Ganz offen gesagt
Über die Zukunft der Arbeit - mit Karin Bauer
- hochgeladen von Felix Keiser
Stefan Lassnig spricht mit Karin Bauer, Journalistin und Expertin im Thema "Arbeit", über die tiefgreifende Veränderung der Arbeitswelt durch KI, wirtschaftlichen Druck und neue Erwartungen an Führung. Sie diskutieren, warum Unternehmen, Politik und Bildungssystem rascher auf unsichere, weniger lineare Erwerbsbiografien reagieren müssen. Dabei plädiert Bauer für mehr Lernräume, soziale Absicherung und den Mut, berufliche Wege auszuprobieren.
Stefan Lassnig
Herzlich willkommen bei "Ganz offen gesagt", dem Podcast für Politikinteressierte. Mein Name ist Stefan Lassnig, und mein heutiger Gast ist Karin Bauer, Journalistin und Expertin im Thema Arbeit. Mit ihr spreche ich über die Veränderungen in der Arbeitswelt: Wie haben sich die Motivationsfaktoren von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verändert, welche Ansprüche an die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber werden heute gestellt, und wie reagieren die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auf die veränderten Rahmenbedingungen? Und setzen die Verantwortlichen für Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik rechtzeitig und vor allem schnell genug die richtigen Maßnahmen am Arbeitsmarkt?
Liebe Karin, herzlichen Dank, dass du dir Zeit für dieses Gespräch nimmst.
Ein Grundmotiv bei unserem politischen Podcast ist: Transparency is the new objectivity. Und in diesem Sinne beginnen wir unseren Podcast immer mit der traditionellen Transparenzpassage, also ob wir uns kennen, ob wir bei du sind, und ob du aktuell für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig bist.
Zur ersten Frage, woher wir uns kennen: Du betreibst den Podcast "Geht so, passt schon, oder? - Der Podcast zur Zukunft der Arbeit", und du bist mit deinem Podcast auch Teil unseres Missing-Link-Netzwerks, und daher kennen wir uns.
Karin Bauer
Genau, und das ist schön.
Stefan Lassnig
Und damit gleich zur zweiten Frage: Bist du aktuell oder warst du für Parteien oder deren Vorfeldorganisationen tätig?
Karin Bauer
Nein und nein.
Stefan Lassnig
Okay. Gut, kurz und bündig. Danke für die Transparenz, und damit können wir ins Thema einsteigen. Zu Beginn würde ich dich gern kurz vorstellen: Du hast über 20 Jahre das Ressort Karriere beim Standard geleitet, du bist jetzt Unternehmerin und, wie bereits erwähnt, auch Podcasterin. Herzlich willkommen im Kreis der Podcasterinnen.
Karin Bauer
Danke schön.
Stefan Lassnig
Du hältst Vorträge und du moderierst Podiumsdiskussionen. Dein Schwerpunkt, oder deine Schwerpunkte, muss man eigentlich sagen, liegen in den Bereichen Arbeitswelt, Human Resources und Karriere. Und genau um diese Themen soll es auch heute in dieser Episode gehen.
Wir werden beleuchten die Aspekte aus Arbeitgebersicht, aus Arbeitnehmersicht, aber natürlich auch die politischen Faktoren in diesem Spiel. Du hast ja viel Kontakt mit Personalverantwortlichen von großen, von mittleren, von kleinen Unternehmen. Deiner Einschätzung nach, was würdest du sagen, was sind die drei Themen, die diese Führungskräfte derzeit am meisten beschäftigen?
Karin Bauer
Ah, Stefan, ich habe befürchtet, dass du mich auf drei reduzierst. Ich versuche es. Okay.
Stefan Lassnig
Wir haben Zeit, dieser Podcast.
Karin Bauer
Okay. Also erstens: KI und Menschen, wie bringe ich sie zusammen? Klar. Zweitens: Was heißt das fürs Organisationsdesign, was heißt das für die Unternehmenskultur? Und drittens aktuell: Performance und Kosten, also Leistung, Produktivität und Kosten, auf verschiedenen Zeitachsen und Ebenen.
Insgesamt glaube ich, dass die HR unter Druck ist wie noch nie. Auch was die eigene Relevanz betrifft. Ich sage es ein bisschen überspitzt: Kann das nicht der CFO, der Finanzvorstand, auch mit einer Software, einer KI und einer Gesundheitspsychologin?
Aber was sie tun müssen, ist abbauen, Aufbruch erzeugen. Wir haben Organisationen, die im Dauerchange sind, die Leute sind müde, es geht ihnen auf die Nerven. Jetzt kommt noch eine riesige Unsicherheit mit KI dazu.
Was passiert in vielen Unternehmen, beobachte ich, dass die Menschen ja daran arbeiten, wie KI ihre menschlichen Arbeitsstunden ersetzen kann. Und das ist halt kein Wohlgefühl.
Stefan Lassnig
Also diesen Wandel und diesen Druck, den merkt man überall, das stelle ich auch fest. Wir werden auf die einzelnen Themen noch zurückkommen. Ich würde gern anfangen mit der Arbeitnehmerinnensicht auf die Dinge, weil du begleitest das Thema Arbeit ja doch schon ein paar Jahre. Was sind denn die größten Veränderungen jetzt aus Arbeitnehmerinnensicht, die du in dieser Zeit beobachtet hast?
Karin Bauer
Ich muss mit einem Outing anfangen. Ich bin Gen X. Also ich komme aus einer Arbeitswelt des Festnetzanschlusses und des Fax. Ich hoffe, man versteht mich da draußen noch. Vierteltelefon und so. Es hat sich gewaltig viel verändert, was wir eh alle wissen: die Digitalisierungskurve, die immer steiler geworden ist, mit all ihren vielen neuen Möglichkeiten und Trade-offs. Also Plattformökonomie ist entstanden, es ist Arbeitsverdichtung entstanden, es ist die Entortung von Arbeit insgesamt entstanden, aber auch viele mehr Möglichkeiten für die sogenannte Wissensarbeit. Naja, und jetzt halten wir bei KI. Also das ist alles in meiner Zeit passiert, in den vergangenen fast 40 Jahren.
Aber was, finde ich, viel zu wenig erwähnt wird, ich muss es deswegen sagen: Es gibt so viele Verbesserungen. Die Achse würde ich auch gern anschauen. Ich fange mal mit den jungen Menschen an. Also zu meiner Zeit war das Dogma: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, vollkommen unwidersprochen. Also jetzt rütteln die Jungen ordentlich an den mutmaßlichen Grundfesten der steilhierarchischen Organisationen. Super ist das so, bitte weiter so, kann ich nur sagen, und vielen Dank. Zu meiner Zeit.
Stefan Lassnig
Auch die Selbstausbeutung war zu unserer Zeit eigentlich quasi Standardprogramm.
