Ganz offen gesagt
Über den "Kultureuro" - mit Fabian Burstein

Anna-Lisa Bier spricht mit Fabian Burstein über den Wiener "Kultureuro". Burstein erklärt, warum die ursprünglich vernünftige Idee einer touristischen Kulturabgabe in Wien scheiterte, wie Wiens Kulturförderung eigentlich aufgebaut ist und schildert, was sich strukturell ändern müsste, damit die Debatte nicht in fünf Jahren erneut aufflammt.

Anna-Lisa Bier
Hallo und herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt", dem Podcast für Politikinteressierte. Mein Name ist Anna-Lisa Bier, und ich freue mich, dass ihr wieder mit dabei seid.
12,5% Aufschlag auf jedes Konzert-, Theater- oder Opernticket: Das war die Idee hinter dem sogenannten Kultureuro in Wien. Kaum bekannt geworden, war er aber auch schon wieder Geschichte.
Der Staatsopern-Direktor sprach von einer existenzbedrohenden Maßnahme, die ÖVP startete einen offenen Brief gegen den Kultureuro, und Bürgermeister Michael Ludwig zog die Reißleine, noch bevor der Gesetzesentwurf überhaupt fertig war.
Aber damit ist die eigentliche Frage nicht beantwortet: Wie soll sich Wiens Kulturlandschaft künftig finanzieren, ohne dass entweder das Publikum oder die Kulturschaffenden draufzahlen? Genau darüber spreche ich heute mit meinem Gast Fabian Burstein. Er ist Intendant der Kultur-NGO GlobeArt und die Stimme hinter dem Podcast "Bühneneingang".
Hallo Fabian, herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt". Danke, dass du dir die Zeit für dieses Gespräch nimmst.
Fabian Burstein
Danke für die Einladung.
Anna-Lisa Bier
Bevor wir ins Gespräch einsteigen, kommen wir zuerst zu der traditionellen Transparenzpassage, mit der wir euch, liebe Hörerinnen und Hörer, ermöglichen wollen, unsere Gesprächspartner*innen und deren Aussagen besser einschätzen zu können. Fabian, erzähl vielleicht du mal kurz: Woher kennen wir uns, und warum duzen wir uns?
Fabian Burstein
Wir kennen uns aus dem Missing Link-Kosmos. Ich nehme hier den Bühneneingang auf, und du warst von Anfang an eine Wegbegleiterin des Bühneneingangs. Und insofern ist es auch stimmig und schlüssig und authentisch, dass wir per du sind, glaube ich.
Anna-Lisa Bier
Ich denke auch. Nach all den paar Jahren, oder? Kann man schon mal per du sein, vor allem in der Podcast-Szene. Und was auch noch dazukommt, ist, dass wir schon gemeinsam, nämlich mit der NGO, wo du ja Intendant bist, mit GlobeArt, eine Veranstaltung organisiert haben: das "Discursible". Also das kommt noch einmal mit dazu, eigentlich, oder? Also ich glaube, wir hatten in den letzten Jahren schon ein bisschen miteinander zu tun.
Fabian Burstein
Ja, einige Berührungspunkte.
Anna-Lisa Bier
Ja, genau, das ist wahr. Dann kommen wir zur zweiten Frage: Bist oder warst du jemals Teil einer Partei oder einer deren Vorfeldorganisationen?
Fabian Burstein
Ich bin nicht Mitglied einer Partei oder einer Vorfeldorganisation. Ich war aber Mitglied einer Partei und auch von Vorfeldorganisationen.
Anna-Lisa Bier
Okay, okay, okay. Danke für die Transparenz an der Stelle. Wir kennen dieses Studio ja beide sehr gut, und heute sitzt du ausnahmsweise mal auf der Seite, wo sonst deine Gäste sitzen. Also schön, dass du da bist.
Fabian Burstein
Ganz ungewöhnlich, ja.
Anna-Lisa Bier
Ja. Ich hoffe, das wird deine Aussagen nicht ändern. Ich denke aber eigentlich nicht.
Fabian Burstein
Nein, nein.
Anna-Lisa Bier
Bevor wir ins Detail gehen: Kannst du in ein, zwei Sätzen skizzieren, was der Kultureuro oder die Idee dahinter eigentlich konkret gewesen wäre?
Fabian Burstein
Tja, wenn man das so leicht könnte, wäre es vielleicht nicht so ein Riesenflop geworden oder nicht so eine große Kontroverse. Man muss sagen, der Ausgangspunkt dieses sogenannten Kultureuros war etwas, das in zum Beispiel deutschen Städten durchaus schon gute und gelernte Praxis ist, nämlich dass man anhand einer Ortstaxe oder einer Kommunalabgabe, die an Übernachtungen gekoppelt ist, dass man da einen Weg findet, um Einnahmen für Kunst und Kultur zu generieren. Ich habe das das erste Mal kennengelernt, wirklich schon vor einigen Jahren, in Weimar. Dort gibt es das, aber auch in Köln, in Hamburg und so weiter und so fort. Also da gibt es auch in Erfurt, glaube ich, also da gibt es einige Städte, die das sogar explizit im Namen tragen. So.
Also das ist einfach nichts anderes als eine Steuerkategorie, eine Abgabenkategorie, die an Übernachtungen gekoppelt ist. So. Und so hat das auch in Wien begonnen, im April 2025, muss man auch ehrlich sagen, ausgelöst von der Kulturstadträtin Veronika Korp-Hasler. Kam dieses Thema aufs Tapet, sie hat das in den Diskurs eingeführt. Ich finde, das war keine verkehrte Idee, darüber mal zu sprechen.
Ja, und dann ist es völlig entglitten, weil diese Abgabe, da ist was passiert, was immer passiert. Die Tourismusbranche hat protestiert, Bürokratie, das war auch in Hamburg so, also das muss man fast einpreisen, diese Proteste. So, und was dann in Wien ungewöhnlich war: Man hat sich da wirklich relativ schnell die Schneide abkaufen lassen, und dann ist man irgendwie herumgewankt in irgendwelche komischen Modelle, die nur vordergründig was mit Kultur zu tun haben. Also man hat sich dann zum einen ein bisschen orientiert an diesen berühmten Sportgroschen, das ist eine Abgabe auf Sportveranstaltungstickets, die es aber wirklich schon sehr, sehr lange gibt, seit Jahrzehnten. Das heißt, das gesamte Sportsystem ist mit dieser Abgabe traditionell gewachsen.
Anna-Lisa Bier
Die gibt es seit 1948 an der Stelle, also wirklich schon lange, ja.
Fabian Burstein
Wirklich lange. Und darum erklärt sich auch, warum man das nicht einfach so einführen kann. Das wäre so, wie wenn ich, also ich sage mal, die Umsatzsteuer ist etwas, das ist gelernt, das ist Teil unseres.
Anna-Lisa Bier
Gelernte Praxis, ja.
