben gerade 1989 gewonnen hat und zerfällt komplett in einem Krieg. Und dann 1992 nimmt ein Land namens Jugoslawien teil und 1993 nehmen Teilnehmer teil, die Bosnien-Herzegowina oder Kroatien heißen und Slowenien. Und der Fazla, der für Bosnien und Herzegowina angetreten ist, ich finde das so schade, dass die momentan nicht mehr teilnehmen, musste wirklich vor Heckenschützen fliehen, um nach Millstreets in Irland zu kommen. Er erzählt das auch in unserem Podcast sehr eindrücklich. Also das kann man sich heute kaum noch vorstellen, wie das damals gewesen sein muss. Einerseits diese Aufbruchsstimmung, aber wir vergessen manchmal, dass in dieser Aufbruchsstimmung auch in Europa, mitten in Europa, ein Krieg war.

Stefan Lassnig
Wir gehen weiter in der Geschichte Richtung 90er Jahre. Da hat es eine beispiellose Siegesserie gegeben, nämlich die Siegesserie von Irland.

Alkis Vlassakakis
Ja, die dunklen Jahre.

Marco Schreuder
Na ja.

Stefan Lassnig
Wieso dunkel, Alkis? Das musst jetzt erklären.

Alkis Vlassakakis
Für jemanden, der in den 90ern ein junger Erwachsener war wie für mich, es waren die langweiligsten Song-Contest-Jahre ever. Es waren Songs, die gewonnen haben, die komplett aus der Zeit gefallen sind. Es waren Songs, die ich im Radio nicht hören würde. Das begann bereits in den 80ern. Es war einfach sehr altmodisch, sehr langweilig. Es war nichts musikalisch Interessantes dabei. Es war auch auf der Showseite nicht so wahnsinnig viel Interessantes dabei. Das hat sich danach erst Mitte der 90er gewandelt, glücklicherweise.

Marco Schreuder

Also ich habe ja wirklich jeden Song Contest seit 1976 geschaut. Und das auch noch so viel zur Transparenz. Seit 1976 keinen verpasst, aber ich kann mich noch erinnern, 1992 war ich kurz davor. Ich habe privat gehört, Oper, Klassik und The Smiths und Nick Cave oder so. Das waren so meine Musik.

Alkis Vlassakakis
Kontrastprogramm.

Marco Schreuder
Ja, aber ich habe den Eurovision Song Contest einfach auch aus einer gewissen Tradition heraus einfach so geliebt. Und das ist ja ein cooler Event, das muss man ja sagen. Und ich war schon am Verzweifeln. Ich habe gesagt, ich glaube, ich höre jetzt auf, den Song Contest zu schauen. Und ich schaue den Song Contest aus Malmö 1992. Und in dem Moment kommt eine italienische Sängerin, Mia Martini. Sie singt „Rapsodia“. Schaut euch das auf YouTube an. Wirklich alle. Jetzt. Unfassbar. Gänsehaut rauf und runter. Und dann haben wir gedacht, naja, ohne Song Contest hätte ich die Mia Martini nie kennengelernt, die ich dann immer alles gekauft habe, die ganzen Schallplatten, weil ich sie so liebte dann. Und dann habe ich gemeint, das ist halt auch Eurovision. So lernt man fremdsprachige Musiker kennen.

Alkis Vlassakakis
Ja, genau. Ich meine, wann hat man denn sonst die Chance, finnische Pop-Songs zu hören? Ich meine, auf Finnisch nämlich, wie heuer zum Beispiel.

Marco Schreuder
Ja, und wir haben ja einen Act gar nicht genannt, ABBA in den 1974, die konnten eine Weltkarriere nur starten über den Eurovision Song Contest, weil sie aus Schweden waren. Schweden war damals noch nicht der Musikmarkt, der noch heute ist, aber hat eigentlich diesen Musikmarkt gegründet, dass Schweden jetzt der drittgrößte Exporteur von Pop-Musik ist.

Stefan Lassnig
Und auch Heimat von Spotify.

Marco Schreuder
Und Heimat von Spotify, genau. Und die hätten, wären sie Briten gewesen, hätten sie andere Möglichkeiten gehabt, eine Weltkarriere zu starten als Schweden, also in einer kleinen Provinz, Pop-Provinz.

Alkis Vlassakakis

Schweden ist auch ein gutes Beispiel, wie ein ganzes System sich dann aber auch gegen den Song Contest stellen kann. Nämlich, es gab bei der Austragung vom Song Contest 1975 in Stockholm massive Anfeindungen gegen diese Kommerzialisierung der Popmusik. Es gab Demos, es gab dann tatsächlich dann auch den Boykott, den schwedischen Boykott. Die haben dann einfach nicht mehr teilgenommen.

Marco Schreuder
Aber Rückzug, Boykott, Rückzug. Also auch lustig, die haben 1976 war dann der Song, 75 war dann der Song Contest in Stockholm. Und die haben wirklich dann zwei öffentlich-rechtliche Kanäle gehabt. Und die haben im Eins den Song Contest gezeigt, im Zwei den alternativen Song Contest. Und sie hatten ungefähr gleich viel Quote. Ich glaube, der Alternative hat vielleicht sogar mehr Quote gehabt, das weiß ich nicht mehr.

Alkis Vlassakakis

Und der Grund, warum ABBA damals eben nicht aufgetreten sind, die haben nur zwei Tickets für den Abend bekommen. Bei vier Bandmitgliedern, zwei Tickets.

Marco Schreuder
Das ist so schwedisch, oder? Ja, aber ihr habt nur zwei Tickets.

Stefan Lassnig
Ja, in Schweden ist ja diese Gleichheit extrem wichtig und da sind sie gnadenlos. Das braucht man auch in diesem Fall.

Alkis Vlassakakis
Genau.

Stefan Lassnig

Wir sind jetzt schon Ende der 90er Jahre und das habe ich auch in eurer Ausstellung unter anderem gelernt, dass die Jahre 97 und 98 gelten ja als Wendepunkte in der ESC-Geschichte, vor allen Dingen, was die gesellschaftspolitischen Aspekte betrifft. Im Jahr 97 ist Páll Óskar, ich hoffe, ich spreche den Namen richtig aus, in Latex aufgetreten, damit offen queer. Und das war ein Wendepunkt der queeren Sichtbarkeit.

Alkis Vlassakakis
Es war nicht das Latex, das den queeren Act bestimmt hat, sondern dass mit Páll Óskar tatsächlich das erste Mal ein offen schwul lebender Mann zum Song Contest geht. Das erste Mal, bevor er quasi zum Song Contest geht, ist es schon bekannt: Dies ist ein schwuler Mann. Das war damals für uns, die damals Medien gemacht haben, ein Riesending. Also es gab es vorher nicht.

Marco Schreuder

Ja. Also das Prinzip eines Coming Outs, eigentlich, man hat damals noch gar nicht, Coming Out hat man eigentlich zu sich selber oder zu seinen Freunden gesagt, man nannte das noch Going Public damals. Also ein Going Public, das war ein neues Konzept. Früher hast du deine Homosexualität entweder relativ offen ausgelebt oder nicht, aber das hatte Kamaschal. Plötzlich war halt, es ist beim Identitätsnamen zu nennen, war plötzlich ein Ding. Und die 80er hat es begonnen, also eigentlich schon in den 70er Jahren, aber in den 80ern hat es begonnen.