Ja, das haben wir nicht einmal hinterfragt. Wir konnten Diversität nicht buchstabieren. Die Bildungsexpansion der Frauen ist eigentlich gerade erst angekommen im Arbeitsleben. Gehaltstransparenz, hä? Elternteilzeit? Wie bitte? Arbeitszeit einhalten oder Arbeitnehmerinnenschutz, der auch die mentalen, die psychologischen Aspekte integriert. Also nicht einmal dran denken. Und man durfte damals vollkommen normal Dinge sagen über Frauen und zu Frauen, die heute wesentlich mehr als einen Shitstorm auslösen würden.
Stefan Lassnig
Gott sei Dank.
Karin Bauer
Ja, Gott sei Dank. Also wirklich Verbesserungen, das müssen wir auch sehen. Und ich sage das so als Post-Johanna-Dohnal-Kind, das sehr profitiert hat davon. Wir stehen auf den Schultern unserer Ahninnen und Ahnen, ich muss das an der Stelle nochmal sagen. Und da hat sich schon viel, viel getan.
Naja, und bitte, die Organisationen selbst haben sich auch verändert. Diese eine Organisationsform der ganz steilen Pyramide. Oben sitzt einer, Command Control, der sagt: Wir machen es, wie ich euch sage. Also so geht es nimmer. Gut.
Stefan Lassnig
Leider.
Karin Bauer
Also.
Stefan Lassnig
Weil was in meiner Beobachtung auch eine große Rolle spielt in der Veränderung aus Arbeitnehmerinnensicht, vor allen Dingen die Motivationsfaktoren, haben sich doch da oder dort gewandelt. Also jetzt in der Schwerpunktsetzung. Während man früher wahrscheinlich mit dem Dienstauto oder mit dem, also Gehalt ist natürlich ein Thema, klar, alle müssen ihre Rechnungen zahlen und ihre Miete zahlen. Aber ich habe schon das Gefühl, dass es früher mehr war. Und da diese Motivationsfaktoren, wie zum Beispiel eben diese Annehmlichkeiten wie Auto und solche Dinge, die haben an Bedeutung verloren, während der sogenannte Purpose, also der Sinn der Arbeit, eher dazugewonnen hat, in meiner Wahrnehmung.
Karin Bauer
Darf ich dir zärtlich widersprechen?
Stefan Lassnig
Bitte, unbedingt.
Karin Bauer
Also diese Benefits und Motivatoren sind ja auf vielen Ebenen. Einerseits ist es ein Ausdruck der Machtverhältnisse von Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden, wenn man es mal so teilen möchte, wie man das so schön teilt. Und dann ist es der Konjunktur geschuldet, und dann hat es auch was mit Moden zu tun.
Ich fädel mich beim Purpose ein, weil das ist so ein Trigger-Thema für mich. Ich saß so oft in Beiräten, wo Personalverantwortliche gesagt haben: "So, jetzt müssen wir Sinn herstellen." Und ich habe mir immer gedacht: Hm, deckerweise, kiloweise, tonnenweise, how will I do that?
Also sagen wir mal so: Gehalt, Hygiene, Faktor klar. Wenn du das Gefühl hast, boah, das ist total unfair und das zahlt sich echt nicht aus, dass ich mich da reinknie, dann geht es gar nicht.
Ich bin schlau erklugt durch den Podcast an der WU: Geld als Motivationsfaktor ist nicht nur kurzlebig, sondern relativ irrelevant, sagt uns die Forschung. Trotzdem ist es offensichtlich so einfach für Unternehmen, und sie setzen es einfach ein. Es hat ja, wenn wir uns erinnern, in dieser Zeit, wo die tollen Narrative gekommen sind: "Komm zu uns, es gibt Wurzeltische, es gibt grünes Misch-".
Stefan Lassnig
Tisch, gelbes Tisch.
Karin Bauer
Ja, ja, ja. Du kannst dich verwirklichen, du kannst ganz du selbst sein. Wir wollen den ganzen Menschen, nicht nur die Arbeitskraft. Hier ist der Tempel, in dem du zu Hause bist. Wir sind Family. Kannst du dich erinnern? Das war ja eine Benefit-Eskalation, man hat sich gar nicht mehr ausgekannt. Also davon ist Corona und jetzt in den Rezessionsjahren gar nicht so viel übergeblieben.
Die stehen wohl schon noch ein bisschen umeinander, diese Tischtennistische, aber die Relevanz ist nimmer da. Ich würde mal sagen, die Statussymbole und die Motivatoren, jetzt, wo es so eng wird und die Winde so rau wehen, Sicherheit, sieht man ja auch an der Struktur der Bewerbungen, wo die hingehen. Naja, und Weiterbildungsmöglichkeiten und sehr viele Dinge, die wir früher als Softfaktoren, Unternehmenskultur, Leadership, haben wir noch gar nicht besprochen.
Wie werde ich behandelt, wie werde ich gesehen, bin ich ein Nummer, bin ich eine Commodity, oder gibt es wirklich Interesse an mir? Und bitte, ich bin kein Humankapital, und ich bin keine Ressource, die man da irgendwo einsetzt und dann wieder wegtut.
Stefan Lassnig
Und das Thema flexible Arbeitszeiten und Homeoffice ist zumindest bei meinen Bewerbungsgesprächen in jedem Gespräch eines der Hauptthemen.
Karin Bauer
Na und, gewährst du es?
Stefan Lassnig
Ja.
Karin Bauer
Okay. Ja, irgendwie ist Homeoffice State of the Art, auch wenn manche Großkonzerne die Leute wieder zurückholen, weil sie nicht wissen, was sie mit ihren Immobilien machen sollen, und weil die Führungskräfte nicht wissen, was sie tun sollen, wenn sie die Köpfe nicht zählen können vor Ort, offenbar.
Aber ich glaube, das ist State of the Art, das geht nicht mehr weg, auch wenn es ein bisschen schwankt. So wie alle Diversitäts- und Inklusionsanstrengungen. Schwank zwar, aber es wird nicht mehr weggehen, zum Glück.
Stefan Lassnig
Du hast auch schon angesprochen, das finde ich auch ein sehr spannendes Thema, der Umgang mit Autoritäten. Das hat sich in meiner Wahrnehmung auch sehr gewandelt, während dieses Top-Down früher völlig normales Führungsmodell war, und du hast das vorhin auch geschildert, so ganz oben, wie hast du gesagt, Command.
Karin Bauer
Control.
Stefan Lassnig
Command, Control, und dann saust es nach unten. Das ist nimmer so, was durchaus die Führungsarbeit, finde ich, komplexer macht, weil Befehle erteilen und dann exekutieren, die exekutieren, die sie nicht ausführen, das ist relativ einfach, da muss man jetzt nicht wahnsinnig sich anstrengen. Aber es ist gut so, dass es so ist.