Fabian Burstein
Teil unseres Wirtschaftssystems. Würde es die aber nicht geben, und ich würde sagen, ich führe das jetzt morgen ein, dann würde das unser gesamtes Abgabensystem auf den Kopf stellen. Und das ist der Grund, warum das bei der Sportförderung gut funktioniert und man es aber nicht einfach eins zu eins sofort bei der Kultur machen kann. Plus, und da war dann eine Riesenverwechslung, man hat so Bezüge genommen zur sogenannten, im internationalen Vergleich heißt das die Admission Tax, also die Besteuerung von Karten.
Das ist aber, da hat man nicht genau, glaube ich, nachgelesen, weil zum Beispiel in Deutschland ist das angelehnt an die sogenannte kommunale Vergnügungssteuer. Und diese Vergnügungssteuer, die wird zwar wirklich auf Eintrittskarten eingehoben, aber da geht es um gewerbliche Tanzveranstaltungen, um bestimmte Kinoformate, um kommerzielle Sonderveranstaltungen. Also das ist nicht, im Übrigen auch teilweise um pornografische Darbietungen tatsächlich.
Also das ist im Kern in der Geschichte nicht etwas, was mit Kunst und Kultur zu tun hat, sondern mit Vergnügung. So. Und irgendwie das hat man dann alles vermengt, vermischt, nicht klar gekriegt, und dann ist das mit einem Krach gescheitert.
Anna-Lisa Bier
Also es gab ja zuerst eben diese Pläne für eine kulturfördernden Tourismusabgabe, wie du es gerade beschrieben hast, und dann kam eigentlich durch diese öffentliche Debatte, hat sich dann dieser Fokus von den reinen Tourist*innen, die das quasi abgeben oder das im Prinzip zahlen, sage ich jetzt einmal, auf alle Kulturkonsument*innen abgesetzt.
Und dann ist es losgegangen, weil dann, ja, hat dann Bürgermeister Michael Ludwig dann die Reißleine kurzerhand gezogen nach ein paar Tagen Debatte, hat ein Video veröffentlicht, wo er gesagt hat, okay, der Kultureuro kommt nicht, die Kultur müsse für alle zugänglich bleiben.
Wie kann man dann jetzt Geld generell dann suchen? Also es ist ja jetzt nicht so, dass damit das Problem gelöst ist.
Fabian Burstein
Ja. Also da muss man tief in die kulturpolitischen Mechanismen Wiens eintauchen. Und da gab es sicher einen Kardinalfehler, wie man so schön sagt, nämlich dass man es sich nicht durchringen konnte, im Zuge der Sparkonzepte etwas vorzulegen, wo man auch bei der Wiener Kulturszene signifikant Einsparungspotenziale aufzeigt.
Das hat ein bisschen, ist jetzt meine Analyse mit der kulturpolitischen Prägung der Kulturstadträtin zu tun, die sehr eng mit der freien Szene ist, da glaube ich auch ein großes Bedürfnis hat, wertgeschätzt zu werden und da auch gut dazustehen. Und da war in einem ersten Schritt schon so ein bisschen ein Aufatmen: Da hat man es geschafft, der Kelch ist an uns vorübergegangen. Das ist aber nur vordergründig, sondern natürlich scharrt dann irgendwann einmal eine Finanzstadträtin in den Löchern und sagt: "Nein, pass auf, wo sind denn jetzt die Sparpotenziale? Sag sie mir." So, und dann ist so eine Abgabe natürlich ein Weg. Nur dann muss man es durchhalten, dann muss man es gut verargumentieren, dann muss man auch eine entsprechende Machtlobby im Rathaus haben, um das durchzusetzen. Die ist offenbar nicht da.
So, und dann ist es halt wirklich desaströs geworden, weil dann hat man zu Recht natürlich immer weiter nachgefragt: "Na, woher kommt es denn jetzt?" Und ich nehme mal an, so kam dieser verhunzte Vorschlag mit diesem Kultureuro, der auch in jeglicher, ich habe es ja vorher gerade erklärt, Abgabenlogik keinerlei Sinn ergibt und auch keinerlei gelernte Herleitung hat.
So, und jetzt haben wir das Dilemma. Wir haben eine verunglückte Debatte, das Thema der Abgabe über die Taxi, das eigentlich hochvernünftig gewesen wäre, ist irgendwie verpestet, also man kann das nicht mehr so ohne Weiteres aufgreifen. Und wir haben keine Sparpotenziale nach wie vor identifiziert, und die wird es, aber die muss man finden, denn auch die Kunst und Kultur wird ihren Beitrag leisten müssen, um die Haushalte zu entlasten.
Anna-Lisa Bier
Ich möchte in diesem Sinne auch über das Wiener Kulturförderungssystem sprechen. Kannst du das vielleicht auch für unsere Hörer*innen kurz skizzieren, damit wir wissen, wovon wir da sprechen? Das ist ja eigentlich auf zwei Bereiche aufgegliedert, oder?
Fabian Burstein
Also mit zwei Bereichen meinst du?
Anna-Lisa Bier
Ich meine quasi die Gesamtförderung, Einzelförderung.
Fabian Burstein
Ja, also genau. Es gibt in Wien ganz unterschiedliche Förderschienen, ja. Das könnte man aufdröseln im Wesentlichen in institutionelle oder in Projektförderung. Das ist so eine Logik, die es gibt, ja.
Es gibt dann auch, muss man klipp und klar sagen, eine zentrale und eine dezentralisierte Förderung. Das heißt, es gibt Töpfe, die vergibt die zuständige Behörde, die MA7, quasi für die Stadt, und dann gibt es Budgets, die über die Bezirke vergeben werden, wobei die formal auch über die MA7 abgerechnet werden, aber die Entscheidungen dazu werden in den kleinen Bezirksparlamenten gefällt.
So, und dann ist in vielerlei Hinsicht oft, gibt es einen Fördermix, also sprich, ich kriege Geld aus der Kommune, aus Wien im weitesten Sinne und aus dem Bund. Da gibt es aber noch hundert Teilfacetten, die man da auch noch anführen könnte.
Anna-Lisa Bier
Auf das möchte ich nämlich jetzt zu sprechen kommen. Das Ganze hat eigentlich bei mir generell damit begonnen, dass ich mir am 16. September die Sendung "Wild umstritten" auf ATV angesehen habe.
Da war die Falter-Journalistin Barbara Toth, der Kabarettist Thomas Maurer und der ehemalige Vizekanzler und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache zu Gast beim Moderator Werner Seicker.
Und die haben über das Thema gesprochen generell.
Und ich habe heute ein paar Ausschnitte aus der Diskussion davon vorbereitet, und ich würde eben sehr gerne mit dir darüber sprechen, und mich würden eigentlich auch deine Einschätzungen dazu interessieren.
Ich würde jetzt einmal den ersten Ausschnitt abspielen.

Thomas Maurer
Wenn man nicht das Anliegen hat, zu sagen, na ja, es gibt in der Stadt viel zu viel Kulturveranstaltungen, das müssen wir drosseln, das wäre das Einzige, was man damit bewirkt. Und das hätte ja sich irgendwie auch merkwürdig verteilt.