Die 90er war ja der große Durchbruch dieser Emanzipationsbewegung. Man erinnert sich, 1993 der erste Live-Ball in Wien, 1996 der erste Regenbogenparade in Wien, 1997 der erste offen schwule Act beim Eurovision Song Contest. Man muss das in diesem Zeitgeist auch betrachten. Und dann 1998 eigentlich der wirklich große Durchbruch mit dem Sieg Israels. Eine Transkünstlerin, die erste Transkünstlerin beim Eurovision Song Contest.

Alkis Vlassakakis
Ja, bislang.

Marco Schreuder
Und genau, die auch die letzte. 2011 hat sie es ja noch einmal versucht. Dana International. Und sie ist vielleicht die einzige Siegerin oder der einzige Teilnehmerin sogar, wo man sagen kann, dass der Eurovision Song Contest nicht die Politik spiegelt, sondern wirklich der Eurovision selbst Politik gemacht hat. Weil in Israel war queere Politik überhaupt kein Thema. Und dann waren die Anfeindungen gegen Dana International sehr, sehr groß. Und das hat eine Welle an Diskussion ausgelöst in Israel. Und seitdem ist eigentlich queere Politik ganz hoch auf der Agenda in Israel, in der politischen Debatte. Und diese Gleichstellungsdiskussion hat eigentlich dieser Sieg vorangebracht.

Und das ist auch vielleicht, wenn ich jetzt etwas vorwegnehmen darf, der Unterschied zu Conchita. Dana war noch so eine Aufbruchsstimmung, während Conchita so diese Feier des Angekommenseins im allgemeinen Gesellschaftsbild. Also das war für mich so eine Feier des Angekommenseins. Das andere war für mich ein Aufbruch.

Stefan Lassnig
Wir gehen weiter in der Chronologie und sind jetzt in den frühen 2000er Jahren. Auch da vermischt sich natürlich wieder ESC mit gesellschaftspolitischen Themen. Du hast den Live-Ball schon genannt, 1993, glaube ich, hast du das gesagt, war der erste? Oder der erste,

Marco Schreuder
Genau.

Stefan Lassnig
Und 2007 war dann der Live-Ball-Song der ESC-Beitrag oder umgekehrt der ESC-Beitrag, der Live-Ball-Song, und der Elton John hat damals die Punkte vergeben aus Wien.

Marco Schreuder
Ja, das habe ich, das müssen wir noch korrigieren in den Texten. Ich habe geglaubt, 2003 war das. Da habe ich immer geglaubt, ich hatte so eine Erinnerung, dass der Elton John die österreichischen Punkte durchgibt und zugeschaltet war aus Wien. Im Nachhinein ist mir eingefallen, er hat die Zuschauer begrüßt.

Er war am Anfang der Show zugeblendet, aber auch nicht schlecht, oder? Aus Wien. Und die Dodo Roscic war diejenige, die immer die Punkte durchgegeben hat vom Live Ball, weil der Live Ball war, ich glaube, heute würde das das nicht mehr machen, war gleichzeitig mit dem Eurovision Song Contest. Wie kannst du so zwei queere Events gleichzeitig ansetzen? Unfassbar.

Stefan Lassnig
Aber auch da hat es sich vermischt, oder? Auch diese Zeit mit auch mit dem Aufkommen von Aids, das hat sich ja auch alles sehr, sehr miteinander vermischt.

Alkis Vlassakakis
Na ja, Song Contest und Aids waren ja schon früher Themen. Es ist zum Beispiel zwei Teilnehmer, die recht berühmt sind, die an Aids gestorben sind, also einmal Ofra aus Israel. Und der, du kannst ihn besser aussprechen.

Marco Schreuder
Ich habe schon wieder den Potgieter.

Alkis Vlassakakis
Der Potgieter, genau. Der Louis Potgieter ist der berühmte Tänzer von Dschinghis Khan, der Dschinghis Khan quasi dargestellt hat. Der ist ebenfalls an Aids gestorben, ein südafrikanischer Tänzer, der lange in München gelebt hat und gearbeitet hat.

Stefan Lassnig
Wir sind jetzt Mitte der 2000er Jahre. Es waren, die Teilnehmeranzahl ist gestiegen. Man hat dann auch ein Halbfinale eingeführt, weil es ohne dem jetzt gar nicht mehr bewältigbar gewesen wäre, die schiere Anzahl an Teilnehmern. Und ich finde auch, wo man gut gesehen hat, dass Gesellschaftspolitik manchmal dann auch auf Konfrontationskurs natürlich ist, war der ESC in Belgrad. Ich habe in eurer Ausstellung sehr aufmerksam gelesen, es hat eigene Guides gegeben, wie man sich als queere Person möglichst verhalten sollte in dieser Stadt, in dieser Austragung. Also auch dort gibt es starke Berührungspunkte.

Marco Schreuder
Ja, ein ziemlich orger Brief, oder? Von der EBU an alle Delegierten und Journalistinnen, die da vor Ort waren. Bitte tut es eurer sexuellen Orientierung nicht allzu offen darstellen. Was dazu führte, dass die lokale Organisation dann mit dem British Council einen Guide rausgebracht hat. Also so schlimm ist es auch nicht. Da haben wir Lokale, da haben wir Geschäfte, da haben wir Sauna und so.
Und UNAIDS, fand ich auch interessant, haben dann alle Acts eingeladen, ein Benefizkonzert für Aids, also gegen Aids und HIV zu machen, wo auch viele Acts teilgenommen haben. Und da zeigt aber auch, das war ja dann noch viel schlimmer, das Jahr später, weil Russland gewann ja dann in Belgrad und dann war der Song Contest in Moskau.

Und das war aber auch die Zeit, als Hooligangruppen und rechtsextreme Gruppen die Gay Prides in Belgrad tatsächlich niedergeknüppelt haben oder in Split oder so. Und natürlich hatte man schon auch Angst, dass das passieren würde. Und die EBU war dadurch eine Bredouille.

Und das, obwohl Serbien mit einer absolut queeren Nummer gewonnen hat, nämlich mit Marija Šerifović, mit diesen Frauen, die zusammenkommen und sich lieben und diese Kraft, die Frauen einander geben. Also das ist auch nicht jetzt ganz klar hundertprozentig queer, aber sehr queer lesbar, vor allem, wenn man weiß, wie Marija Šerifović so drauf war. Es war ja ein offenes Geheimnis. Und in Moskau ist es dann tatsächlich auch niedergeknüppelt worden. Also das war dramatisch.

Alkis Vlassakakis
Genau.

Stefan Lassnig
In Moskau ist ja auch ein Song zurückgezogen worden von Georgien, der einen sehr super Titel gehabt hat.

Alkis Vlassakakis
"We don't wanna put in". Wir wollen nicht nachgeben.

Stefan Lassnig
Ich finde den ja wunderschön, diesen Titel.

Marco Schreuder
Es ist auch das Lied gut. Gibt es immer noch auf Spotify zum Anhören.

Alkis Vlassakakis
Genau. Es war natürlich mitten im russisch-georgischen Konflikt, logischerweise. Es ist auch immer wieder, es kommt auch immer wieder vor, dass, wenn ein Teilnehmerland mit einem anderen Teilnehmerland in einem Konflikt ist, gerade, und es gewinnt und ist Austragungsort, dann nimmt das andere Land meist nicht teil. Siehe Russland-Ukraine, siehe Russland-Georgien.