Karin Bauer
Es ist total gut so, und es ist auch gut so, dass dieser Riesenspike von Heroisierung, dieser einen Person an der Spitze, überwiegend Männer, dass das abnimmt und so nimmer geht. Und es ist ja wirklich unmöglich, ich finde es jeden Tag unmöglicher, dass einer alles weiß. Also diese Vorgaukelung geht ja gar nimmer.
Stefan Lassnig
Du hast jetzt auch schon angesprochen, das Thema KI. Das spielt ja aus Arbeitnehmerinnensicht natürlich auch eine große Rolle. Ich beobachte es auch, dass manche Mitarbeiterinnen, weil sie müssen, aber manche auch freiwillig, ihre Arbeitsleistungen da oder dort mit der KI erledigen und wahrscheinlich auf mittlere und lange Sicht sich unter Umständen wegrationalisieren. Deiner Beobachtung nach, jetzt bevor wir zu den Arbeitgebern kommen, wie behandeln die Arbeitnehmerinnen derzeit dieses Thema?
Karin Bauer
Wir sind alle in einem großen Labor. Es versucht halt, naja, miteinander, egal welcher Seite, es versucht halt jeder, so gut es geht, sich aufzurüsten und zuzurüsten. Wir wissen ja nicht genau, reicht es, dass ich meine zwei Chattis, die ich irgendwie mir schon ein bisschen hergerichtet habe, und weiß nicht, 20 Dollar oder 23 Euro oder irgendwas zahle im Monat, dass ich mit denen arbeite, mir die Präsentation machen lasse und so weiter? Oder muss ich ganz was anderes können?
Ich weiß ja gar nicht, was genau in zwei oder drei Jahren, wer ich da sein soll, von meiner beruflichen Identität und meinem Skillpaket. Ich kenne eigentlich niemand in verschiedensten Alterskohorten, in denen ich unterwegs bin, der sich nicht total bemüht und irgendwie so ein bisschen verzweifelt rennt, was kann ich mir noch alles aneignen.
Stefan Lassnig
Das ist, glaube ich, ein Riesenpunkt, diese Unsicherheit. Ich nehme da immer als Beispiel Programmiererinnen und Programmierer vor, weiß ich nicht, fünf Jahren, wenn jetzt.
Karin Bauer
Sechs ist schon alive.
Stefan Lassnig
Genau. Ja, und die braucht es unbedingt und lernt es alle coden, coden, coden. Die Coding-Schulen sind nur wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Und ein paar Jahre später sagt man jetzt, braucht es eigentlich nicht, macht die KI.
Also ich finde, das ist ein sehr plastisches Beispiel dafür, für das, was du gerade gesagt hast, nämlich, dass es ja diese Unsicherheit, dass wir ja alle nicht wissen, worauf läuft es raus, schon eine Belastung ist für gerade junge Arbeitnehmer oder auch für ältere, eigentlich für alle.
Karin Bauer
Wie sind wir denn erzogen? Wir sind erzogen, fortwährend Anpassungsleistungen zu erbringen. Was will das System von mir? Was muss ich können? Da gibt es also Listen, dann sehr selektive Talenteförderungen. Kannst du dich erinnern an diesen absolut, aus meiner Sicht, menschenverachtenden Begriff High Potential?
Stefan Lassnig
Ja.
Karin Bauer
Gott sei Dank wird der nimmer verwendet oder nicht mehr so oft. Also wir sind an die Erbringung von Anpassungsleistungen gewöhnt, und jetzt sind wir irgendwie alleingelassen. Und ich finde da ziemlich perfid, dass jetzt das neue Narrativ ist, Beschäftigungsfähigkeit, also Employability. Ja, du bist jetzt selber verantwortlich. Schau mal, ja.
Stefan Lassnig
Das ist tatsächlich etwas, wo ich auch das Gefühl habe, dass da die Verantwortung Richtung Arbeitnehmerinnen wandert. Also du bist selber dafür verantwortlich, dass du ausgebildet bist, dass du bestimmte Fähigkeiten hast, dass du anpassungsfähig bist, wie du sagst. Da gibt es schon eine gewisse Richtung. Aber vielleicht kommt es auch daher, weil die Unternehmen selbst nicht wissen, wohin sie die Leute ausbilden sollen.
Karin Bauer
Das ist ja eine gnädige Perspektive. Ja, aber da hast du schon recht. Also wenn man Personalverantwortliche oder Ausbilder für Lehrlinge fragt, nein, wie ist es überhaupt, was ihr braucht in zwei, drei, vier, fünf Jahren, sagen die am Pendel, am Podium jetzt nicht, überhaupt nicht, aber in privaten Gesprächen, nein.
Stefan Lassnig
Ja, und das bringt das Dilemma, finde ich, der Arbeitgeberinnen ganz gut auf den Punkt. Das ist eine sehr gute Überleitung für den zweiten Teil. Wir haben jetzt über die Veränderungen gesprochen, noch aus der Arbeitnehmerinnenperspektive. Aber was haben denn die Unternehmen und also die Unternehmerinnen und Unternehmer aus deiner Sicht in den letzten Jahren gemacht, um auf diese Veränderungen zu reagieren?
Karin Bauer
Ich sage das sehr phänomenologisch, nicht jetzt mit tiefster Fachexpertise. Naja, wie haben sie reagiert? Nicht mit Personalbevorratung. Unternehmen könnten die Politik oder die politischen Rahmenbedingungen ja immer links, rechts, oben, unten überholen.
Könnten sie, wenn die Konjunkturkurve total bequem wäre, wir in einer Niedrigzinskulture wären, Niedriginflation, sind wir alles nicht. Wenn die Geopolitik nicht dermaßen aufschlagen würde, wie sie es tut, hätten wir nicht die Kriege, all diese Themen.
Das ist total heterogen, wie sie reagiert haben. Ich glaube, ich kann da keine Bilanz ziehen, die für alle gilt. Wer es sich leisten kann, schafft Lernräume. Wer es sich leisten kann, überlegt sich wirklich, wer fördern und fordern kann. Wer es sich nicht leisten kann, tut es nicht.
Stefan Lassnig
Dieses Lernen, fordern und fördern, ist das aus deiner Sicht ein probates Mittel, um auf diese Veränderungen vorbereitet zu sein? Und ist das ein probates Mittel für Arbeitgeberinnen, dem Thema zu begegnen?
Karin Bauer
Ich glaube, es wird nicht reichen, weil was verstehen wir denn darunter?
Wenn ich Produktivitätsgewinne herzeigen muss, wenn ich jetzt sehe, wow, mein KI-Labor hat noch überhaupt nichts, was der Produktivität dient, dann tue ich mir ein bisschen schwer, Räume fürs Lernen zu schaffen.