Also die subventionierten Häuser, vor allem die großen, hätte man ja wahrscheinlich dann trotzdem irgendwie am Leben erhalten. Also da wäre es dann sozusagen nur von einer Tasche in die andere gegangen. Der nicht subventionierte Bereich, aus dem ich halt auch komme, der hätte es halt gefressen und.
Werner Seicker
Und zwar bezahlen müssen, genau.
Thomas Maurer
Druck gekriegt. Und jetzt ist es eh eine Zeit, vielleicht sparen, wirtschaftliche Situation wieder ist unsicher. Eingeschätzt, Kultur ist immer eine der Sachen, die relativ früh gestrichen wird.
Dort sind, wo das Geld besser vorknöpft wird. Und wir hatten jetzt seit Covid, ich weiß es nicht, 30 Prozent Inflation mindestens.
Und dann kommen nochmal zwölf einhalb drauf. Und dazu kommt, ich bin kein Nationalökonom, aber das wäre ja noch einmal ein Inflationstreiber.

Anna-Lisa Bier
Das war jetzt Kabarettist Thomas Maurer, und ich meine, er spricht natürlich diesen nicht subventionierten Sektor an, aus dem er nämlich mit der Kabarettszene ja eigentlich herkommt.
Für mich jetzt so als Außenstehende wirkt es so, dass das ja nochmal mehr auf dieses fragile System ein bisschen einzollt, also zwischen subventionierten Häusern, auch zum Beispiel, die auch natürlich vom Bund gefördert werden, so wie Staatsoper und so weiter, und dann auf der anderen Seite wieder so ein bisschen die freie Szene.
Ist das dann mit diesem Kultureuro dann noch einmal verschärfter gewesen, oder wie siehst du das?
Fabian Burstein
Also zu diesem konkreten Statement, ich persönlich, ich schätze den Thomas Maurer extrem für seine auch politischen Analysen auf der Bühne. Ich bin ein Riesenfan seiner Stücke, dieser Einpersonenstücke, wo er einen gefallenen FPÖ-Mann darstellt, dann aber auch wieder aus diesem bürgersozialistischen Milieu eine Figur darstellt. Also das sei vorausgeschickt. Ich möchte aber auch sagen, dass ich nicht verstehe, was er da sagt. Also das ist für mich halt so ein Dahinmeandern nach dem Motto: Ah, man muss schauen, dass die Leute sich das leisten können, und mit dem können sie sich es weniger leisten. Das ist für mich keine politische Analyse.
Wir stehen vor folgender Situation: Wir müssen es wieder schaffen, ja, nicht in Gießkannensystemen denkend, sondern mit wirklich zielgenauen Abgaben unsere Haushalte zu finanzieren und auch unsere Kulturhaushalte zu finanzieren. Und zielgerichtet heißt auch sozial treffsicher. Also sprich, dass ich mir genau überlege, wie belaste ich die, die es weniger haben, weniger, und die, die mehr haben, mehr.
Und das, was da der Thomas Maurer und viele auch in der Debatte gesagt haben, hat nichts damit zu tun. Wir müssen da wieder an den Start, das ist keine emotionale Debatte mit, wer darf da teilnehmen und wer nicht, sondern wir haben eine Agenda in Wien, eine politische, die lautet hoffentlich, dass der Kulturbetrieb für alle zugänglich sein muss. So, das ist er schon jetzt nicht.
Anna-Lisa Bier
Das ist auch ein guter Punkt, ja.
Fabian Burstein
Ja, das ist er schon jetzt nicht. So, jetzt haben wir eine zweite Herausforderung. Es gibt einen Sparhaushalt, und der Kulturhaushalt wird auf die eine oder andere Art etwas dazu beitragen müssen. So, wie machen wir das? Und da gibt es eben unterschiedlichste Modelle.
Ich glaube auch, dass das über diese Tourismusabgabe sicherlich das Beste ist. Und da machen es eben auch wieder die deutschen Städte vor, die ganz klar gestaffelte Abgaben haben, ja, also die sich sehr viele Gedanken gemacht haben über Treffsicherheit, die sich dazu beraten haben, wo und an welcher Stelle welche Hebel angesetzt werden müssen.
Und das ist etwas, das muss Wiener Kulturpolitik wieder insgesamt mehr lernen, nämlich sich anzuschauen, wo funktionierende Modelle sind. Vielleicht waren wir vor 40, 50 Jahren europäische Avantgarde, das sind wir nicht mehr. Wir sind das nach wie vor in der Wohnbaupolitik, da sind wir ganz vorne dabei. In der Kulturpolitik sind wir weit abgeschlagen.
Wir sind wirklich, wir nähern uns tatsächlich dilettantischen Sphären an. Und das hat dieser wirklich fragwürdige Vorgang rund um diesen Kultureuro gezeigt, dass man nicht imstande ist, rational hergeleitet mit großer Ruhe und Konsequenz ein politisches Thema zu setzen, es mit einer Maßnahme zu hinterlegen und dann die Chuzpe zu haben, es durchzustreiten.
Weil, wie gesagt, ohne Streiten geht es nicht. In Hamburg war das auch jahrelang, hat der Tourismus gesagt, die Touristen werden ausbleiben deshalb. Na, weil der Tourist ein Euro mehr zahlt als Beitrag zu etwas, wo er ansonsten keinen Beitrag gezahlt hätte, deshalb bleibt er nicht weg. Ich bin auch nicht sofort aus Weimar abgereist.
Anna-Lisa Bier
Ja, das ist wahr. Ich möchte dazu eigentlich jetzt auch gleich mal den zweiten Einspieler vorspielen. Da geht es nämlich um eine Aussage von Barbara Toth, die dann eigentlich auch über diese Kommunikation von der SPÖ spricht.

Barbara Toth
Das ist auch ein schwerer handwerklicher Fehler. Also sowas darf einfach nicht passieren, dass man tagelang über so einen Vorschlag debattiert.
Alles wird irgendwie aufgebracht, die Bürgerinnen aber auch, weil ich meine, Tickets muss man sich halt auch leisten können, Konzerttickets oder Kabarett-Tickets, das ist ja nicht wenig Geld, was das kostet.
Und dann wird es noch mehr.
Und dann dieses etwas hanebücherne handgestrickte Video, um das Ganze wieder abzudrehen, aber mit dieser vagen Ankündigung, na dann holen wir es uns vielleicht von woanders.
Also ich bin erstaunt, wie die SPÖ herumschlingert in Wien.
Das ist man von ihnen nicht gewohnt.

Anna-Lisa Bier
Das sagt Barbara Toth zu der ganzen Sache. Sie bezeichnet sie als schweren handwerklichen Fehler seitens der SPÖ. War das aus deiner Sicht eher die Idee selbst eben, die das Falsche war, also die das Falsche war an dem Ganzen? Weil du hast ja eigentlich eh auch schon gesagt, die Idee an sich ist ja gut. Heißt das, dass eigentlich eher der Hauptfehler war, wie es kommuniziert wurde?