Marco Schreuder
Armenien war auch nicht in Aserbaidschan, haben das einmal nicht mitgemacht, ja genau.

Stefan Lassnig
Übrigens nur ein Nachtrag zu den Ereignissen in Belgrad. In diesem Schreiben, das du da vorangesprochen hast von der EBU, ist nämlich auch drin gestanden, der Song Contest ist kein politisches Ereignis. Nur damit es an der Stelle auch erwähnt ist.

Marco Schreuder
Das sagen sie immer.

Alkis Vlassakakis
Ja, immer. Das müssen sie auch sagen. Ich finde es auch richtig, dass sie das sagen.

Marco Schreuder
Und wenn du diese Box aufmachst, es geht ja nicht. Es ist ja unmöglich, dass der Song Contest nicht politisch ist. Es treten Länder gegeneinander an. Wie willst du das unpolitisch machen, wenn da Konflikte sind, Kriege, was weiß ich? Und dann gibt es natürlich auch noch etwas anderes, nämlich dass natürlich Künstler die Welt reflektieren in Liedern. Das ist das Wesen von Kunst, dass du Liebe reflektierst. Das ist meistens so, Liebeserzählungen oder Empowerment. Momentan wird alles empowert. Ich habe ja schon letztens gesagt, ich hätte gern wieder mal Songs, die es über das Wir handeln und nicht nur über das Ich. Aber das siehst du auch, das ist auch ein Zeitgeist.

Stefan Lassnig

Auch ein Zeitgeist, ja. Und das ist ja, das passiert ja in der Kunst unabhängig vom ESC, das passiert in der gesamten Kunst.

Marco Schreuder
Und dann gibt es natürlich auch, dass man die Geschichte, Jamala, die Geschichte von der Großmutter reflektiert oder dass eben Walter Andreas Schwarz beim allerersten Song Contest die Vergangenheitsbewältigung Deutschlands in einem Chanson verarbeitet oder „Zwei kleine Italiener“ und so weiter.

Alkis Vlassakakis
Oder Mariza Koch mit ihrer Flüchtlingsgeschichte.

Marco Schreuder
Ja, und wir haben Unmengen Flüchtlinge schon gehabt beim Eurovision Song Contest.

Alkis Vlassakakis
Auch in ihrer eigenen Biografie waren sie teilweise. Quasi einfach als Person schon dort und damit politisch.

Stefan Lassnig
Ja, ich habe es jetzt deswegen erwähnt mit dem Schreiben, weil mir das in eurer Ausstellung aufgefallen ist, weil ich mir gedacht habe, eben das passt gut zum Thema des heutigen Podcasts, ist der ESC politisch und du hast jetzt eh schon ein bisschen vorweg das Fazit genommen. Also offiziell nicht, inoffiziell natürlich aus verschiedenen Gründen, die wir jetzt eh heute schon fast alle besprochen haben.

Stefan Lassnig
Wir sind jetzt im Jahr 2014, Conchita Wurst gewinnt den Schaß, legendärer Sänger vom Andi Knoll. Du hast bereits gesagt, Marco, für dich ein Zeichen des Angekommenseins, während jetzt eben in der Geschichte, wie wir gesagt haben, 97, 98 war die Wendepunkt, da war das Angekommensein und dann sicher ein Highlight für viele von uns, der ESC 2015 in Wien, Motto damals "Building Bridges" und auch die ganze Stadt. Ich kann mich selber erinnern, wir haben ja da schon in Wien gelebt, die Ampel-Pärchen, die queere Freundlichkeit, die deutlich auch signalisiert worden ist. Wie habt ihr das erlebt?

Alkis Vlassakakis
Ich muss ganz kurz auf Kopenhagen zurückkommen. Conchita war tatsächlich in dem Moment, wo sie aufgetreten ist, kein österreichischer Act für viele. Also es war nicht eine the Queen of Austria, wie es dann später dann in der Moderation dann auch bezeichnet worden ist, sondern tatsächlich, wir sind, Marco und ich waren damals im Publikum, wir wurden vom ORF gebeten, dass wir einfach mal ein paar Flaggen verteilen, österreichische, hast du eh diese ganze Flaggenparade, die man so schön sieht.

Wir gehen mit unseren kleinen Flaggen dann eben von zu den ganzen Fans, die in den ersten Reihen stehen, und sagen: Austria. Und alle: Nein, nein, wollen wir nicht. Und dann sage ich dann Conchita: Ah ja, das nehmen wir dann. Also sie wurde nicht als österreichischer Act angesehen, sondern als etwas Universales. Und das war das eigentlich Tolle daran.

Und ich glaube, so hat sich dann eben Wien auch dargestellt. Dieses „Building Bridges“ war wortwörtlich gemeint, nämlich Brücken schlagen zu den verschiedenen Communities, Brücken schlagen zu verschiedenen Nationen. Wir waren natürlich auch in einer relativ privilegierten Situation, wo es noch nicht allzu viele Konflikte gab, die in den Song Contest mit hineingespielt haben. Das kam später erst. Aber in dem Moment war das alles noch ein bisschen ruhiger. Es gab die Konflikte, aber sie waren eben noch nicht so direkt, so, ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll.

Marco Schreuder
Ja, nein, Conchita hat schon auch aus politischen Gründen gewonnen, weil natürlich diese Anti-Propagandagesetze in Russland kurz davor entstanden sind, wo eben diese homosexuelle Propaganda verboten war. Und das war auch das erste Mal, dass man laut Buhrufe im Eurovision Song Contest gehört hat, nämlich aus politischen Gründen, als diese zwei Zwillinge da aus Russland aufgetreten sind. Also es war schon auch dieser politische Kontext da. In Wien, dieses „Building Bridges“, ich habe mir der ORF-Mitarbeiter mal gesagt, zwei Monate später hätte man es nicht mehr so nennen können. Das war der Moment, als die Flüchtlinge in Budapest auf die Straße gegangen sind und nach Deutschland und Österreich marschiert sind. Damals ging es noch, also diese Weltoffenheit, und jetzt ist vielleicht ein wichtiger Punkt, den man auch noch sagen kann, für den ORF ist ja die Austragung eines Eurovision Song Contests eine teure Angelegenheit und eher ein Verlustgeschäft, beziehungsweise man muss halt umschichten, Budgets. Ich meine, die haben, also es ist, prozentual gesehen ist es jetzt nicht einmal so arg, aber man muss natürlich auf manches verzichten, um den Eurovision Song Contest, kann man sich erinnern, in Oslo, also der Norweger 2010 konnte dann die WM nicht zeigen, weil sie den Song Contest hatten, blöd gelaufen.

Stefan Lassnig
Im ORF ist zum Beispiel "Dancing Stars" dem ESC zum Glück verfallen.

Marco Schreuder
Ja, oder auch, was ich schade finde, "Eurovision Young Musicians", das ist der klassische Eurovision, den gibt es nämlich auch. Es gibt nämlich zwei derzeit amtierende österreichische Sieger, nämlich JJ und Leonard Baumgartner, ein Violinist. Machen sie dieses Jahr nicht mit, weil es wahrscheinlich auch zu viel kostet. Aber für die Stadt, für eine Austragungsstadt, ist es ein Mördergeschäft. Außer für Kopenhagen 2014, die haben einen Verlust gemacht. Die haben geglaubt, sie müssen jetzt eine Ruine umbauen in einer Eurovision-Arena. Das hat natürlich Konsequenzen gehabt, die sehr teuer waren.