Also ich glaube, es ist nicht so einfach. Das ist wieder so, wo du richtig sagst, naja, da kann man nicht Schuld zuweisen und sagen, wow, ihr seid so böse, so böse, so böse. So einfach ist es nicht.
Stefan Lassnig
Das ist ja genau ein Problem, finde ich, derzeit, dass man ja Dinge gleichzeitig machen muss, die sich unter Umständen widersprechen. Man müsste in die Arbeitnehmerinnen investieren, in Schulen breiter aufstellen und so weiter. Gleichzeitig hat man aber Kostenzwänge und eben wirtschaftliche Zwänge in einer Rezessionsphase. Das ist halt teilweise, denke ich, auch für die HR-Verantwortlichen, also für die Personalverantwortlichen, wirklich ein Spagat.
Karin Bauer
Ja, ein totaler Spagat. Früher hat man gesagt, das ist diese Ambidextrie, so wichtig, Aufbau, Abbau, und das ist irgendwie so kompliziert.
Stefan Lassnig
Ambidextrie, kenne ich das Wort?
Karin Bauer
Ja, Beidhändigkeit. So quasi.
Stefan Lassnig
Ah, okay, verstehe.
Karin Bauer
Der Beehandler, verschiedene Richtungen. Es sind ja mehr als nur zwei Richtungen mittlerweile. Ja, also nicht, dass ich verständnislos wäre oder urteilend. Also ich meine das eh beschreibend. Also hätte ich die Silberbullet durch, ich glaube, ich säße gar nicht bei dir.
Stefan Lassnig
Vermutlich, ja. Du, und was mich total bewegt, ist, ich habe in einem Vortrag einmal, glaube ich, war das, gehört, dass, und du hast davor schon angesprochen, wieso kann die Personalarbeit nicht der CFO machen? Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, wieso kann die Personalarbeit nicht die IT-Abteilung machen? Ich sage ja gleich, warum ich nicht glaube, dass die das machen sollten, aber es ist ja so, dass diese Person, wo ich leider vergessen habe, wer es war, hat eben das so geschildert, dass sie gesagt hat, Menschen werden, also in Zukunft werden Teams gebildet, so wie es früher auch war, mit verschiedenen Fähigkeiten im Team, aber einzelne Teammitglieder werden vielleicht Agents sein, also KI-Agents sein.
Und eigentlich muss man Teams inzwischen so denken, dass man sagt, okay, welche Fähigkeiten brauche ich in dem Team? Was kann KI erledigen, was können Menschen erledigen? Und dann setzt sich dieses Team so zusammen. Würde, wenn man es weiterdenkt, bedeuten, dass auch die Auswahl von KI-Agenten eigentlich eine Personal-HR-Aufgabe ist.
Karin Bauer
Unbedingt. Unbedingt.
Stefan Lassnig
Aber findet das statt?
Karin Bauer
Ich nehme an, es ist im Labor und ist gerade in Gestaltung und in Wertung. Du, ob IT oder CFO, ich glaube, das ist auch wieder eine Machtfrage. Aber wenn es enger wird in Unternehmen, versuchen die Königreiche sich zu vergrößern, und ich nehme an, die Harmonie zwischen Silos, ich sage das böse Wort, wird jetzt nicht größer.
Stefan Lassnig
Wäre das deiner Meinung nach eine richtige Annahme, dass es diese, dass auch eine Auswahl von KI-Agents eine Art, ich sage jetzt, es ist natürlich keine Personalauswahl, aber es ist eine Auswahl, wer erledigt Aufgaben?
Karin Bauer
Ja, aber ich lehne mich da an den Stefan Jansen an, Professor an der Hochschule in Karlsruhe, der hat dafür sogar einen Begriff geprägt, der heißt, warte, Kurzbuchstaben, HMRM, Human Machine Resource Management. Das bedeutet, wir sind wahrscheinlich die letzten, die reine Menschen-Teams führen. Das ändert sich total. Na klar ist das HR.
Stefan Lassnig
Und ist das auch schon angekommen, dass das eine HR-Aufgabe ist? Weil ich habe nicht den Eindruck, dass das allen schon bewusst ist.
Ich finde das ja irrsinnig spannend, weil es ist ja im Prinzip so, dass du machst ja Stellenausschreibungen wie früher, wo du sagst, das und das und das muss die Person können. Und eigentlich könntest du auch dieses Modell der Stellenausschreibung auf KI-Agents umlegen.
Du könntest sagen, das und die Funktionen muss in dem Fall die KI erledigen. Das und das darf sie kosten. In Klammern, das waren halt früher die Personalkosten. Und dann am Schluss gibt es vier, fünf Angebote unter Anführungszeichen, die das erfüllen können. Und dann muss man das Angebot auswählen, das die Anforderungen am meisten entspricht und das in der Regel am kostengünstigsten ist. Also ich sehe da große Parallelen. Also ich kenne jetzt noch keine Unternehmen, die das in der Konsequenz so umsetzen.
Karin Bauer
Ich kenne keine, die sagen, dass sie es umsetzen. Ich nehme an, getestet wird es. Ich hatte den René Knapp, Personalvorstand von der UNIQA, bei uns im Podcast und habe eine Boomer-Frage gestellt, nämlich in der ganzen KI-Transformation, die er da implementiert im Versicherungskonzern. Werde ich als Kundin dann noch mit einem Menschen sprechen können?
Stefan Lassnig
Super Boomer-Frage, perfekt.
Karin Bauer
Ja, ja. Und ich habe gesehen, wie er ein bisschen das Gesicht verzogen hat. Also ich glaube, dass du vollkommen recht hast. Das ist eine sehr nahe Zukunft, die mich ein bisschen bedroht.
Stefan Lassnig
Ja, es bedroht vor allen Dingen, finde ich, bestimmte Berufsbilder, wo ich mich dann frage, ist dann überhaupt noch genug Arbeit für alle da?
Karin Bauer
Naja, Sven Gaber-Jansky, Zukunftsforscher, der Chef vom größten europäischen Zukunftsinstitut, sagt, was wir sehen, ist, dass die KI-Arbeitsstunden frisst, vor der Kulisse die Jobs noch bestehen und gleich bleiben und dass diese ganze radikale Entwicklung überlagert wird von den Pensionierungswellen. Deswegen sehen wir es noch nicht, wie radikal sie ist. Und er meint, 2035, sagt er da, nehmen wir mal das, okay, sagt er, wird das vollkommen anders ausschauen.
Stefan Lassnig
Ah, also okay, er sagt, dass dadurch, dass jetzt so viele Menschen in Pension gehen und diese Stellen nicht nachbesetzt werden, merkt man es noch gar nicht so richtig.
Karin Bauer
Genau. Und die haben erst begonnen, die Pensionierungswellen.