Fabian Burstein
Naja, nein, also es ist erstens mal gar nichts kommuniziert worden, sondern es ist, wie das Thema vage aufgekommen ist im Frühjahr, ich glaube 25, ja, hat man sich eigentlich sofort einschüchtern lassen von den ersten unfreundlichen Kommentaren dazu. Das heißt, da ist man einfach unschuldig gewesen. Die Barbara Toth hat das, finde ich, eigentlich total gut zusammengefasst, nämlich mit diesem schönen Wort "handwerklich". Ein handwerklicher Fehler, das trifft es sehr gut.
Man hat es handwerklich nicht auf die Reihe gebracht, dass man hier, und da müssen sich alle drei Gewerke, der Bürgermeister, das Kulturressort, aber auch das Finanzressort, wirklich die Frage stellen, ob man eigentlich den Kanon der Abgabenkategorien im Griff hat, ob man das versteht, um was es da eigentlich geht. Und da kommen noch ein paar andere Dinge dazu, Stichwort handwerklich. Es ist so, dass natürlich das Kulturressort oder die Ressortspitze an manchen Punkten angezählt ist, ja. Da gibt es, da gab es wohl auch schon in dem Übergang zu dieser neuen Stadtregierung, die jetzt ja auch nicht mehr ganz so neu ist, schon auch sehr laute Stimmen aus der SPÖ, die sich da eine Veränderung gewünscht hätten, mit dem Nachteil, dass diese Stimmen auch nicht besonders originell waren oder die Zukunft bedeutet hätten.
Also sprich, die Motive, mit denen man an dem Stuhl von jemandem gesägt hat, waren nicht gerade so überzeugend, dass man sich gedacht hat, na, die Intriganten, denen möchte man die Zukunft überlassen, ja. So, das war in gewisser Weise die Rettung. Aber jetzt merkt man schon natürlich, dass erstens einmal die zuständige Kulturstadträtin über einen langen Zeitraum sich nicht positioniert zu diesem Thema in die eine oder in die andere Richtung, es auch nicht erklärt, weder medial noch an irgendeiner anderen Stelle. Und dass dann das quasi einkassiert wird vom Bürgermeister. Also ich meine, Entschuldigung, ja, also das ist natürlich beschämend für alle Beteiligten, ja.
Anna-Lisa Bier
Auf alle Fälle. Vor allem die Bundesebene bleibt ja dabei oder ist ja eigentlich auch sehr auffällig still geblieben. Vizekanzler Andreas Babler, der ja auch Kulturminister ist, hat sich zum Beispiel zu dem gar nicht geäußert. Glaubst du, dass das dann schon auch mit einer parteiinternen Konfliktlage zu tun hat?
Fabian Burstein
Das kann ich.
Anna-Lisa Bier
Kann man nur mutmaßen, ne?
Fabian Burstein
Kann ich schwer beurteilen.
Also erstens, ich vermute stark, dass der Vizekanzler Babler in seiner Funktion als Kunst- und Kulturminister auch nicht im Detail in diesen Abgabendingen drinnen war, dass ihm aber bewusst war, die politische Symbolkraft von dem Ding, ja.
Also sprich, genau das umgekehrte Prinzip, nicht mit der Gießkanne zu fördern, sondern mit der Gießkanne wegzunehmen, ohne Differenzierung, dass das bei aller Liebe kein sozialdemokratisches Prinzip sein kann.
Ob er aber auf der anderen Seite die Hausmacht gehabt hat, um den Ludwig einzufangen, das glaube ich wiederum auch nicht.
Also, ja.
Anna-Lisa Bier
Passend dazu möchte ich eigentlich auch gleich direkt den dritten Clip von "Wild umstritten" vom 16. September mit einstreuen. Diesmal ist es wieder Thomas Maurer.

Thomas Maurer
Aber es hätte ja noch viel weitreichendere Folgen gehabt. Also wenn ein internationaler Konzertveranstalter, Großkonzerte, sagt, es kostet in Wien dann dank dieser Steuer die ganze Veranstaltung auch dem Tourmanagement ein paar Hunderttausender mehr, weil die Tickets anders kalkuliert werden müssen, dann freut sich vielleicht Bratislava oder Prag oder, ja. Also das ist ja nicht so, dass die Leute, wenn ein großer Name kommt, nicht nach Wien fahren. Also es ist auf jeder Richtung unüberlegt.
Ich bin auch ein bisschen verblüfft, weil ich kenne keine internen, aber es würde mich ein bisschen wundern, wenn es der Kulturstadträtin ganz alleine eingefallen wäre. Sondern ich glaube schon, dass das ein Ukas des Herrn war, der jetzt ja gerade uns davon wieder erlöst hat.

Anna-Lisa Bier
Was sagst du zu der Aussage? Ist natürlich wieder sehr viel Drama, muss man an der Stelle auch dazu sagen.
Fabian Burstein
Also was der Thomas Maurer da anspricht, ist aus meiner Sicht, wenn ich es richtig verstanden habe, Standortpolitik, die er anführt. Also er sagt, es gibt Standortpolitik und so eine Ticketsteuer macht Standortnachteile. Das geht mir zu weit.
Anna-Lisa Bier
Ist schon sehr weit hergegriffen, oder?
Fabian Burstein
Zu weit in der Analyse, nämlich vor dem Hintergrund, dass dieses Segment, das er da anspricht, auch in einem erhöhten Maß von einer Abgabe betroffen gewesen wäre, das auch mit dieser Taxe gekommen wäre. Also ich glaube, das hat er nicht ganz zu Ende gedacht. Ich verstehe natürlich, dass man gewisse Argumentationsmuster dann hernimmt. Ich glaube aber nicht, dass das relevant ist. Übrigens muss man zum Thema Standortpolitik wissen, da hat Wien ganz andere Probleme. Also zum Beispiel, dass, ich sage jetzt nur ein Beispiel, dass an vielen Stellen im internationalen Betrieb Musical hochprofitabel ist, aber Wien das nicht schafft.
Und das wird total spannend. Jetzt kommt ja in Prater ein Musicalhaus, das privat finanziert ist. Und ich glaube, da wird allen die Spucke wegbleiben, wie effizient man so ein Thema führt. Wenn natürlich alle sagen, das hat aber einen anderen künstlerischen Wert. Aber Entschuldigung, ich weiß schon, dass dann jetzt, glaube ich, zu Beginn "König der Löwen" gespielt wird. Aber im Raimundtheater, also ja, da spielt es halt auch ständig das Phantom der Oper. Also da braucht man sich nicht was einbilden, dass man so vieles Besseres.