Alkis Vlassakakis
An denen sie noch immer zahlen.

Marco Schreuder
Ja, aber für Wien und eigentlich für alle Städte danach war das immer ein sehr gutes Geschäft. Und du hast die einmalige Chance, eigentlich dann gar nicht so teuer, wenn du die Präsenz, weil es kommt, es sind ja nicht nur die Bilder, die du bei Eurovision Song Contest selbst siehst, diese ganzen Journalistinnen und Journalisten, die hier sind, die sind ein, zwei Wochen hier und die müssen ständig irgendwas berichten.

Dann geht es, dann geht es, die griechische Fernsehanstalt mit der Griechin ins kunsthistorische Museum oder in die Oper oder sonst wohin. Und du hast ständig überall solche Bilder. Das hast du beim Sport nicht. Das siehst du nur das Stadion und ein Trainingszentrum vielleicht noch. Aber dort siehst du wirklich diese ganze Stadt. Und kleine Städte haben sogar noch einen größeren Vorteil als große Städte. Die können sich überhaupt auf die Landkarte setzen. Die können sich überhaupt einmal branden. Das ist wirklich eine absolute Chance, sich eine Marke noch einmal zu präsentieren.

Stefan Lassnig
Basel war da ein gutes Beispiel, nicht wahr?

Marco Schreuder
Basel war absolut. Liverpool. Ja, aber Wien mit „Building Bridges“, das war natürlich dieses „Wir Brücke“. Es gab damals auch ein sehr teures, die Regierung hat ja damals auch so ein Nation-Branding-Konzept gemacht. Das hat wahnsinnig viele Millionen gekostet. Und am Ende kommt raus, dass Österreich Brückenbauer ist. Ich glaube, das hätte man billiger auch haben können. Aber witzigerweise ist diese Idee, dass Österreich ein Brückenbauerland ist, ist mittlerweile komplett aus der, ich sehe das nirgendwo mehr. Es ist weg.

Alkis Vlassakakis
Also es ist keine Handlung der Politik, die das noch unterstützt.

Stefan Lassnig
Ja, da wären wir jetzt im Bereich der Außenpolitik, das wäre vielleicht eine eigene Sendung, aber ja, es stimmt, dieses Brückenbauen ist etwas abhandengekommen. Wir sind jetzt im Jahr 2016, zum Thema ist der ESC politisch, Jamala gewinnt mit dem Lied „1944“, das von der Deportation der Krimtataren handelt.

Alkis Vlassakakis
Das ist der Kontext, in den es gestellt wird. Der Song selber sagt darüber nichts.

Marco Schreuder
Ah ja, also es geht um die Oma.

Alkis Vlassakakis
Ja, es geht um die Oma, aber das geht nur aus der persönlichen Geschichte dieser Frau hervor. Ja, wenn man das nicht weiß, würde es im Song nicht darum gehen. Es geht um die Verfolgung, ja, aber das ist eine universelle Flüchtlingsgeschichte, das kann überall spielen. Wenn es dezidiert angesprochen wäre, dass es um diese eine Geschichte geht im Text, dann wäre es schwierig gewesen, das durchzuziehen.

Marco Schreuder
Also Alkis, da muss ich dir jetzt wirklich widersprechen. Sie singt krimtatarisch, sie nennt das Lied „1944“, das ist das Jahr, in dem die Krimtataren vertrieben worden sind, und sie besingt es. Also auch, sie nennt es auch beim Namen. Also in dem Song ist überhaupt nichts verschlüsselt. Die Frage ist, weil ja 2014, kurz davor, Russland ja die Krim erobert hat und annektiert hat, ist es eine erlaubte politische Botschaft vom Eurovision Song Contest, ja oder nein? Heute würde Jamala, glaube ich, es schwieriger haben, weil sie danach die Regeln noch verschärft haben, indem sie aktuelle Konflikte nicht mehr erlauben innerhalb des Song Contests.

Nur was machst du wirklich? Was wollen sie, wenn irgendwelche Nazis in Deutschland gewinnen, entschuldige, wenn ich das so sage, wenn Deutschland dann sagt, wir schicken jetzt eine Jüdin zum Song Contest, die jetzt die Geschichte ihrer Oma besingt, will man das verbieten? Also das sind dann die ethischen Fragen, die auch interessant sind.

Stefan Lassnig

Ich möchte dann nämlich gleich anknüpfen, weil wir sind da jetzt, wir kommen jetzt eh langsam in die Gegenwart und genau an ein paar entscheidende Weichen, nämlich 2022 überfällt Russland bekanntermaßen die Ukraine. Russland wird ausgeschlossen, die EBU, also die russischen Sender steigen aus der EBU aus. Jetzt schon dieser Ausschluss ist ja auch ein politisches Statement.

Marco Schreuder

Ja, ein medienpolitisches. Das darf man nicht vergessen. Die EBU ist der Verein der öffentlich-rechtlichen Sender und die haben natürlich auch gewisse Spielregeln. So, als dann der Eurovision Song Contest 2022 in Turin stattfinden sollte und dann war dann der Überfall, Februar, das ist ja, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen. Schaut euch nochmal die Vorentscheidung an, die ukrainische, die war vor dieser Annexion. Also, wenn man mir sagt, dass Stefania, diese so politische Botschaft und behandelt den Krieg, na Blödsinn, das war vorher schon raus und war auch in den Wettquoten schon ganz oben, nebenbei bemerkt, Top 3 oder Top 4 oder so.

Und der wesentliche Punkt war im Falle Russlands, Belarus ist ja dann auch ausgeschieden, die hatten dann so einen Propagandasong nach diesen oppositionellen Niederknüppeleien und dieser Präsidentschaftswahl und das war quasi ein Song, benimmt euch, ihr habt zu Aneta protestiert. Na klar, hat die EBU gesagt, das geht nicht. Und dann bei Russland war es tatsächlich so, dass es Proteste gab, logischerweise, dass Russland teilnimmt und dann gab es ein Prüfverfahren und da war schon klar, der Sender entspricht nicht den Regularien der EBU, nämlich dass eine freie Berichterstattung möglich ist, eine unabhängige Berichterstattung und man die Regierung nicht kritisieren darf.

Und das war der Grund, warum man dann eigentlich schon die Wege gelegt hatte, dass der Sender ausgeschlossen wird. Die sind dem zuvorgekommen, sind selber ausgestiegen. Ich sage jetzt mal so, ich weiß nicht, ich weiß nicht immer, bis heute habe ich keine klare Antwort. Ich verstehe das damals. Also ich war damals froh, dass das passiert ist. Im Nachhinein denke ich mir, würde Russland einmal im Jahr so viel Queerness in ihrem Fernseher zeigen müssen, wäre das nicht die viel gemeinere Haltung eigentlich oder die viel subversivere politische Intervention, als sie auszuschließen? Dann hätte halt die Ukraine nicht mitgemacht und da hätte Stefania nicht gewonnen, wäre natürlich jetzt auch nicht wirklich die Lösung gewesen. Aber und ich bin mir auch nicht sicher, ob er den Aserbaidschan so offen die Regierung kritisieren darf im Sender, aber in Israel darf man es, nebenbei bemerkt.

