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Geheime Operation Venezuela
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Die Episode #98 rekonstruiert eine außergewöhnliche militärische Operation und ordnet sie politisch und geopolitisch ein. Der Zugriff auf Venezuelas Präsidenten wird sachlich nachgezeichnet: von der geheimdienstlichen Vorbereitung über Luft- und Spezialkräfte bis zur Exfiltration. Darauf aufbauend folgt die Analyse der Interessenlage rund um Venezuela mit Drogenkrieg, Ressourcen und ausländischer Einflüsse. Abschließend stehen die Folgerungen im Mittelpunkt: der Präzedenzfall für internationales Recht, die Bedeutung nuklearer Abschreckung und Parallelen zu anderen Machtansprüchen, etwa im Fall Grönland.
Herbert Bauer
Grüß Gott und einen guten Tag, heute möchte ich die US-Operation in Venezuela beleuchten und ein paar Folgerungen daraus ziehen. Als Einleitung versuche ich wieder anhand einer fiktiven Story die wahrscheinlichen Abläufe der Nacht auf den 3. Jänner 2026 darzustellen. Dabei versuche ich die Perspektive der Spezialkräfte und die des Präsidenten Maduro zu erfassen.
Die Nacht über Caracas ist ruhig. Für die einen bedeutet das Schlaf, für die anderen Kontrolle. Während im Präsidentenpalast das Licht gedimmt ist und die Geräusche der Stadt nur noch gedämpft durch Mauern und Gärten dringen, ist der Luftraum längst kein ziviler Raum mehr. Ziviler Verkehr ist verschwunden, militärischer Verkehr unsichtbar verteilt. Sensoren, elektronische Aufklärung, Luftführungsplattformen, Tanker, Jagdflugzeuge – alles ist bereits in Position und kontrollieren den Luftraum, bevor noch die Rotoren der Hubschrauber des Zugriffsteams der US-Spezialkräfte anlaufen. Keine sichtbare Präsenz, aber permanente Überwachung. Jede Bewegung über einer definierten Schwelle würde durch die US-Kommanden erkannt, klassifiziert, bewertet, neutralisiert werden, bevor sie Bedeutung erlangt.
Im Palast liegt Nicolás Maduro neben seiner Frau Flores. Dann das erste ferne Dröhnen. Kein einzelnes Geräusch, sondern ein Hintergrund, der sich verdichtet. Sekunden später durchschneiden harte Impulse die Stille. Befehle hallen durch die Gänge, Soldaten bewegen sich, draußen scheint sich der Himmel zu öffnen. Für die, die es erleben, fühlt es sich an wie ein Angriff. Für die, die ihn geplant haben, ist es kein Angriff, sondern ein Zeitfenster, das genutzt werden muss.
Die eingesetzten Hubschrauber fliegen tief, mit reduzierter Signatur, eingebettet in ein Luftlagebild, das bereits stabilisiert ist. Der Kommandant des Zugriffsteams verfolgt den Anflug als Abfolge von Parametern: Geschwindigkeit, Abstand, Zeitmarken. Er weiß, dass der kritischste Moment nicht der Zugriff ist, sondern der Übergang in den engen urbanen Raum und das Absetzen danach. Kurz vor dem Anlanden kommt die Bestätigung: keine gegnerischen Starts, keine unvorhergesehenen Bewegungen, keine aktiven Luftabwehrsignaturen. Die Möglichkeiten der Gegenwehr wurden vorgestaffelt erfolgreich neutralisiert.
Im Palast verdichtet sich die Situation. Maduro weiß in diesem Moment nicht, dass diese Aktion auf Grundlage langfristiger Ermittlungen und einer bereits 2020 eingereichten Anklage vorbereitet wurde. Er weiß nur, dass etwas geschieht, das nicht mehr politisch abgefedert werden kann. Über 30 kubanische Leibwächter sollen den Tod gefunden haben. Dann wird der Raum geöffnet. Keine Verhandlung, keine Erklärung. Der Zugriff bleibt klein. Sicherung, Fixierung, sensorische Reduktion. Handschellen schließen sich. Sicht und Gehör werden genommen. Schutzbrille und Gehörschutz sind keine Geste der Demütigung, sondern Variablenkontrolle. Die Sinneswahrnehmungen werden minimiert, um unvorhersehbare Reaktionen zu vermeiden, sowohl bei den Zielpersonen als auch im Umfeld.