Oder anderer Standortfaktor, dass wir es nicht hinkriegen, eine Multifunktionsarena in vernünftigen rechtlichen Rahmenbedingungen auf die Beine zu bringen, was auch, Barbara Toth hat über Handwerk gesprochen, damit zu tun hat, dass die entsprechenden kommunalen Betriebe ein nepotistischer Versorgungspuls für Parteien sind. Und da zahlen wir jetzt mittlerweile auf lange Sicht echt die Zeche, ja. Also für dieses Nicht-Kompetentsein für gewisse Themen. Also das Thema mit der Multifunktionsarena, warum das zum Beispiel nicht viel mehr im Fokus ist, dass wir das nicht hinkriegen. Also das ist.
Anna-Lisa Bier
Ist ja beim Sport eigentlich genau das Gleiche, ich höre dir da dazu mit Tapperstadien, wo es auch immer wieder Kritik gibt. Also Österreich auch im internationalen Kontext, auch mit Fußball und so weiter, mit Austragungsorten und so, da schon längst um Jahrzehnte hinten ist, aber das ist ein anderes Thema.
Fabian Burstein
Ja gut, ich meine, da könnte man jetzt sagen, wenn man ein bisschen elitär unterwegs ist, wir sind halt keine Fußballnation.
Anna-Lisa Bier
Naja, das sagst du. Ja, stimmt schon.
Fabian Burstein
Aber Kulturnation sind wir per Selbstdefinition schon.
Anna-Lisa Bier
Das stimmt schon. Gut, also wir haben jetzt eigentlich mal das Ganze, diesen Shitstorm, wenn man es so bezeichnen möchte, ein bisschen skizziert. Im Endeffekt ist das Problem jetzt nicht gelöst. Du hast auch, wie schon angesprochen, schon in der Vergangenheit in Deutschland zehn Jahre lang und alles, hast dort was mitbekommen. Du hast es jetzt schon kurz skizziert. Was sind so die Grundpfeiler, die wir daraus mitnehmen sollten? Von Deutschland jetzt gegen Österreich als Vergleich.
Fabian Burstein
Naja, also es ist schwer vergleichbar, weil es gibt viele Dinge, die in Österreich viel besser sind, nämlich, das muss man auch klipp und klar sagen, dass Kulturförderung an sich wesentlich besser abgesichert ist. Die Kulturförderung in Deutschland, gerade die kommunale Feld und die sogenannten freiwilligen Leistungen. Das heißt, wenn die Haushalte klamm sind, dann wird dort als erstes ganz automatisch gespart, weil man sagt, das ist keine Pflichtleistung, das muss weg. Also man darf das nicht idealisieren.
Aber gerade diese Form von Schwierigkeiten hat dazu geführt, dass man mit einer viel größeren Ernsthaftigkeit die darum herum gebauten Modelle in Betracht zieht. Dazu gehört eben so eine Abgabe. Ich selbst habe einmal, ich war selbst mal Kulturbüroleiter in Ludwigshafen, ich habe tatsächlich mal so eine Abgabe durchgerechnet für die Stadt. Also darum kenne ich mich ein bisschen damit aus, weil ich das einmal durchgespielt habe, geschaut habe, wie kann man das im Rahmen von Gesetzen realisieren etc.
Aber es gibt auch noch einen anderen Punkt, das ist das Stiftungswesen natürlich, das in Deutschland wesentlich breiter aufgestellt ist und auch stärker in die Kulturfinanzierungen, insbesondere in die kleinteiligen Kulturfinanzierungen involviert ist. Also wir werden uns, so bitter das ist, allerlang überlegen müssen, wie wir zusätzliche Finanzierungssäulen aufstellen.
Im Übrigen, weil ja der Thomas Maurer da jetzt viel vorgekommen ist, die Kabarettisten, die sind da ganz gescheit. Also ich meine, die sagen ja immer, wir sind nicht subventioniert, die haben aber auch gutes Geld aus privaten Sponsoren drinnen. Dieses gute Geld haben sie sich geholt, weil der Kabarettsektor, wie soll ich sagen, sich schon einen guten, also da gibt es in Wien eine hohe Marktkonzentration.
Anna-Lisa Bier
Ja, das stimmt. Ich verstehe, was du meinst.
Fabian Burstein
Ja. So, das kann man natürlich jetzt sagen, ja, das ist nicht förderbasiert, ja eh, aber es sind dafür andere Dinge ganz gut organisiert. Also ja, also ich finde es immer ein bisschen schwierig, diese Debatte immer so moralisch aufzuladen.
Lieber sich überlegen, wie können wir erstens Teilhabegerechtigkeit sicherstellen, wie können wir auch respektieren in so einer Stadt, dass es auch andere Sorgen gibt und dass wir was dazu beitragen. Und das ist nicht das Untergraben der Freiheit der Kunst, wenn man da auch mal nachdenkt.
Und Stichwort wieder Barbara Toth, Handwerk, wieder politisches Handwerk greifen lassen, das uns da einfach hilft, solche Probleme zu lösen.
Anna-Lisa Bier
Also wie gesagt, Sparen ist eigentlich jetzt das Maß aller Dinge im Moment generell. Und ich denke mir, eigentlich so eine Frage ist so, wird da jetzt hier im Moment für oder gegen die Kultur gestritten oder einfach generell um dieses Wiener Budgetloch, wo man eigentlich die Kultur ja eigentlich nicht nur darum so sehen sollte, dass man sparen muss, sondern man sollte die Kultur eigentlich generell so sehen, dass man auch als Investition denkt, gerade für die Gesellschaft. Weil du sagst es ja schon, Kultur sollte für alle irgendwie erschwinglich sein und sollte für alle mit der Teilhabe auch wichtig sein. Wenn du jetzt morgen Wiens Kulturbudget verantworten müsstest, was wäre so der erste Hebel, den du in Gang setzen würdest?
Fabian Burstein
Das wirklich das Allererste. Das Allererste, was ich machen würde, ist ein Monitoring. Das heißt, ich würde verlangen, dass sich alle Institutionen, die im Einflussbereich der Stadt Wien stehen, ehrlich machen müssen, ihre Besuchszahlen standardisiert erheben müssen und in Zukunft erheben werden und in ein zentrales Meldesystem einmelden, damit wir endlich eine Datenbasis haben, die was wert ist.
Dann würde ich natürlich solche, ich würde mal sagen, wirklich eigentlich ursozialdemokratische Themen, die auch im Übrigen das Rote Wien groß gemacht haben, spielen. Also das Thema der sogenannten Kulturalisierung. Kulturalisierung war nicht, dass alle in die Oper gehen, sondern dass ich Kultur dort ermögliche, wo Arbeiterschaft ist. Und dass ich das auch denke in Architektur, in Lebensraum, in Organisation von Gemeinschaft, in Vereinswesen. Das interessiert mich wesentlich mehr mittlerweile, als ob wir jetzt wirklich jede einzelne Bühne stabil halten können.
Also ich glaube, wir müssen, mehr Geld wird es nicht werden, kurzfristig, mittelfristig, hoffentlich langfristig schon, aber ich weiß es nicht. Was würde ich noch machen? Letztendlich brauchen wir auch sowas, in Deutschland gibt es die berühmte Bundeszentrale für politische Bildung. Wir werden sowas auf kommunaler Ebene zumindest, aber eigentlich wird es auch ein Projekt, ein Leuchtturmprojekt für ein Kulturministerium, endlich so etwas einzuführen.