Stefan Lassnig
Das ist übrigens ein wichtiger Punkt, der wird jetzt dann auch für die nächsten Minuten entscheidend. Viele wissen ja nicht, dass nicht Nationalstaaten den Song Contest beschicken, sondern die jeweiligen Grundfunkanstalten beschicken den Song Contest, die im Idealfall unabhängig von den jeweiligen Regierungen agieren. Ich sage deswegen Idealfall, weil das gilt ja nicht einmal für Österreich.

Marco Schreuder
Sollte so sein ja.

Alkis Vlassakakis
Es ist ja im Grunde genommen wie bei Olympia oder wie bei den Weltmeisterschaften, wo tatsächlich Sportverbände teilnehmen oder olympische Komitees teilnehmen, nationale, die ja eigentlich auch unabhängig sein sollten. Allerdings ist die Politik natürlich überall mit drin. Also Funktionäre mit Doppelfunktionen, sowohl in regierungsnahen Bereichen als auch im Sport, sind durchaus eher die Regel als die Ausnahme, zum Beispiel.

Marco Schreuder
Es gibt ja noch eine interessante Regel bei der EBU. Du darfst nicht ausblenden. Wenn du ausblendest, bist du weg. Da kriegst du deine, da wirst du gekündigt. Also zumindest vom Eurovision Song Contest. Das ist ja tatsächlich Libanon zum Verhängnis geworden. Die wollten 2005 beim Eurovision Song Contest mitmachen, hatten schon einen Song ausgewählt und dann haben die so nebenbei, war schon alles angemeldet, schon bezahlt und dann haben die nebenbei angemeldet, ah ja, und übrigens, Israel zeigen wir nicht. Und dann hat die EBU gesagt, na ja, das geht nicht. Und dann haben die zurückziehen müssen, Strafe zahlen müssen. Oder China wurde suspendiert 2018. Da gab es einen Iren, der hatte so eine tanzende Schwulenparty, eine schwule Liebesgeschichte erzählt haben und die haben das einfach ausgeblendet. Und die Tattoos vom albanischen Sänger. Zack, weg waren sie.

Alkis Vlassakakis
Die durften dann nicht mehr austragen. Wobei es eben beim Libanon die gesetzliche Vorgabe gab, sie dürfen einfach nicht positiv über Israel berichten. Das ist einfach in ihrem Rundfunkgesetz so drin.

Marco Schreuder
Ja, was natürlich absurd ist. Was gäbe es Schöneres als einen öffentlich-rechtlichen Sender in Libanon, von mir aus auch einen palästinensischen Sender, der EBU-Mitglied wäre und die singen gemeinsam auf der Bühne? Das wäre der Spirit, ja.

Stefan Lassnig
Marco, du hast es ja davor schon gesagt, diese Ambivalenz zu sagen, okay, sind wir froh, dass Russland ausgeschlossen wird, mit dem sehr inklusiven Ansatz, den der ESC eigentlich bieten und bieten kann. Das ist doch wirklich, das ist eigentlich ein Dilemma. Man kann, es ist eigentlich eine Lose-Lose-Situation, oder?

Marco Schreuder
Also ja, das kann man so sagen, dass das jetzt eine Lose-Lose-Situation war. Ich weiß nicht, wie ich soll das so sagen darf.

Stefan Lassnig
Also ich würde mal nicht, also das ist ein gutes Beispiel dafür, aber das ist ja insgesamt, denke ich, ein Problem, oder? Man kann auf der einen Seiten, wenn man eine klare Haltung einnimmt, zum Beispiel diesen Ausschluss durchaus rechtfertigen oder jede andere Protestaktion und verliert dabei eben diesen inklusiven Charakter.

Marco Schreuder
Ja, ja, das ist ein Problem. Wie gesagt, also wenn wir tatsächlich beieinander singen würden und inklusiv sein wollen, eigentlich ist Russland dann natürlich ein Teil des politischen, nein, nicht des politischen, aber des kulturellen Europas. Und den Eurovision Song Contest sollte man ja viel mehr vielleicht wieder, er ist schon zu politisiert jetzt auch, jetzt in diesen ganzen Demonstrationen, die es immer gab, als ob man Frieden beim Eurovision Song Contest schaffen würde, irgendwelche politischen Kämpfe lösen könnte. Das ist doch Quatsch.

Also der Eurovision Song Contest soll eigentlich der Ort sein, wo man vielleicht das einmal beiseitelegt und sich die Hände reicht. Weißt du, das war ja die ursprüngliche Idee auch, dass man einfach sagt, wir reichen uns dort die Hände. Und das ist ein Ansatz, der mir eigentlich gefallen würde. Ich persönlich hoffe, dass Russland irgendwann wieder teilnimmt. Das ist wirklich meine große Hoffnung. Ich sehe momentan das nicht.

Es gibt ja jetzt, das Lustige ist, Russland hat ja jetzt wieder den Intervision Song Contest ins Leben gerufen. Es gab 2025 einen Intervision Song Contest, der garantiert Familienshow ist und garantiert keine, nicht traditionelle Liebesformen unterstützt. Und es gewinnt so ein total androgyner Act.

Alkis Vlassakakis
Aus Vietnam.

Marco Schreuder

Aus Vietnam, ja.

Alkis Vlassakakis
Der angeblich auch noch queer lebt.

Marco Schreuder
Ja.

Alkis Vlassakakis
Wenn wir das so richtig verstanden haben.

Marco Schreuder
Ich fand das schon schräg. Ich habe mir das angeschaut, es war wie ein Autounfall. Es war wunderbar.

Stefan Lassnig

Wer hat da mitgemacht außer Russland?

Marco Schreuder
Saudi-Arabien, Katar.

Alkis Vlassakakis
China.

Marco Schreuder
China. Es durften auch, Serbien hat auch mitgemacht. Es hätte auch die John Otti Band mitmachen können, wenn sie denn gewollt hätte, weil es war nicht einmal, dass ein Sender teilnimmt. Wenn du als Privatperson sagst, ich habe jetzt die Kohle und kann da teilnehmen, dann warst du teilnahmeberechtigt.

Stefan Lassnig
Das ist ehrlich gesagt an mir vorbeigegangen, aber ist natürlich eine spannende Entwicklung eigentlich. Damit sind wir eh in der Gegenwart, weil wir jetzt gerade darüber gesprochen haben, über die Ambivalenz zwischen, ist man jetzt politisch oder nicht politisch, handelt man eher exklusiv oder inklusiv.
Also die letzten Jahre, seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 und dem Gazakrieg, ist ja das Thema Israel vor allen Dingen in den Vordergrund gerückt, auch jetzt im aktuellen ESC, der im Mai in Wien stattfinden wird. Fünf Länder boykottieren die Teilnahme. Marco, du hast es schon mal ganz am Rande erwähnt. Es ist Spanien, Irland, Niederlande, Slowenien und Island. Warum boykottieren diese Länder den ESC und was ist da eure Einschätzung dazu?

Alkis Vlassakakis
Die Länder boykottieren, also woher die tieferen Gründe sind, das ist vermutlich eine eigene Sendung wert. Da geht es dann einfach um, wie wird Israel wahrgenommen in der öffentlichen Entwicklung. Also Israel zum Beispiel ist für Irland klassisches Besatzerland, die fühlen sich an Großbritannien erinnert. Für Spanien ist es so, dass sie bis zum Ende der Junta eigentlich über Israel nicht berichtet haben, das war nicht interessant für sie, das wurde ausgeblendet und dann kommen sie in dieses neue moderne Europa und plötzlich ist dieses Israel da, sie verstehen es bis heute nicht. Das ist alles ganz stark verkürzt, das sind sehr individuelle Geschichten und ich möchte den Protestierenden und den Senderanstalten auch nicht absprechen, dass es nicht aus ihrem guten Gewissen heraus passiert. Island schon immer sehr israelkritisch, traditionell, also wir denken da nur an den Song Contest tatsächlich in Israel selbst, 2019. Ja, also.