Der Zugriff endet, bevor er für Außenstehende beginnt. Kein Innehalten, kein symbolischer Moment. Der Abtransport setzt sofort ein, denn Exfiltration ist immer riskanter als Zugriff. Bewegungen sind sichtbar, Muster wiederholen sich, die Zeit arbeitet gegen das Team. Doch die Luftlage bleibt ruhig. Keine Annäherungen, keine Starts, keine Signale. Das bestätigt, dass die übergeordnete Kontrolle hält. Die Hubschrauber heben ab. Kein Ausweichen, kein zweiter Anlauf. Mit dem Verlassen des urbanen Raums verschiebt sich der Schwerpunkt nach oben. Der Boden verliert Bedeutung. Maduro, der politische Akteur wird zum Transportobjekt. Der Übergang zur maritimen Phase erfolgt nahtlos. Das amphibische Angriffsschiff, die USS Iwo Jima, liegt vorbereitet, gesichert, routiniert in der karibischen See. Keine Öffentlichkeit, kein Narrativ. Übergabe, medizinische Kontrolle, juristische Sicherung. Der Einsatz ist hier aus operativer Sicht abgeschlossen. Ab diesem Moment übernimmt eine andere Logik. Der Weitertransport erfolgt kontrolliert, abgeschirmt, ohne Unterbrechung.
Auf der Stewart Air National Guard Base in New York endet der Flug. Die Handschellen bleiben. Kameras erscheinen. In diesem Moment, begleitet von Agenten, sagt Maduro leise „Good Night“, später ein ironisches „Happy New Year“. Worte als letzter Rest eigener Handlungsmacht. Vor dem Gericht in Manhattan wird nun die Unsichtbarkeit der Operation bewusst in Sichtbarkeit überführt. Der Zugriff sollte unsichtbar sein, das Verfahren nicht. Das ist Teil der Gesamtarchitektur. Im Gerichtssaal erklärt er sich für nicht schuldig, spricht von Entführung, beharrt darauf, legitimer Präsident Venezuelas zu sein. Seine Frau plädiert ebenfalls auf nicht schuldig und fordert medizinische Versorgung für ihre Verletzungen. Die Anklage verweist auf Vorwürfe des Drogenhandels und waffenbezogener Straftaten im Rahmen einer langjährigen Verschwörung. Aus Maduros Sicht ist das aber keine juristische Auseinandersetzung, sondern die politische Beseitigung eines Staatschefs. Für das Gericht ist es ein Verfahren. Für die militärischen Kommandanten der US-Streitkräfte ist es eine erfolgreiche Operation: Die befohlene Zielpersonen entnommen. Keine Ausweitung der Operation, keine Eskalation, keine ungeplanten Zwischenfälle, keine letalen eigenen Verluste. Für Maduro markiert dieselbe Nacht den Übergang von Macht zu Verteidigung, von Kontrolle zu Ungewissheit. Zwei Perspektiven derselben Geschichte, verbunden durch eine Nacht, in der der Luftraum leer war und die Bedeutung wechselte.
So kann man sich den Ablauf dieser Operation auf Basis öffentlich zugänglicher Informationen vorstellen. Was nun aber offen ist, sind die Fragen: Warum gerade Venezuela und warum jetzt? Der folgende Teil versucht das Geschehen politisch und strategisch einzuordnen. Es geht dabei nicht um Moral, sondern um Interessen, Motive und Zusammenhänge.
Zur Vorgeschichte: Venezuela steht seit Jahren im Fokus der Vereinigten Staaten. Die US-Regierung hat das Regime von Nicolás Maduro über lange Zeit systematisch delegitimiert. Ein zentrales Narrativ dabei ist der Drogenkrieg. Venezuela wurde wiederholt als sogenannter Narco-Staat dargestellt, also als Staat, in dem Regierung, Militär und organisierte Kriminalität strukturell verflochten seien. Dieses Narrativ ist politisch wirksam, weil es nicht nur Kritik erlaubt, sondern auch juristische und militärische Maßnahmen legitimierbar macht.
Des Weiteren verfügt Venezuela über die größten bestätigten Erdölreserven-Pool der Welt. Diese Reserven sind strategisch relevant, nicht nur wegen ihres Umfangs, sondern wegen ihrer geographischen Lage in der westlichen Hemisphäre. In der Vergangenheit wurden in Venezuela zahlreiche US-amerikanische Energie- und Dienstleistungsunternehmen verstaatlicht. Diese Enteignungen sind bis heute nicht abschließend geklärt. In den USA bestehen offene Forderungen nach Schadenersatz und Rückeignung, also nach der Rückgabe oder Neubewertung von Eigentumsrechten. Dann die geopolitische Dimension: Venezuela hat sich in den letzten Jahren - aufgrund der US-Haltung wohl nachvollziehbar - zunehmend China und Russland angenähert. China ist vor allem wirtschaftlich durch Kredite, Infrastrukturprojekte und langfristige Lieferverträge präsent. Russland tritt stärker politisch und symbolisch auf, inklusive militärischer Kooperation und öffentlicher Unterstützung für Maduro. In Washington wird Venezuela daher nicht isoliert betrachtet, sondern als Brückenkopf fremder Großmächte im eigenen Hinterhof.