Also eine strukturelle Form von politischer Bildung, die ganz eng mit kultureller Bildung und natürlich mit gesellschaftlicher Bildung zusammenhängt. All das sind Themen, die sind nicht völlig bizarr und völlig in der Ferne, keine Luftschlösser, keine Neubauten, sondern da geht es eben, wie bei der Barbara Toth, um Handwerk.
Anna-Lisa Bier
Auch noch kurz als Überblick, das Wiener Kulturbudget wurde von 2018, da waren es circa 223 Millionen Euro, auch jetzt auf 322 Millionen Euro, so ein Voranschlag, ohne die Volkshochschulen quasi, ist es quasi gestiegen und jetzt geht es eben wieder ums Kürzen.
In Wien auch, ich glaube, Wien auch von meiner Seite aus lebt ja Wien auch sehr, sehr viel von diesen Gratisprogrammen trotzdem. Es gibt in Wien pro Tag im Schnitt 30 von der Stadt geförderte frei zugängliche Veranstaltungen und so weiter.
Jetzt ist das mit diesem Kultureuro, ist jetzt quasi, sagen wir jetzt mal Geschichte, aber es löst das Problem nicht. Und auch Frau Passler sagte, sie will die Kulturlandschaft vor unwiederbringlicher Zerstörung schützen.
Was ist denn überhaupt so eine unwiederbringliche Zerstörung? Also wie schaut das denn aus? Oder was meint sie damit? Weißt du das?
Fabian Burstein
Nein, weiß ich auch nicht. Also ich bin kein Fan. Ich glaube, dass sich die Stärke einer Szene oder eines Bereichs genau dann manifestiert, wenn die Krise da ist. Und zwar in zwei Richtungen. Erstens, dass man gescheite Ideen hat, wie man mit möglichst geringem Schaden durchkommt. Und zweitens, dass man auch die Fähigkeit hat, die Fähigkeit entwickelt, solidarisch zu sein. Und das geht mir bei der Kunst- und Kulturlandschaft völlig ab. Da gibt es eine Solidarität mit sich selber, aber nicht mit den anderen. Und das ist falsch.
Und das führt zu einer Entfremdung, zu einer Entfremdung gegenüber der Gesamtgesellschaft, die sagt, an allen Ecken und Enden spüren wir es, wie es der Thomas Maurer gesagt hat. Und die erzählen uns nur, man darf sie nicht anrühren, weil sie sind wichtig für die Demokratie. Und dann fragen die Leute, aber warum? Und an vielen Punkten kann ich es ihnen nicht sagen.
Wir behaupten ja allen Ernstes, dass die Salzburger Festspiele, also aus der Kultur heraus, die Demokratie sichert. Warum? Warum? Da gehen Leute mit hohen Kartenpreisen, die sich es leisten können, hören tolle, tolle Vorführungen. So, und der Steuerzahler darf noch was drauflegen. Und das ist auch noch ein wirtschaftlicher Erfolg. Da fehlen Definitionen, und die müssen wir ausdiskutieren.
Und um nochmal auf Wien zurückzukommen und auch zum Beispiel auf die Volkshochschulen, das ist ein interessantes Thema. Wir haben in ganz Wien Häuser der Begegnung gebaut. Im Roten Wien. Wir haben ganz tolle, das war eine tolle Idee, Häuser der Begegnung, HDBs, in großen, gerade in Gemeindebauten, in großen Siedlungsgebieten abseits der Ballungsräume, dass die Menschen dort zusammenkommen können. Die Kultur, da wäre ich richtig sauer.
Anna-Lisa Bier
Ich merke es, ja. Aber mach weiter.
Fabian Burstein
Die sind sich dazu gut, da reinzugehen. Die sagen, ich habe da schon mit Leuten darüber gesprochen, da mache ich nichts. Das können irgendwelche Leute für ihre Hochzeit anmieten. Oder das soll die Musikschule, ihre Vorführung, aber wir machen da nichts. Ich würde, Stichwort, was würdest du machen? Das wäre das Erste. Ich würde diesen Raum reaktivieren. Das ist ein Raum mitten in einer Per-Alwin-Hansen-Siedlung etc., der ist ausgebaut worden. Und das sind Brachen. Und stattdessen, das ist uns zu wenig, weil das ist nicht architektonisch schick und so weiter. Sowas verstehe ich nicht. Und sowas verstehe ich gerade in Wien nicht.
Und da bin ich auch, das ist auch eine Entwicklung, die auch ich gegangen bin. Natürlich habe ich es am Anfang auch schöner gefunden im neuarchitektonischen Bau, irgendwas Schnickes zu machen. Aber da war für mich Ludwigshafen am Rhein eine Schule, Anneliner Stadt, rough, hässlichste Stadt Deutschland laut heute Show. Da habe ich mir die Flausen abgewöhnt.
Anna-Lisa Bier
Ja, okay, also sehr bescheiden dann eigentlich auch mit den.
Fabian Burstein
Ja, und was das dann, aber was da für eine Kraft war. Was da für eine Kraft war, ja.
Anna-Lisa Bier
Ja, da ist das Standing halt in Wien einfach ganz ein anderes. Da ist man schon ein bisschen was anders gewohnt, einfach kein Ding, aber das stimmt schon, da hast du recht.
Du hast, dazu möchte ich jetzt auch noch kommen, du hast ja auch in deinem Buch "Empowerment Kultur" quasi auch das Ganze so ein bisschen selber geschrieben und behandelt. Und da hast du gesagt, Kultur muss sich wieder einen Platz in den Herzen der Menschen zurückerobern.
Ist das in Wien auch der Fall? Merkst du da etwas, dass die WienerInnen wieder mehr zu Kultur kommen müssen? Oder wie ist da die Lage?
Fabian Burstein
Ich glaube, das muss man, weil man darf nicht in so ein Bashing verfallen, das muss man sehr differenziert betrachten. Ich glaube zum Beispiel, das kann man wiederum von den Kabarettisten lernen, die haben das toll gemacht, dass sie in den Herzen einer sehr breiten Masse verhaftet geblieben sind und eine gute Balance gefunden haben zwischen Unterhaltung, Substanz und so weiter. Wir sehen es auch an einzelnen Theatern, auch an, also es gibt tolle Einrichtungen, die auf ganz überraschende Art und Weise es geschafft haben, nah dran zu bleiben, ganz nah dran zu bleiben. Und dann gibt es welche, die haben sich entfernt und das sind problematischerweise auch gerade städtische Einrichtungen.
Also ich denke zum Beispiel an die Kunsthalle, die völlig vom Radar verschwunden ist, ohne dass man erklärt hat, warum eigentlich. Warum muss die jetzt so strukturiert sein, dass das niemand mehr wahrnimmt? Und wir sehen es auch natürlich an dem Fehlen einer Positionierungsstrategie der Mittelbühnen. Wer steht für was? Was hat das für eine politische Rolle in der Stadt? Und da gibt es im Schauspielhaus, das bei mir im Podcast schon mal eine Rolle gespielt hat, die haben das in letzter Zeit versucht, sich neu zu definieren über die Bezugspunkte. Sind dafür prompt abgestraft worden.