Stefan Lassnig
Okay, das sind ja dann eh unsere Generationen, die dann jetzt langsam in fünf, zehn Jahren in Pension gehen und dann diese und die Lücken werden aufgefüllt mit KI, okay. Das ist eine interessante Theorie, da kann ich einiges abgewinnen, ja. Aber auf Dauer werden natürlich viele Jobs, die jetzt repetitiv sind, die immer wieder ähnliche Aufgabenstellungen erfüllen, die auf zum Beispiel schriftlichen Unterlagen beruhen, die werden deutlich weniger werden.
Karin Bauer
Es ist schon passiert, passiert schon. Also Hochschulen, das höre ich immer wieder, machen sich schmerzhafte Kopfzerbrechen, was sie mit ihren Kohorten von Bachelor-Absolventinnen machen sollen, die früher in Wirtschaftsprüfungen, in der Beratung untergekommen sind, im Controlling untergekommen sind. Ganz schwierig.
Stefan Lassnig
Ja, es ist so. Also ich denke in den Bereichen, die ich mich besser auskenne, also sprich in der Betriebswirtschaft und in der Juristerei, ich nutze da selber bereits KI, natürlich, das ist schon nicht gut.
Ich nutze da auch KI und die Ergebnisse sind wirklich, wirklich brauchbar. Also Dinge, die man früher, sage ich jetzt einmal, also zumindest auf dem Niveau eines schlechten Juristen, einer schlechten Juristin, ist die KI auf jeden Fall schon.
Also Spitzenjuristinnen und Juristen oder Spitzenanwältinnen und Anwälten, da kann sie natürlich nicht mithalten. Aber ich sage jetzt einmal so ganz auf dem untersten Level, da habe ich schon Schreiben gesehen, die waren schlechter oder Auswertungen oder Analysen.
Und wenn man das weiterdenkt, dann sind da wahnsinnig, wahnsinnig viele Jobs in Gefahr.
Karin Bauer
Und es hat schon begonnen. Also die Stepstone-Umfragen, glaube ich, sind eh bekannt, vom Dachraum Deutschland, Österreich und der Schweiz, wie sich die ausgeschriebenen Einstiegsjobs reduzieren. Also definitiv, definitiv.
Stefan Lassnig
Also du sagst, da gibt es schon Statistiken und Zahlen dazu.
Karin Bauer
Der Johannes Kopf, Chef von unserem Arbeitsmarktservice, sagt, er sieht noch nicht wahnsinnig viel, aber wir sehen ja seit Kurzem was Neues in der Arbeitslosenstatistik, nämlich dass auch die akademisch gebildeten Kohorten von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Also da ist etwas im Gang, das noch nicht in toto sichtbar ist.
Stefan Lassnig
Das ist eine gute Überleitung zu unserem dritten Teil, weil nicht zuletzt, weil ja ganz offen gesagt ein politischer Podcast ist, möchte ich auf die politische Komponente noch zu sprechen kommen. Wenn nach deiner Einschätzung reagiert die Arbeitsmarkt- und die Wirtschaftspolitik rechtzeitig und richtig auf die Veränderungen? Sind wir auf das vorbereitet, was da auf uns zukommt, jetzt von politischer Seite aus?
Karin Bauer
Du kennst meine Antwort, oder?
Stefan Lassnig
Nein, noch nicht. Wie kann man sich denken?
Karin Bauer
Nein, sind wir nicht. Also dieser Riesenumbruch, diese riesige Neudefinition von Arbeit, es sind ja schon Theorien, werden schon debattiert, dass KI das Ende des Kapitalismus bringt. Also wir erinnern uns an den guten alten Marx, der sagt, Automatisierung führt zur Abschaffung des Kapitalismus. Letztlich, ja, nachvollziehbar.
Es wird viel zu klein und viel zu fraktal diskutiert. Es liegt nicht am Tisch, welche wahnsinnige gesellschaftliche Umwälzung uns bevorsteht. Wir drücken uns um das Thema herum. Wenn der Fetisch Erwerbsarbeit so nicht mehr klappt, wo kommt das Geld her? Wir haben keine Pilotprojekte für, ich sage es jetzt einmal sehr platt, bedingungsloses Grundeinkommen.
Es gibt ein paar Versuche, nicht nur in Finnland. Wir reden nicht einmal darüber, was ich eigentlich erschreckend finde. Jetzt können wir sagen, ja, aber unser Arbeitsmarkt ist selbst nach mit 43 Monaten steigender Arbeitslosigkeit in allen Kohorten eh recht robust im europäischen Vergleich. Im Moment ja.
Aber was dahinter sich aufgebaut hat, bereits wird überhaupt nicht diskutiert und vor allem liegt nicht wissenschaftlich begleitet zur Debatte. Jetzt kann man sagen, ja, das sind alles Veränderungen, die brauchen extrem viel Zeit. Also wenn Dänemark sich fünf Jahre nimmt, um ein halbes Jahr länger arbeiten, in die Gesellschaft zu bringen, dann weiß man die Dimensionen, die wir benötigen würden, wir haben sie nur nicht mehr. Und wir haben nicht einmal angefangen zu reden. Das finde ich nicht gut.
Stefan Lassnig
Könnte aber in Österreich sein, dass die Entwicklung deswegen langsamer vorangeht, weil wir insgesamt mit Innovationen und Veränderungen eher auf der langsamen Seite sind. Also das ist jetzt kein Schutz, sondern das ist eigentlich nur ein Aufschieben des Problems, oder?
Karin Bauer
Ja, je länger wir es aufschieben, desto größer wird es bekanntlich. Ich bin jetzt keine Psychologin, aber ich glaube, das ist eh ein Gesetz. Ich habe einen lieben Freund, mit dem war ich in Kambodscha, Landminen suchen, der hat mir beigebracht, wie das funktioniert.
Der arbeitet beim Bundesheer in gehobener Position und er sitzt immer da, wenn er zurückkommt von seinen Reisen international und sagt, weißt du, man muss wirklich nach Wien, weil dort geht die Welt zehn Jahre später unter.
Stefan Lassnig
Ja, das ist ja ein bekannter Spruch, den kann ich inzwischen ganz gut bestätigen.
Was mich da aber schon beschäftigt, ist die Frage, wenn wir als Gesellschaft unsere Werte wie Frieden, sozialer Friede, also insgesamt ein, sage ich mal, glückliches Leben, wenn wir das aufrechterhalten wollen, dann werden wir uns diesen Fragen stellen müssen.
Weil wenn es die Jobs nicht mehr gibt und, wie du sagst, die Erwerbsarbeit nicht mehr gibt, dann muss man jetzt kein Stalinist sein oder kein Marxist sein, um zu sagen, über das sollte man zumindest reden.
Karin Bauer
Ja, und zwar sehr intensiv. Und es hilft auch nichts, wenn man dann da sitzt und sagt, ah, dann bleibt uns das Menschliche, das Miteinander, das Füreinander. Sehr schön. Wir haben nur Bildungssysteme und derzeit auch noch arbeitgebende Strukturen, die fördern ja das nicht, was angeblich das Himmelreich wäre für uns Menschen in einer KI-gesteuerten Welt. Das stimmt ja so nicht.