Natürlich spielen auch ökonomische Erwartungen eine Rolle. Unmittelbar nach dem Sturz Maduros reagierten die Märkte positiv. Bestimmte Energie- und Rohstofftitel legten zu. Dahinter steht die Erwartung, dass ein Machtwechsel in Caracas zu einer Neuausrichtung der Wirtschafts- und Eigentumsordnung führen könnte und es zu einer Öffnung für westliche Investoren, Neuvergabe von Förderrechten und rechtlichen Aufarbeitung vergangener Enteignungen kommt. Diese Punkte ergeben in Summe eine Verdichtung von Interessen, die motivbildend sein können. Der Zugriff auf Maduro fällt damit nicht vom Himmel, sondern fügt sich in eine lange entwickelte Konfrontationslinie ein.
Aber warum dieses Vorgehens? Welche Folgen kann das über Venezuela hinaus haben? Unabhängig von einer politischen Bewertung ist eines festzuhalten, dass der Zugriff auf den amtierenden Präsidenten eines souveränen Staates durch militärische Mittel einer Großmacht kein Routineereignis, sondern in dieser Form wohl ein Präzedenzfall ist. Völkerrechtlich bewegt sich ein solches Vorgehen in einem hochproblematischen Raum. Es gab kein Mandat der Vereinten Nationen, keine kollektive Sicherheitsentscheidung und keinen klassischen Selbstverteidigungsfall gab es auch nicht. Die Begründung stützt sich auf nationale Strafverfolgung und extraterritoriale Durchsetzung von Recht. Das ist juristisch umstritten und politisch brisant. Man muss allerdings sagen, entscheidend ist hier wohl weniger die formale Rechtsfrage als die implizite Logik, die dahinter sichtbar wird. Diese Operation zeigt sehr deutlich, wo die praktische Grenze des Völkerrechts verläuft. Sie verläuft dort, wo Machtinteressen dominieren und wo Abschreckung fehlt.
Anders formuliert: So etwas funktioniert nur gegenüber Staaten, die keine nukleare Abschreckung besitzen. Venezuela hat keine Atomwaffen. Es verfügt über keine Fähigkeit zur strategischen Vergeltung. Genau das macht einen solchen Zugriff überhaupt erst denkbar. Gegen Russland, China oder andere nuklear bewaffnete Staaten wäre ein vergleichbares Vorgehen schlicht unvorstellbar, unabhängig davon, wie problematisch deren Führung aus westlicher Sicht sein mag. Damit wird ein unausgesprochenes Prinzip sichtbar: Nicht das Recht schützt Staaten vor militärischem Zugriff, sondern nur die Abschreckung.
Diese Logik ist gefährlich, weil sie Normen verschiebt, aber real. Wenn eine Großmacht demonstriert, dass sie bereit ist, militärisch in einen Staat einzudringen, um dessen politische Führung festzusetzen, dann bleibt das nicht ohne Wirkung. Andere Akteure beobachten genau, was möglich ist und was nicht sanktioniert wird. In diesem Zusammenhang ist die aktuelle russische Eskalationsrhetorik ein passender Marker. Dmitri Medwedew hat den Venezuela-Fall ausdrücklich als Vorlage genommen und öffentlich erklärt, er könne sich eine Entführung des deutschen Bundeskanzlers Friedrich Merz „nach US-amerikanischem Vorbild“ vorstellen. Die Formulierung war bewusst provokativ und persönlich beleidigend, inklusive des Begriffs „Neonazi Merz“ und der Idee, eine solche Entführung könne eine „hervorragende Wendung“ in einer „Karnevalsserie“ sein. Man muss solche Sätze nicht wörtlich nehmen, um ihre Funktion zu verstehen. Das ist keine Diplomatie. Das ist strategische Einschüchterung und Normalisierung des Gedankens, dass Großmächte sich das Festsetzen fremder Führungsfiguren als politisches Instrument vorstellen.
Der Maduro-Fall liefert dafür einen Hebel: Wenn der Westen bereit ist, Macht so einzusetzen, warum sollten sich andere Mächte dauerhaft zurückhalten? Das bedeutet nicht, dass wir unmittelbar vor einer Kette ähnlicher Operationen stehen. Aber es bedeutet, dass die Hemmschwelle sinkt. Normen werden nicht formell abgeschafft, sie werden praktisch unterlaufen.
Am Ende bleibt eine unbequeme Erkenntnis: Diese Operation war militärisch präzise, politisch kalkuliert und macht hoffentlich auch für gutgläubige Menschen deutlich, dass die internationale Ordnung weniger auf Recht basiert, sondern stärker auf der Frage, wer sich was leisten kann und wer was zur Verhinderung beitragen kann. Gute Absichten und der unbändige Wille zum Frieden alleine werden nicht genügen.