Aber also ich glaube, es kommt auf die Differenzierung an. Auch das Wien Museum hat tolle Arbeit geleistet, auch als städtische Einrichtung, um jetzt auch einmal was Positives zu sagen über eine städtische Einrichtung. So, wir müssen uns das alles Schritt für Schritt anschauen. Wir müssen auch so Programme wie den Kultursommer hinterfragen. Also das ist ein Riesenproblem. Das ist ganz sicher nicht treffsicher. Ich zweifle auch stark an diesem Narrativ. Ich glaube, dass da sehr viel Geld nicht in die Kunst, sondern in die Struktur geht.
Plus, wir erleben es, dass das einmal mehr eine von diesen Schachtelkonstruktionen ist, wo im Kern kommunales Geld über andere Institutionen, konkret über Verein GSMPH, der unmittelbaren Kontrolle der Stadt entzogen wird über weite Teile. Also das wäre im Übrigen auch etwas, also ich glaube, ein ganz entscheidender Schritt für eine Konsolidierung des Wiener Kulturbetriebs wäre eine ganz tiefe strukturelle Reform, wo auch ein Code der GSMPHs auch wieder zurückgeführt wird in sogenannte, auch ein deutsches Modell, Eigenbetriebe. Also ich glaube, dieses Modell der GSMPHs hat sich nicht bewährt. Und ich glaube, man muss die zurück in eine kommunale Organisationsform führen. Ich verstehe, warum man es versucht hat zu verändern, aber da ist ein Wildwuchs entstanden, der enorm viel Geld verschlingt.
Anna-Lisa Bier
Das sind jetzt die Strukturen. Das ist ja eigentlich schon nochmal viel tiefgreifender als das, was wir eigentlich heute besprochen haben, jetzt einmal rein von diesen Abgaben. Laut Frau Pasler gibt es jetzt Alternativpläne, die in Arbeit sind. Ich meine, diese Touristenabgabe ist ja jetzt eigentlich vorerst mal vom Tisch. Wie kann man sich da dann jetzt wieder zurückretten? Weil du hast ja jetzt eigentlich schon betont, dass das eigentlich trotzdem noch immer die beste Option davon gewesen wäre.
Fabian Burstein
Ja, das ist eben das Dilemma in handwerklich schlecht gemachten Dingen. Man manövriert sich in Sackgassen und sprengt sich die Ausgänge in die Luft. Wir hatten einen gescheiten Ausgangspunkt, der ja auch von der Kulturstadträtin kam. Auch das muss man klipp und klar sagen. Sie hat diese Debatte begonnen, als Finanzierungssäule das ins Gespräch zu bringen. Und sie hat dafür meiner Meinung nach einen richtigen Ausgangspunkt gewählt, um das noch zweimal zu unterstreichen. Und dass dieser Ausgangspunkt wie ein weit entfernter Ort unerreichbar geworden ist, das ist wiederum diesem Weg geschuldet, den man jetzt die letzten eineinhalb Jahre gegangen ist, inkonsequenterweise.
Ich glaube, man muss insofern durch das Tal der Tränen, dass man dieses Ding genauso noch einmal aufs Tapet bringen muss. Dass man sagen muss, okay, sorry, das war sehr ungeschickt, es tut uns leid. Der Ausgangspunkt war richtig. Wir wollen es euch erklären, indem wir euch zeigen, wie das in Hamburg funktioniert. Da gibt es preisgestaffelte Beträge pro Person und Nacht. Wir wollen euch mal erklären, wie das in Köln funktioniert. Da gibt es so einen Prozentsatz, fünf Prozent. Ich glaube, fünf Prozent sind es, ich glaube, in Erfurt auch. In Weimar, glaube ich, geht es nach Betriebsgröße und Zimmerart. Und dann gibt es noch solche Eurobeträge pro Nacht, wenn ich das richtig in Erinnerung habe.
So, wir erklären euch jetzt einmal die Modelle, bringen das auch, das ist ja keine Rocket Science, bringen das einmal in ein politisches Gremium, in einen Ausschuss, diskutieren das. Was gibt es für Ideen? So, und wenn dann die Wirtschaft sagt, das geht gar nicht, dann muss man sagen, na, wie geht es denn dann? Und dann wird man auch auf die Frage, dann wird die Wirtschaft sagen, naja, das ist, nur um das vorzuzeichnen, damit die Wirtschaft sagen, ja, das ist total bürokratisch und die Leute, die da für den Tourismus, für die Museumsbesuche kommen, die zahlen ja dann ohnehin, bringen ohnehin Wertschöpfung rein.
Und dann muss man denen sagen, aha, verstanden. Das heißt, wir bestreiten Teile dieser touristischen Angebote Museen einfach aus der Wirtschaftsförderung. Dann holen wir uns das aus der Wirtschaftsförderung und dann haben wir wieder mehr Geld für die Kultur. Und ich glaube, wenn solche Debatten aufkommen, dass die Wirtschaftsförderung die Konjunkturmaßnahmen aus dem Tourismus mitfinanziert, die eigentlich jetzt aus der Kultur finanziert werden, dann werden die vielleicht sagen, naja, dann nehmen wir vielleicht doch die fünf Prozent Taxe. Also, ich meine, der Ludwig, Michael Ludwig, der Bürger ist ein Political Animal. Ich meine, dem muss ich das ja nicht erzählen.
Anna-Lisa Bier
Ja, vielleicht sogar zu.
Fabian Burstein
Hundert.
Anna-Lisa Bier
Nein, Spaß beiseite an der Stelle, aber okay, das heißt, auch Transparenz, wie es eigentlich auch bei uns im Podcast großgeschrieben wird, ist da natürlich dann auch gerade bei solchen Prozessen eigentlich extrem wichtig. Nehme ich jetzt mal für mich mit.
Fabian Burstein
Total. Um wieder ein Beispiel zu nennen, ich schalte mich regelmäßig, um einen Überblick zu bewahren, in Stadtratssitzungen und in Kulturausschusssitzungen deutscher Kommunen.
Denn, das ist vielleicht ein bisschen ein absurder Splint, aber man lernt dort etwas darüber, was die Leute umtreibt, wie lokale Kulturpolitik darauf reagiert, Kommunalpolitik darauf reagiert und was da oft für wirklich hemdsärmelige Lösungen gemacht werden, die dann super funktionieren.
Irgendwann habe ich gedacht, jetzt eigentlich würde ich mich gerne mal in den Kulturausschuss von Wien einklinken.
Geht nicht?
Anna-Lisa Bier
Ja, ich wollte gerade fragen, ob das möglich ist, aber nein. Okay, sehr gut. Ja, dann bleibt es leider, ist keine Möglichkeit, dass man sich da da reinhängen kann. Kann ich auch leider nicht verlinken in den Shownotes oder so.