Stefan Lassnig
Hättest du Ideen, was man jetzt tun könnte, welche Weichen man jetzt stellen sollte? Jetzt einerseits, also bleiben wir mal auf der politischen Ebene. Gibt es da aus deiner Sicht Dinge, die man jetzt, also darüber reden und offen darüber reden? Ich glaube, das wäre mal aus der Hand.
Karin Bauer
Wissenschaftsbegleitet, ja. Und im europäischen Kontext, das ist ja, der ganze Kontinent steht vor ein und derselben Frage eigentlich.
Stefan Lassnig
Ja, das ist ein Thema, das haben wir jetzt bis jetzt noch gar nicht angesprochen. Dass Arbeitsleistung und Arbeitsoutput ja in anderen Ländern und in anderen Kontinenten ganz anders gesehen wird und uns das total, also total in Gefahr bringt in Europa.
Karin Bauer
Ist im Gange, ja.
Stefan Lassnig
Sieht man ja an ganz vielen, sieht man ja an ganz vielen Beispielen. Also nehmen wir jetzt für mich ein sehr plastisches Beispiel und das wollte ich dich eher fragen. Die deutsche Autowirtschaft ist für mich ein extrem gutes Beispiel. Führungskräfte werden dort, kriegen nach wie vor Millionenboni, haben unglaubliche Gehälter, müssen aber jetzt Leute rausschmeißen, weil sie zum Beispiel bestimmte Entwicklungen wie das Elektroauto völlig falsch eingeschätzt haben.
Karin Bauer
Und wozu führt das? Zu einem riesigen Vertrauensverlust und dazu, dass sich wirklich jeder fragt, ehrlich, und dafür soll ich zehn oder elf Stunden arbeiten, die sogenannte Extrameile euch abliefern, wo ich nicht einmal weiß, ob ihr nicht schon längst in der Schublade habt, dass ich Humankapital oder Humanressource eh nicht mehr brauchbar bin. Also unglaublich, ja.
Stefan Lassnig
Das macht mir richtig Kopfweh, wenn ich diese Berichte lese aus Deutschland. 50, da werden so lapidar 50.000, 100.000 Arbeitsplätze in Gefahr, ich meine.
Karin Bauer
10.000 bei Porsche jetzt.
Stefan Lassnig
Da hängen ja jeweils dann, sage ich, drei, vier Familienmitglieder dran. Also da reden wir ja gleich einmal von siebenstelligen Nummern, wo Menschen haut davon betroffen sind. Und das aber auch unter anderem deswegen, weil man bestimmte strategische Entscheidungen völlig falsch getroffen hat.
Also ja, ich glaube, dass das mit den Billiglohnländern auf jeden Fall natürlich ein schwieriges Thema ist, weil du kannst bei bestimmten Dingen nicht mithalten. Aber jetzt die strategische Entscheidung, auf welche Produkte setze ich, das hat jetzt mit dem noch nicht wirklich was zu tun.
Karin Bauer
Du wünschst dir Konsequenzen.
Stefan Lassnig
Ich würde mir, ja, Konsequenzen, ich wünsche mir gute Führungskräfte, die richtige Entscheidungen treffen.
Karin Bauer
Die wünsche ich mir auch.
Stefan Lassnig
Ich glaube, im Nachhinein ist immer, im Nachhinein ist immer leicht zu beurteilen, aber bestimmte Dinge, glaube ich, hätte man wirklich sehen können und da, das hat dann jetzt nichts damit zu tun, ob in anderen Ländern billiger produziert wird oder nicht.
Karin Bauer
Darf ich dir eine Gegenfrage stellen?
Stefan Lassnig
Bitte.
Karin Bauer
Was müsste eine Führungskraft können und tun, damit du ihr vertraust und folgst?
Stefan Lassnig
Ich finde, dass Führungskräfte als Hauptaufgabe haben, die Entwicklungen vorauszuarnen und vorauszusehen und damit richtige Entscheidungen zu treffen, zum Beispiel, auf welche Produkte setzen wir, auf welche Skills bei meinen Mitarbeiterinnen setzen wir, wie organisieren wir uns untereinander. Also diese strategischen Entscheidungen, die vielleicht im Moment gar nicht so wichtig sind, aber die dann in drei, vier Jahren eine große Rolle spielen, das wäre meiner Meinung nach die wichtigste Aufgabe.
Und da diese Vorbildfunktion, das hast du vorhin angesprochen. Wie sollen denn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die viel zitierte Extrameile gehen wollen, wenn sie bei ihren Chefinnen, wobei meistens sind es wahrscheinlich Chefs, sehen, dass die das auch nicht machen, B, viel mehr verdienen, überhaupt keine Verantwortung übernehmen, auch für Fehler nicht zur Verantwortung gezogen werden.
Wie soll denn das funktionieren, wenn da die Vorbildfunktion fehlt? Also Vorbildfunktion plus Weitsicht.
Karin Bauer
Da wird es so riesige Ungleichheiten, so wahnsinnige sogenannte Spreizungen in den Einkommen anrichten, sehen wir in den USA.
Stefan Lassnig
Ja. Haben wir sonst noch Wünsche an die Politikerinnen und Politiker? Ich weiß, dass einige Politikerinnen und Politiker unseren Podcast hören. Aus deiner langjährigen Praxis, was könnte man angreifen?
Karin Bauer
Also, wir wünschen uns, dass wir eine Bundesregierung haben, die sagt, wir sichern Wohlstand für alle, wir lassen niemanden zurück, niemand wird abgehängt und das liefern wir euch am 2. Jänner 2027. Das kann sie nicht tun. Ich bin da auch immer ein bisschen sozusagen distanziert, wenn ich höre beim Einkaufen oder sonst wo, na, die bringen nichts zusammen. Wenn es so einfach wäre. Wenn es so einfach wäre.
Stefan Lassnig
Ja, das ist sowieso insgesamt so. Ich sage es noch zu den Leuten, setz dich mal selber hin, einen Tag lang in diese Jobs und überleg dir was. Ich finde, was man da ja merkt, ist, dass diese politischen Entscheidungsprozesse teilweise passiert das in den Unternehmen ja auch mit der Geschwindigkeit vor allen Dingen nicht zurechtkommen. Und das ist auch tatsächlich schwierig in großen Unternehmen.
Karin Bauer
Und der Gleichzeitigkeit.
Stefan Lassnig
Und der Gleichzeitigkeit, ja. Behender, Stichwort Behender, das haben wir ja gelernt.
Karin Bauer
Ja, Behender.
Stefan Lassnig
Das haben wir ja gelernt von dir.