Aber schauen wir noch weiter: Wenn man den Fall Venezuela nicht isoliert betrachtet, sondern als Ausdruck eines bestimmten strategischen Denkens, dann kommen unweigerlich Panama und Grönland ins Spiel. Bereits in seiner ersten Amtszeit hatte Donald Trump offen erklärt, die Vereinigten Staaten hätten ein Interesse daran, Grönland zu übernehmen. Auch heute ist das Argumentationsmuster schlicht: Wir brauchen das. Gemeint sind strategische Lage, Rohstoffe, sicherheitspolitische Vorfeldkontrolle. Es ist dasselbe Grundmuster, das auch im Fall Venezuela erkennbar ist, nur in einem anderen politischen Kontext. Der entscheidende Unterschied: Grönland gehört nicht zu einem Gegner, sondern ist Teil des westlichen Bündnissystems. Es ist ein autonomes Gebiet des NATO-Mitglieds Dänemark und damit indirekt auch Teil der NATO. Ein Machtanspruch gegenüber Grönland richtet sich also nicht gegen einen geopolitischen Rivalen, sondern gegen einen Verbündeten. Gerade das macht den Vergleich so brisant.
Im Fall Venezuela wird argumentiert mit Kriminalität, Drogenkrieg und autoritärer Herrschaft. Im Fall Grönland fällt diese Legitimation weg. Übrig bleibt das nackte strategische Interesse. Das legt offen, dass es nicht primär um politische Systeme geht, sondern um Räume, Ressourcen und Kontrolle. Diese Logik ist kein Sonderfall der USA. Sie ist Teil eines globalen Trends. Großmächte denken stärker in Einflusszonen, Vorfeldern und Verwundbarkeiten. Offene Macht wird dort eingesetzt, wo Risiken beherrschbar und Gegenreaktionen begrenzt erscheinen.
Was lässt sich daraus folgern? Wie immer wieder der Versuch eines Fazits: Der Fall Venezuela zeigt nicht, was militärisch möglich ist; das wussten wir auch schon vorher. Er zeigt, wann und gegen wen solche Mittel heute eingesetzt werden und warum. Die internationale Ordnung verschiebt sich nicht durch neue Verträge, sondern durch die Praxis. Wenn eine Großmacht militärisch in einen souveränen Staat eingreift, um dessen Präsidenten festzusetzen, dann entsteht daraus kein neues Recht, aber ein neuer Maßstab. Was einmal getan wurde, kann künftig gedacht werden. Und was gedacht werden kann, senkt die Hemmschwelle für Nachahmung. Das entscheidende Schutzinstrument von Staaten ist längst nicht mehr das Völkerrecht, sondern die Abschreckung. Nicht Moral, nicht Normen, sondern die Fähigkeit, dem Gegner Kosten zu erzeugen. Der Unterschied zwischen Staaten, denen so etwas widerfährt, und jenen, bei denen es undenkbar bleibt, verläuft entlang einer klaren Linie: die Fähigkeit zur strategischen Gegenwirkung. Das ist eine unbequeme, aber realistische Erkenntnis.
Wir erleben eine Rückkehr des Machtdenkens in Räumen: Rohstoffe, Verkehrsachsen, Vorfelder, Infrastruktur. Ob Venezuela oder Grönland, die Argumente unterscheiden sich, die Logik nicht. Sicherheit wird wieder territorial gedacht, nicht regelbasiert. Und sie wird zunehmend auch gegen Verbündete mitgedacht, nicht nur gegen Gegner.
Militärische Mittel sind dabei nur ein Teil des Instrumentariums. Hybride Operationen, wirtschaftlicher Druck, rechtliche Konstruktionen und gezielte Eskalationsrhetorik gehören längst zur gleichen Werkzeugkiste. Die Trennlinie zwischen Krieg und Frieden wird nicht überschritten, sie wird aufgelöst.
Die zentrale Schlussfolgerung lautet daher nicht, dass die Welt gefährlicher geworden ist. Sie lautet, dass sie ehrlicher geworden ist. Macht wird wieder offen kalkuliert, nicht mehr hinter normativen Fassaden verborgen. Für kleinere und mittlere Staaten bedeutet das: Sicherheit entsteht nicht aus Annahmen, sondern aus Fähigkeiten, Resilienz und klarer strategischer Selbstverortung. Der Fall Venezuela ist damit weniger ein Ausreißer als ein Signal. Nicht für das, was kommt, sondern für das, was längst im Gange ist.
Europa bitte wache auf!
Autor:in:Herbert Bauer |