Fabian Burstein
Nein, aber daran sieht man, wenn solche Diskussionen transparent sind, müssen sich die Leute auch zusammenreißen, was die Debattenqualität betrifft. Um es jetzt einmal klipp und klar zu sagen, weil wenn ich weiß, mir schauen potenziell Leute zu, reiße ich mich zusammen und bereite mich vor und rede nicht so viel Blödsinn, wie, Entschuldigung, dann bei Zeiten schon auch in Wiener Gemeinderatsgremien gesprochen wird.
Anna-Lisa Bier
Ja, das ist klar. Ich möchte an der Stelle eigentlich auch noch ein Zitat-Motto von dir anführen, nämlich von Johanna Donald.
Johanna Dohnal hat gemeint, das taktisches Leise-Treten, das habe sich noch immer als Fehler erwiesen.
Das war ja jetzt eigentlich dann bei der SPÖ genauso, oder?
Kann man das so sagen?
Sie sind quasi leise getreten, haben sich irgendwo in eine Ecke drängen lassen, dann mit ihrem Vorschlag den abgewandelt und jetzt sind sie einmal still. Und jetzt kann man gespannt sein.
Fabian Burstein
Ja, also Johanna Dohnal war ja an vielen Ecken und Enden eine Lichtgestalt.
Und sie hat mit diesem einen Satz auch gesagt, und da kriege ich Gänsehaut, dass man sich als Politiker auch eigentlich in seine eigene DNA einschreibt, dass man zur Not auch in Kauf nimmt, abgewählt zu werden, wenn die eigene Überzeugung nicht mehr mehrheitsfähig ist.
Dass man natürlich kämpft, aber dass es nicht so gemacht wird, dass man dann halt seine Überzeugung ändert.
Und das ist sicher das Dramatische.
Und ich meine, in unserer Missing Link Welt, wir beide hören sicher regelmäßig das Orakel.
Anna-Lisa Bier
Peter Hayek, Michael Stebeck, genau.
Fabian Burstein
Und da spielt das oft eine Rolle, diese Hilflosigkeit zu sagen, ich passe meine Positionen anderen an und dann werde ich schon so viel Stimmen kriegen wie die anderen, konkret die Rechtsextremen. Das funktioniert nachweislich nicht.
Was, glaube ich, aber sehr wohl funktioniert, ist das Optimistische. Und auch dafür war Johanna Dohnal ein Beispiel, dieses leidenschaftliche, unbeugsame Streiten für eine politische Sache, weil sie in meiner Welt richtig ist.
Und dass ich nicht weiß und nicht verstehe, was für die Sozialdemokratie in Wien kulturpolitisch richtig ist, ich verstehe es nicht, ich weiß es nicht, ich kann es nicht mehr einordnen. Ich höre nur immer wieder so aus dem Rathaus gegen, dass die, die dort gerade sind, sagen, naja, für uns wird sie schon noch ausgehen.
Das ist doch keine politische Haltung. Für uns wird sie schon noch ausgehen. Also in diesem Sinne glaube ich, dass gerade Wien eine Johanna Dohnal gut gebrauchen könnte.
Anna-Lisa Bier
Das war jetzt eigentlich eh sehr inspirierend, schon als Schlusswort, aber ich möchte trotzdem jetzt nicht nur beim Bashing bleiben. Noch ganz kurz, was macht dich denn trotzdem allen da so zuversichtlich? Es muss ja dann auch Hoffnung geben. Was sind so kleine, ja, das Hoffnungsschimmer, dass die Kultur in Wien trotzdem ihren Platz behält?
Fabian Burstein
Naja, das kann ich ganz einfach beantworten. Der Hoffnungsschimmer sind die Menschen, die in der Kultur arbeiten und die in vielerlei Hinsicht verstanden haben, dass Feuer am Dach ist. Vielleicht haben es nicht die Führungspositionen alle bis in die letzte Ecke verstanden. Aber da, wo wirklich gelaufen wird, da haben es viele Menschen verstanden. Das stimmt mich optimistisch.
Noch optimistischer wäre ich, wenn wir auch zum Beispiel viel stärker die technischen organisierenden Gewerke hören. Wer denen auch einmal zuhört, was die wissen, was die für ein wirklich basales Wissen haben, wie solche Läden laufen, wie Dinge funktionieren. Also wir haben das alles, wir müssen da nur reinhören, wir müssen das ernst nehmen.
Und letztendlich müssen wir auch, hat ja schon einmal geklappt, also ich habe vorher das rote Wien genannt, das rote Wien, das vergessen nur alle, hat die Kulturalisierung in ihren maßgeblichen Erfolgsfaktoren drinnen gehabt. Und das widerspricht auch dem nächsten Spruch nach, für uns wird sie schon ausgehen, mit der Kulturpolitik kannst du keine Wahlen gewinnen.
Anna-Lisa Bier
Ja, genau. Diesen Spruch kennt man, ja.
Fabian Burstein
Blödsinn. Die Substanz dieser Stadt, wie wir sie heute lieben, und die so als progressive, Stichwort positiv, progressiv, leistbar, extrem gut ausgebaut, grün, fantastische Stadt, also in den Infrastrukturgewerken läuft die wie am Schnürchen. So, und daran müssen wir uns orientieren, weil da herrscht ja noch dieser State of Mind und da muss die Kultur einfach nachziehen und dann wird es schon.
Anna-Lisa Bier
Dann wird es schon, dann würde ich sagen, dabei belassen wir es und dann treffen wir uns in ein paar Jahren noch einmal und blicken zurück, oder?
Fabian Burstein
Dann schauen wir, was passiert ist.
Anna-Lisa Bier
Dann schauen wir, was wird.
Fabian Burstein
Genau. Ob es eine Taxe gibt.
Anna-Lisa Bier
Perfekt. An dieser Stelle sage ich, Fabian, danke vielmals für deine Expertise und für deine Einblicke. Wer nach diesen Ausschnitten auch, die wir vorhin gehört haben von der besprochenen Ausgabe von Wild umstritten, mehr hören oder sehen möchte, ihr findet den Link dazu in den Shownotes und natürlich auch den Bühneneingang und da auch die Expertise, die der Fabian immer wieder beisteuert. Ich sage vielen Dank, Fabian, und auch vielen Dank fürs Zuhören an alle Hörerinnen draußen.
Fabian Burstein
Danke an euch, schön war es.
Anna-Lisa Bier
Das war die heutige Folge von Ganz offen gesagt. Vielen Dank fürs Zuhören. Ihr findet alle erwähnten Informationen und weiterführenden Links in den Shownotes. Wenn euch die Folge gefallen hat, dann empfehlt uns gerne weiter, bewertet uns positiv auf der Podcast-Plattform eures Vertrauens und abonniert Ganz offen gesagt, um auch künftig keine Folgen zu verpassen.
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Autor:in:

Livio Koppe

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