Marco Schreuder
Da sind die Isländer mit einer Palästina-Fahne dann am Armband aufgetreten. Und in Island, ich habe wirklich persönliche Freunde, habe ich diskutiert, ich war mehrmals in Island, aber in diesem Thema ist es einfach, die Hamas ist für die eine Befreiungsorganisation. Dann denke ich mir, woher kommt das? Das wird auch im Fernsehen so dargestellt und dann merkst du auch, dass die mediale Erzählung dessen, was im Nahen Osten ist, in vielen Ländern sehr unterschiedlich ist. Die Niederlande wiederum, die waren, glaube ich, überhaupt sauer auf die EBU nach der Disqualifikation von Joost Klein 2024 und die haben sowieso entweder einen eigenen Kampf, den sie gerade da haben, der AVROTROS.

Alkis Vlassakakis

Das ist der Sender in dem Fall. Auch da wieder, öffentlich-rechtliche Sendersituation in den Niederlanden ist komplett anders als in Österreich.

Marco Schreuder

Kannst du nicht vergleichen. Und die haben dann, die behaupten ja wiederum, dass die nicht freie Medienberichterstattung aus Gaza der Grund ist, dass man nicht teilnimmt, weil man sagt, wir als öffentlich-rechtlicher Sender müssen auf das achten, dass es eine freie Berichterstattung möglich ist. Jetzt ist das Absurde, dass der Sender KAN, also das ist der israelische öffentlich-rechtliche Sender, das ist ein sehr zusammengestutzter, kleiner Sender geworden. Einst gab es einen riesengroßen, BBC-ähnlichen Sender in Israel und der war sehr populär, auch IBA, und der ist 2017 zugesperrt worden von der Regierung Netanjahu, weil, jetzt kommt's, die öffentlich-rechtlichen Sender, Netanjahu, they are no friends, die mögen sich nicht. Dann gab es auch, der Eurovision Song Contest 2017 aus Kiew war die allerletzte Sendung dieses Senders und dann haben sie zugesperrt. Und du siehst das auch, wenn der Punktesprecher seine Punkte durchgibt und sagt, wir drehen jetzt das Licht aus, mit Tränen in den Augen, und dann ist etwas Blödes passiert. Netanjahu war froh, den öffentlich-rechtlichen Sender loszuwerden, wie viele populistische Regierungen in Europa, in Slowakei und so weiter.

Stefan Lassnig
Angeblich gibt es in Österreich auch Populisten, die den ORF gern zusperren würden.

Marco Schreuder
Genau. Und dann, ich kenne sogar Eurovision-Fans, die finden, das ist keine öffentlich-rechtlichen Sender, dann sage ich, wuzt, das geht sie nicht aus. Anyway. Und dann gewinnt Netta, eine Israelin, mit "Toy" 2018. Und jetzt passiert etwas total Interessantes. Es gab dann damals schon zum ersten Mal eine Debatte, soll das überhaupt in Jerusalem stattfinden dürfen?

Dann war es in Tel Aviv, weil das geht noch, das ist ja jüdisches Gebiet sozusagen, das andere, umstritten. Was in den Jahren davor nie ein Thema war. 1999 hat der Song Contest in Jerusalem stattgefunden und niemand hat das hinterfragt. Anyway, dann waren plötzlich alle öffentlich-rechtlichen Sender auf der Seite von KAN. Und das Lustige ist, der Eurovision Song Contest, also die israelische Regierung in dem Fall tatsächlich, hat gewusst, das ist für uns eine Chance, der Song Contest kommt nach Israel, nur wir brauchen dafür einen öffentlich-rechtlichen Sender. Und eigentlich hat das den KAN gerettet, den man dann auch irgendwie, man hat ihn zwar gegründet, aber den wollte man kleinhalten. Jetzt kommt dieser Eurovision Song Contest. Und alle Sender bei diesen EBU-Meetings waren solidarisch mit dem öffentlich-rechtlichen Sender in KAN, auch durchaus als kritische Stimme gegen die Regierung.

Und warum das jetzt verloren gegangen ist, das ist etwas, was mir wirklich, wo mir auch ein bisschen das Verständnis fehlt. Wie immer man zu Netanjahu, zu diesem Konflikt stehen möchte, wir wissen, das ist ein heikles Gebiet, wo man auch schnell, jeder muss, glaube ich, sofort den Team-Leiberl anziehen und man ist auf einer Seite, statt dass man da eine differenzierte Diskussion führen kann. Nur, es geht in diesem Fall um die Teilnahme eines öffentlich-rechtlichen Senders, der frei berichten darf, wo man kritisieren darf. Man kann im KAN im Studio sitzen und sagen, die Regierung macht Fehler. Und die nehmen teil. Und das finde ich immer noch. Jetzt hat natürlich Israel auch die letzten Jahre sehr politisch instrumentalisiert, das muss man ja auch sagen.

Auf der anderen Seite, warum soll ein Überlebende eines Terroranschlags nicht singen dürfen? Das ist auch eine eine beeindruckende Geschichte. Und mir hat der Song auch wahnsinnig gut gefallen letztes Jahr von Israel und ist zu Recht zweiter geworden. Und das sind halt die Diskussionen, in der wir stecken. Und da wird dann, finde ich, zu viel Politik hineingetragen und dann auch ein bisschen zu wenig auf einer kulturellen Ebene eigentlich das Ganze wieder betrachtet.

Stefan Lassnig
Und ich würde gerne noch auf das eingehen, was du davor gesagt hast mit Team-Leiberl. Liegt es auch daran, dass diese Polarisierung so stark ist? Also politische Konflikte, jetzt sind wir ja die ganze ESC-Geschichte gemeinsam durchgegangen. Da sieht man ja sehr gut, dass die politischen Konflikte immer da waren. Das ist ja nicht so, dass man sagt, na gut, die sind jetzt vor kurzem aufgetaucht. Aber jetzt findet auch, finde ich, was mir da auffällt, ist so eine extreme Polarisierung statt. Also du hast jetzt gesagt, Israel, man ist entweder israelkritisch und dann gleichzeitig auch Antisemit oder Hamas und Terroranhänger. Aber so quasi, also es gibt jetzt wenig Möglichkeit, da differenziert drauf zu schauen. Ist das auch ein Thema? Ist das auch ein Thema, das den ESC belastet, das zum Beispiel „Building Bridges“ dann schwieriger macht?