Aber ja, in dieser Gleichzeitigkeit und Schnelligkeit, weil ich merke, ich kenne das auch aus großen Unternehmen, da ist auch nicht so, dass irgendjemand auf einen Knopf drückt und dann ändert sich alles am nächsten Tag.
Also große Organisationen oder bis hin zu großen Nationen oder Staaten oder demokratischen Gefügen, da muss es Diskussionsprozesse geben, da muss es Entscheidungen geben, da muss es Kompromisse geben.
Und diese Mechanismen funktionieren, ja, prinzipiell, aber sie dauern.
Und manchmal haben wir die Zeit nicht.
Karin Bauer
Genau. Naja, an der Jugendarbeitslosigkeit sieht man, wir haben was Wunderbares, eine Ausbildungspflicht bis 18. Trotzdem haben wir rund 10 Prozent Jugendarbeitslosigkeit. Jeder Einzelfall eine Tragödie, die wir teuer zahlen werden müssen noch in den nächsten Jahren.
Es gibt ganz viel in Österreich, es ist ja nicht so, dass man sagen kann, wir haben da gar nichts und jetzt müssen wir alles neu erfinden. Es gibt ja auch Beiräte, es gibt ja auch Fachgremien, die beratend tätig sind. Ich glaube, das muss man vergrößern, verbreitern, vertiefen und ganz wesentlich kommunizieren, dass es gesehen wird und dass auch die Ängste gesehen werden. Ich sage da jetzt noch dieses Akronym, das tolle neue FOBO, Fear of Becoming Obsolete.
Stefan Lassnig
Ah, das ist eine Weiterentwicklung von FOMO, oder?
Karin Bauer
Ja, ja.
Stefan Lassnig
Wie FOBO?
Karin Bauer
FOBO.
Stefan Lassnig
Fear of.
Karin Bauer
Becoming Obsolete.
Stefan Lassnig
Ja, das glaube ich haben viele Menschen momentan in ihrem Arbeitsprozess.
Karin Bauer
Ja. Hast du es?
Stefan Lassnig
Nein. Nein, weil wir, ich glaube, dass wir mit der Entscheidung, also Podcasts zu machen, relativ lang noch auf diesen Faktor Mensch setzen werden können.
Karin Bauer
David Bowie, ich bin ein großer Fan, hat gesagt, "The future belongs to those who hear it's coming."
Stefan Lassnig
David Bowie hat sehr, sehr viele, sehr, sehr visionäre Sachen gesagt. Wenn man da all die Videos anschaut, das ist wirklich erstaunlich, was der alles schon vorausgesehen hat.
Ich wollte noch was zu diesen politischen Geschichten sagen. Glaubst du, dass das auch für den Arbeitsbereich und für den Bereich, über den wir heute sprechen, gilt, dass in Zeiten wie diesen, wo dann Unsicherheit da ist, wo Schnelligkeit gefragt ist, wo Dinge auf uns zukommen, die wir noch nicht richtig einschätzen können, der Wunsch nach einfachen, schnellen Lösungen natürlich auch größer ist?
Karin Bauer
Na, das sehen wir ja. Das sehen wir ja. Politisch, ja. An den Rückbewegungen, muss jetzt gar nicht deutlicher werden, na klar. Und sozusagen auch der Wunsch nach Führung. Also Klarheit hat ja viele Aspekte. Bei Diskussionen sagen jetzt eine Menge Führungskräfte wieder ohne vorgehaltene Hand, na ja, geh jetzt bitte mit diesen Wattepäckchen, jetzt ist aber Schluss mit dem Pampern. Und dann sehe ich aber Nicken.
Stefan Lassnig
Ja, wobei, ich weiß nicht, ob das nicht miteinander, ob da nicht verschiedene Dinge miteinander verwechselt werden. Ich glaube schon, das merke ich schon, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Orientierung brauchen. Aber Orientierung darf man nicht verwechseln mit der autoritären Führung, die wir halt schon besprochen haben, die wir von früher kennen. Ich glaube, das sind so verschiedene Dinge, die ganz dann vielleicht miteinander vermischt werden.
Karin Bauer
Na klarheit ist was anderes.
Stefan Lassnig
Ja. Na klarheit, Orientierung auch, was ich ganz interessant gefunden habe, einmal in einer Diskussion, eben was um HR gegangen ist, auch sowas wie das Gefühl, ich sage jetzt das Wort, obwohl ich es selber nicht gerne mag, Gerechtigkeit, also dass man völlige Ungleichbehandlung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist auch nicht, ist auch keine Führungsqualität.
Karin Bauer
Nein, und vollkommene Gleichbehandlung auch nicht.
Stefan Lassnig
Ja, genau. Und, ah, jetzt war sie wieder, genau, wer das gesagt hat, das war die Frau Sperrandio, die Generalin beim Bundesheer, die erste Frau im Rang eines Generalmajors in Österreich, einer Generalmajorin in dem Fall dann.
Und die hat gesagt, weil wir über Führung gesprochen haben in unserem Schwesternpodcast, WirKraft, Führungskraft, mit der wir über Führung gesprochen haben und eben auch Führung, speziell im militärischen Kontext, und die hat gesagt, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das schon auch schätzen, wenn sie einmal durchgreift, also wenn sie einmal Führungsstärke zeigt.
Sie hat ganz klar gesagt, keine Führungsstärke zu zeigen, ist genauso ein Versäumnis, wie zu Autorität zu handeln. Die Mischung macht es aus. Und ich glaube, das ist auch für die Politik eine gute Richtschnur. Man muss da wahrscheinlich auch unterscheiden zwischen, okay, man setzt klare Maßnahmen und klare Schwerpunkte und kann aber auf der anderen Seite auch zugeben, dass man jetzt einmal was nicht weiß.
Karin Bauer
Genau, das gehört aber auch ausgesprochen. Was wir noch nicht, also ein Aspekt, der wesentlich ist, wenn wir jetzt ein bisschen reflektieren, was wird da gesagt auf der politischen Bühne, was nicht, muss man die alternde Gesellschaft, glaube ich, auch erwähnen, wo die größten Wählerpotenziale und Wählerschaften liegen, in welcher Alterskohorte.
Stefan Lassnig
Ja, das ist ja immer regelmäßig vorwollen, dann merkt man das wieder. Gut, wenn wir langsam zum Schluss kommen. Gerade im Bekanntenkreis habe ich kürzlich wieder die Diskussion gehabt, naja, wir haben Kinder, die sind jetzt entweder in der Schule oder vielleicht schon am Ende der Schulzeit und fangen jetzt an zu studieren. Was sollen die eigentlich lernen? Welche Ausbildung sollen die machen? Welches Studium sollen sie machen? Wie sollen sie sich jetzt aufs Arbeitsleben vorbereiten, wo wir ja momentan eben gar nicht wissen, wie das Arbeitsleben sich jetzt fundamental verändern wird?