Alkis Vlassakakis
Ja, das belastet den Song Contest ganz massiv. Wir sind einfach jetzt in einer Zeit, wo durch Social Media von jedem eine, es ist eine neue Bekenntniskultur entstanden. Wir müssen zu allem eine Haltung haben. Es gibt nichts, wo wir jetzt eine differenzierte Haltung haben dürfen, wo wir mal sagen können, ich habe dazu keine Meinung, da kenne ich mich zu wenig aus, weil Wissen wird sehr schnell vermittelt, sehr oberflächlich vermittelt, auch durch uns, durch Podcasts, aber vor allen Dingen durch diese sehr schnellen Medien, Reels, TikTok, Insta, Facebook, was auch immer. Das ist alles, im Zwei-Minuten-Takt wird dir da eine ganze Weltgeschichte erzählt und das ist natürlich, da bist du dann natürlich sehr schnell bei einer Meinung und wenn du das einmal angeschaut hast, wirst du immer wieder mit den gleichen Sachen bombardiert. Sprich, du kriegst dann auch eine extreme Einseitigkeit durch diese sozialen Medien mit.

Stefan Lassnig
Stichwort Algorithmus. Der Algorithmus lernt mit dir und spielt dir dann nur mehr das aus, wo er glaubt, dass dir das gefällt.

Marco Schreuder
Man sieht das ja auch jetzt am Sieg Cosmos beim österreichischen Vorentscheid „Vienna Calling“, wo dieser 19-jährige burgenländische Bub einem einen Sturm der Entrüstung entgegenblicken muss auf den sozialen Medien. Er selber, ich habe ihn gerade interviewt, kann man am Standard nachlesen, er geht sehr gelassen damit um. Nur der ist natürlich mit sozialen Medien schon aufgewachsen, während ich immer noch lerne, damit umzugehen, als alter Mann. Aber man sieht schon diese Polarisierung, dieses ich bin jetzt Team so und so und deswegen hasse ich den jetzt und das zeige ich ihm jetzt und dann wird dann so, dann werden einfach so Meinungen und auch persönliche Diffamierungen rausgekotzt, wenn ich das so sagen darf. Das ist schon unangenehm.

Auf der anderen Seite ein anderes Beispiel, um jetzt auf dieses Jahr auch ein bisschen einzugehen, also der politische Song kommt ja aus Moldawien dieses Jahr, „Viva Moldova“, mit diesem Konflikt zwischen Russland und proeuropäisch und wo stecken wir in unserem Land. Aber auf einer politischen, gesellschaftspolitischen Ebene finde ich den italienischen Beitrag sehr interessant. Sal Da Vinci, der hat Sanremo gewonnen und das Lied heißt „Per sempre sì“ und es geht um eine sehr klassische, sehr heteronormative Liebe. Wir heiraten im weißen Kleid und dann tun wir uns den Ring auf und per sempre sì, für immer ja und egal was kommt, wir werden immer zusammenbleiben, singt es in so einer Diskuschnulze wie aus den 70er Jahren.

Ich liebe es und dann habe ich aber auch, das ist auch durchaus auch unterschiedliche Meinungen bei uns im Podcast, wo dann Leute sagen, das ist viel zu konservativ, wieso soll ich in so einem weltoffenen Queer-Event wie dem Eurovision Song Contest sowas hören müssen? Es ist. Die rechte Regierung in Italien nimmt diesen Song natürlich auch für sich in Anspruch und sagt, ja, das ist das, was wir wollen, das ist Familienshow, diese Geschichten wollen wir erzählen, wo natürlich dann sofort eine Abwehrhaltung einer einer progressiven Bewegung kommt. Ach, was soll diese konservative Kacke da? Und dann sage ich immer, wenn man inklusiv sein will, dann gehören ja alle Lebensentwürfe und Liebesentwürfe zum Eurovision Song Contest und da darf auch ein Mann meines Baujahres 1969 dort eine sehr heteronormative Liebesgeschichte erzählen. Er selber ist übrigens sehr cool, er lässt sich eh nicht reinreiten, er sagt ja lieber, nein, nein, ich singe über die universelle Liebe, grenzenlos. Also er macht das eh ganz klug. Aber dann sieht man auch, wie politische Bewegungen auch so einen Song für sich in Anspruch nehmen können und auch besetzen.

Alkis Vlassakakis
In Italien kursieren derzeit Schlagzeilen, die sagen, dieser Song wird im Ausland als queere Liebe wahrgenommen, übrigens. Einfach nur, glaube ich, um die Meloni ein bisschen zu ärgern.

Marco Schreuder
Ja, aber die können nicht Italienisch, wenn er sagt, ich komme im Anzug und du im weißen Brautkleid. Ich meine.

Alkis Vlassakakis
Du weißt nicht, wie gut mir ein weißes Brautkleid stehen würde.

Marco Schreuder
Okay, ja, das stimmt.

Stefan Lassnig
Gut. Aber es ist ein super Beispiel für diese Durchlässigkeit zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und den Auftritten beim Song Contest, oder?

Marco Schreuder
Ja, ja. Was mich auch immer so ärgert, ist, dass ganz viele Leute, und das sind teilweise auch queere Leute, sagen, ach, der Song Contest ist schon ein bisschen zu queer. Der soll schon noch eine Familienshow bleiben. Wenn du dann aber zählst und von, ich weiß nicht, von 38 Acts fünf queer sind, dann kann man immer noch sagen, Leute, es sind doch immer 32 nicht queere Acts. Was ist das?
Aber die Leute sehen dann nur die fünf, die sehen diese eine Drag Queen oder diesen einen non-binary Person und finden das alles ja nur noch so. Dann denke ich mir immer, das ist etwas, woran sich die Leute immer noch nicht gewöhnt haben, dass in einer Abfolge von vielen Songs, von 25 Songs im Finale, dann auch drei, vier queere Acts auftreten und dass das eigentlich selbstverständlich sein sollte. Aber dass wir dafür immer noch, dass wir das immer noch erklären müssen, zeigt ja, dass ich 2014 doch vielleicht falsch gelegen bin und wir noch nicht ganz angekommen sind.

Stefan Lassnig
Ja, ich glaube, dass diese Gelassenheit zu sagen, okay, es gibt verschiedene Lebensentwürfe, nämlich in beide Richtungen, so wie du es davor gesagt hast, Marco. Und auch in verschiedene politische Entwürfe, die jetzt nicht radikal sind. Also bitte an der Stelle natürlich, endet die Demokratie. Aber also dort, wo die Demokratie endet, dort hört bei mir das Verständnis auf. Aber prinzipiell kann man das ja zulassen. Und diese Gelassenheit, die fehlt insgesamt in der Gesellschaft ein wenig, oder? Und das merkt man auch beim Song Contest.

Alkis Vlassakakis
Natürlich. Also Gelassenheit war mal, ist nicht mehr.

Marco Schreuder
Ja, vor allem, es wird dann von der eigenen Person, man kann ja den italienischen Beitrag ablehnen, weil das nicht seinem eigenen Lebensmodell entspricht und man kann das einfach blöd finden und dumm und alles.

Alkis Vlassakakis
Ich lehne es ab wegen Discofox.

Marco Schreuder
Aber das ist ja alles legitim. Aber wenn man dann sagt, das darf nicht sein, dann kommen wir schon in schwierige Gefilde. Und da will ich nicht hin. Ich finde, wir hatten es einmal, da hat in Rumänien ein Vorentscheid stattgefunden und da haben sehr queere Jurymitglieder einen Act absichtlich downgevotet. Die hatte die beste Stimme, sie hatte den besten Song und sie wäre Top 10 geworden beim Song Contest. Aber die Jurywertungen waren sogar 70 % oder irgend sowas und das Televoting war überhaupt nur 30 % und die haben die alle runtergevotet und die hat dann nicht gewonnen.