Was ist denn, wenn du das gefragt wärst, du wärst jetzt wahrscheinlich am Anfang gefragt, was sagst du da?
Karin Bauer
Das ist noch nie so schwierig war wie jetzt.
Es gibt ja Listen sozusagen der Zukunftsberufe, die sind, glaube ich, eh bekannt, wie brauchbar sie sind und wo sie hingehören in die Schublade. Missgrübel kann ich jetzt so geschwind nicht sagen.
Naja, angeblich ist das Handwerk ziemlich unberührt von KI. Wird nicht stimmen, weil die humanoid verpackte KI, also die physische KI, kann Fliesen legen. Also das kann sie einfach. Es ist im Moment nur teuer.
Was würde ich sagen? Eigentlich immer dasselbe, was dich interessiert, dem folge. Und bitte nicht, wofür du Passion hast oder Leidenschaft, komplette Überforderung. Ich muss nicht leidenschaftlich sein, Interesse genügt einmal.
Und wenn ich in der privilegierten Situation bin, dass ich es ausprobiere, wunderbar. Ansonsten würde ich sagen, fangt es mal an. Löst euch bitte, bitte, bitte von diesen instagramablen linearen Verläufen einer Karriere mal anfangen.
Wenn es nicht das Richtige ist, ändern. Ihr werdet sowieso episodenhafte Verläufe in eurem Erwerbsleben haben, mal irgendwo anfangen. Und finde ich ganz wichtig, verlangt von den Älteren Hilfe. Sie steht euch verdammt noch einmal zu. Sie steht euch wirklich zu und bleibt schön skeptisch.
Stefan Lassnig
Ich finde diesen Aspekt mit, macht es was, was euch Spaß macht, was ihr gerne macht, extrem interessant, weil das ist tatsächlich eine der wenigen Linien, die wahrscheinlich zum Erfolg führen würden. Weil wenn man sich jetzt taktisch quasi vorbereiten will und sagen will, okay, wenn ich das Studium mache, dann habe ich bessere Chancen, wenn ich ein anderes Studium mache, habe ich schlechtere Chancen. Das ist wahrscheinlich auch deswegen sinnlos, weil man es wirklich momentan nicht einschätzen kann.
Karin Bauer
Ja, jetzt kann ich sagen, ich gehe in die Green Tech, weil das ist sehr wahrscheinlich, dass es dort gut weitergeht. Oder ich hole mir alles an KI-Kompetenzen, die ich kriegen kann. Sicher eine sehr gute Idee. Es hilft aber alles nichts, wenn es mich nicht interessiert. Also apropos länger arbeiten. Das wird ein ziemlicher Marathon.
Stefan Lassnig
Ja, und es wird nicht so linear verlaufen wie noch die Karrieren unserer Eltern oder zum Teil unserer eigenen, wobei auch da gibt es ja bereits Brüche, dann jetzt vor allem gegen Ende, sowohl bei dir als auch bei mir. Aber ja, dieses Ausprobieren, auch diese Lust daran, flexibel zu bleiben, die ist sicher ein Hebel.
Karin Bauer
Da sind wir wieder bei der Politik. Wir brauchen Sicherungssysteme, die diese Episodenartigkeit, die kommen wird, abbilden kann. Die dann nicht heißt, im Erwerbsleben oder arbeitslos. Das wird so nicht mehr funktionieren.
Stefan Lassnig
Ich glaube auch, dass in dem Zusammenhang, das wird jetzt noch zu einem neuen Thema führen, aber in diesem Zusammenhang auch diese Durchlässigkeit zwischen selbstständiger Tätigkeit und angestellter Tätigkeit oder vielleicht parallel sogar Dinge zu machen.
Karin Bauer
Genau. Es passt nicht. Da ist entweder oder passt nicht mehr in diesen grundlegenden Systemen. Da sind wir noch gar nicht beim Umlagesystem in der Pensionsversicherung.
Stefan Lassnig
Aber das merke ich sehr oft, dass viele, also gerade zum Beispiel das Sozialversicherungssystem ist überhaupt nicht darauf ausgelegt, dass jemand zum Beispiel beides macht, dass jemand selbstständig ist und unselbstständig ist gleichzeitig.
Das war auch früher nicht notwendig oder auch nicht üblich.
Aber du siehst prinzipiell schon, sage ich mal, wenn jemand das macht, was er gerne macht und wenn jemand sich zum Beispiel auch mit den technischen Möglichkeiten beschäftigt, glaube ich, kann auch junge Personen noch positiv ins Arbeitsleben schauen in das Kommende, oder?
Karin Bauer
Ja, sicher. Ja, sicher. Aber es braucht dazu sozusagen Qualitäten, die wir fördern, nämlich, dass die Jungen, dass wir alle dafür zuständig sind, dass wir eigenständiges Denken üben, dass wir gewisse Anpassungsleistungen so nicht mehr erbringen.
Na klar ist es möglich. Also ich bin der Erwin Wagenhofer, sehr hochgeschätzter Regisseur, hat mir mal gesagt, vor vielen Jahren, ich bin Possibilist.
Ich habe das damals das erste Mal gehört, ich meine, das klingt schick. Dann habe ich gesagt, okay, was kann das alles heißen? Na klar ist es möglich. Um Gottes willen, wenn wir daran nicht mehr glauben, brauchen wir da gar nicht mehr sitzen und sprechen.
Stefan Lassnig
Gut, und das ist jetzt auch ein super schönes Schlusswort. Danke, Karin, für deine Zeit und für deine Expertise.
Karin Bauer
Ich danke dir.
Stefan Lassnig
Das war die heutige Folge von Ganz offen gesagt. Feedback bitte an redaktion@ganzoffengesagt.at. Wir freuen uns, wenn ihr unseren Podcast abonniert und weiterempfehlt, uns auf Bluesky, Facebook, Instagram oder Spotify Feedback gebt und uns in euren Podcast-Apps mit fünf Sternen bewertet.
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Zum Abschluss empfehle ich euch heute den Podcast, der eh bereits erwähnt wurde. In Geht so, passt schon, oder? Der Podcast zur Zukunft der Arbeit werden Antworten auf die Frage gesucht, wie sich Beruf und Erwerbsleben für Menschen im Zusammenspiel mit KI verändern werden.
Gastgeberinnen sind Karin Bauer, langjährige Karrierejournalistin und frühere Leiterin des Karriereressorts beim Standard, sowie Michael Meier, Professor an der Wirtschaftsuniversität Wien. Gemeinsam sprechen sie mit klugen, einflussreichen, humorvollen und engagierten Menschen, mit und ohne Job, über Arbeit, Bildung und gesellschaftliche Transformation.
Euch danke fürs Zuhören bei Ganz offen gesagt. Bis zum nächsten Mal. Pfiat euch.
Autor:in:Livio Koppe |
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