Sie war evangelikale, bibeltreu, gegen die eher gleichgeschlechtlichen Paare, also eh problematisch, überhaupt keine Frage. Auf der anderen Seite will man ihr da einen Auftritt beim Eurovision Song Contest verbieten, verhindern und da habe ich ein Problem. Ich habe mir gedacht, zeigt es, das gibt es auch, vielleicht ändert sie ihre Meinung, wenn sie die vielen queeren Fans kennenlernt.

Stefan Lassnig
Und lasst uns darüber diskutieren oder lasst uns das offen zeigen.

Alkis Vlassakakis
Man sieht es ja an Leuten, die früher eben genauso gelebt haben und heute von ihren schwulen, älteren Fans leben. Also ich meine, Carola zum Beispiel, klassisches Beispiel, die als in den 80ern und 90ern sehr bibeltreu daherkam und tatsächlich in den 2000er und 2010er Jahren eine Wende machen musste aus Karrieregründen, weil die einzigen Fans, die noch da waren, waren die schwulen Männer.

Marco Schreuder
Die lieben ihren Schlager. Marianne Rosenberg war auch so ein Beispiel.

Alkis Vlassakakis
Nein, Marianne war immer offen. Nein, nein, nein, nein. An Marianne lasse ich nichts ran.

Marco Schreuder
Nein, aber dass die, ich habe jetzt eher einen Schlager, die in der Community.

Alkis Vlassakakis
Das ist richtig.

Marco Schreuder
Ich habe jetzt nicht eine religiöse Geschichte gemeint.

Stefan Lassnig
Wenn wir jetzt abschließend diese Stunde, die wir jetzt ungefähr geredet haben, nochmal Revue passieren lassen, also die Antwort auf die Frage ist, der ESC politisch liegt eigentlich auf der Hand, oder?

Alkis Vlassakakis
Ja, ist er.

Marco Schreuder

Ja, wird er immer sein, aber man muss immer alles tun, es rauszuhalten, damit es noch ein bisschen spannender bleibt.

Stefan Lassnig
Also es gibt diese offizielle Sichtweise, dass er nicht politisch ist und die vielen, die Durchlässigkeiten sind ja vor allen Dingen, die man, glaube ich, heute ja gut herausgearbeitet haben. Es ist immer durchlässig Richtung Weltpolitik, es ist immer durchlässig Richtung Gesellschaftspolitik und es ist Kunst und Kunst darf nicht, glaube ich, nicht durchlässig sein, oder?

Marco Schreuder
Ich weiß nicht, ob es durchlässig ist. Ich sehe es als Spiegel. Also ich finde, alles, was in der Welt geschieht, geopolitisch geschieht, gesellschaftlich geschieht, die sozialen Medien haben den Song Contest geändert. Ich meine, der Song Contest ist ja eh org, oder? Ich meine, die letzte Familienshow Samstagabend, die es überhaupt noch gibt. Eine Familienshow, die zugleich sehr inklusiv ist.

Alkis Vlassakakis
Europaweit.

Marco Schreuder

Ja, und zugleich so inklusiv und queer ist. Ich meine, wenn es ihn nicht gäbe, man müsste ihn ja erfinden. Und dann schauen noch so viele junge Leute. Genau die Quoten zeigen eindeutig, dass junge Leute das immer noch schauen. Und die Eurovision hat das geschafft, auch diesen Weg vom Schwarz-Weiß-Röhrenfernseher zur TikTok-Generation. Ich bin gespannt, wo das noch hinführt.

Alkis Vlassakakis
Es ist auch eine demokratische Institution. Ich darf dort anrufen. Ich darf meine Meinung sozusagen kundtun per Telefonanruf. Ja, es kostet. Aber es ist ein Spiegel dessen, was hätte Europa denn jetzt gerne.

Stefan Lassnig
Und ich möchte jetzt den Podcast natürlich nicht abschließen, wenn ich zwei Experten da sitzen habe, ohne euch zu fragen. Der Song Contest in Wien im Mai. Wer ist euer Favorit oder eure Favoritin?

Marco Schreuder
Also ich muss jetzt unterscheiden. Es gibt immer persönliche Favoriten und einen Song, wo ich weiß, das wird gewinnen. Meine Songs gewinnen nie.

Alkis Vlassakakis
Genau.

Marco Schreuder
Also mein persönlicher Favorit dieses Jahr ist das Vereinigte Königreich. Ich liebe „Eins, Zwei, Drei“ es hat wirklich einen deutschen Titel. So ein New-Wave-Computer-Typ, also wirklich schräg. Also ich liebe es, ich fahre voll ab. Mein Lieblingslied und Finnland wird gewinnen.

Alkis Vlassakakis
Bei Finnland gebe ich ihm ganz recht. Also Finnland wird gewinnen, vermutlich. Wenn Also es ist einfach von der Inszenierung vom Song her genauso auf gewinnen ausgerichtet. Ich persönlich bin ein großer Fan des griechischen Beitrags, weil ich verstehe es.

Stefan Lassnig
Ich wollte gerade sagen, aber das ist jetzt schon sehr persönlich, oder?

Alkis Vlassakakis
Es ist total persönlich.

Marco Schreuder
Ja, aber ich mag Griechenland auch. Du weißt meine Punkte von der. Wir haben ja immer eine Serie auf „Merci Chérie“, wenn ich jetzt ein bisschen Eigenwerbung noch machen darf.

Stefan Lassnig
Bitte.

Marco Schreuder
Die heißt „Merci Jury“. Und das sind fünf Episoden. Wir haben gestern die erste aufgenommen mit zwei aus dem Vorentscheid, mit Philip Piller und Julia Steen. Und dann nehmen wir Griechenland durch. Und du warst ja nicht dabei.

Alkis Vlassakakis
Nein.

Marco Schreuder
Du weißt nicht, dass ich Griechenland zwölf Punkte gegeben habe.

Alkis Vlassakakis
Ich will ja nichts sagen.

Marco Schreuder

Aber schaut euch das an. Das macht wirklich viel Spaß.

Stefan Lassnig
Und letzte Frage. Wo wird Cosmo landen?

Alkis Vlassakakis
Oberes Mittelfeld. Es kommt gut an. Ich glaube, das wird funktionieren.

Stefan Lassnig

Ich bin immer noch dabei, den Tanz einzulernen, aber ich werde hoffentlich dann bis zur Show hinkriegen.

Marco Schreuder

Ich finde, ein Song ist ein super Gastgebersong. Weil wir laden in die Stadthalle ein und wir laden die Leute zum Tanzen ein und machen wir diese Party hier, united by Music. Ich finde die Botschaft eigentlich toll. Ich finde ihn cool. 19 Jahre, wenn du in Interviews glaubst, er ist ein End-20er. Also sehr, sehr, sehr interessant. Ich finde auch dieser kosmopolitische Hintergrund mit der ungarischen Mutter, dem deutschen Vater, aufgewachsen in Halbturn Zahnmedizin. Ja, genau Ich finde ihn interessant. Ich glaube, dass er so zwischen 15 und 20 landen wird.

Stefan Lassnig
Okay. Dann euch beiden vielen herzlichen Dank für die Zeit und für das mega interessante Gespräch. Danke.

Marco Schreuder
Ja, danke dir. Oder wie wir immer sagen.

Alkis Vlassakakis
Merci Chérie.

Marco Schreuder

Merci Chérie.

Autor:in:

Stefan Lassnig

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