Stets Bereit
Krieg ums Öl: Wenn der Preis die Strategie bestimmt
- hochgeladen von Felix Keiser
Der Krieg gegen Iran hat eine Kettenreaktion ausgelöst, die von der Straße von Hormus über den Bab al-Mandab und zerstörte Raffinerien bis zu steigenden Treibstoffpreisen in Europa und den USA reicht. Gleichzeitig versucht Washington, ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien zu bremsen – und zeigt damit, wie der Ölpreis inzwischen selbst strategische Entscheidungen beeinflusst.
Herbert Bauer
Sie hören "Stets bereit", den Podcast über Militär- und Sicherheitspolitik. Mein Name ist Herbert Bauer, ich bin Generalmajor im Ruhestand und werde in meinem Podcast militärische und sicherheitspolitische Themen allgemein verständlich erläutern.
Grüß Gott und einen guten Tag. Heute möchte ich für Sie den Zusammenhang zwischen den bekannten Kriegen und Konflikten und Ihrem ganz persönlichen aktuellen Tankerlebnis herstellen. Es beginnt irgendwo im Osten Saudi-Arabiens, also wie immer eine Geschichte zu Beginn: Früh am Morgen, in einem der größten Erdölfördergebiete der Welt, kontrolliert ein Techniker Druckanzeigen und Temperaturen. Nichts Besonderes: Pumpen laufen, Ventile öffnen und schließen sich, Rohöl strömt durch Leitungen. 159 Liter davon ergeben 1 Barrel, eines von Millionen, die hier unterwegs sind. Normalerweise würde dieses Öl seinen Weg zum Persischen Golf nehmen und dort auf einen Tanker gepumpt seinen Weg durch die Straße von Hormus hinaus in die Welt nehmen. Doch Hormus ist nicht mehr sicher, also nimmt unser Barrel einen anderen Weg: In einer Leitstelle von Saudi Aramco sitzt Personal vor großen Bildschirmen.
Vor ihnen zieht sich eine Linie quer durch Saudi-Arabien, die East-West-Pipeline, rund 1.200 Kilometer vom Persischen Golf zum Roten Meer. Pumpstation für Pumpstation wird das Öl nach Westen gedrückt, eine Umgehungsstraße für Hormus. Unser Barrel ist jetzt irgendwo da drinnen, weiter westlich, auf der Brücke eines Tankers vor dem Hafen von Yambu am Roten Meer. Kennt der Kapitän dieses Barrel noch nicht, aber er wartet auf Millionen davon: Liegeplatz, Ladezeit, Tiefgang, Wetter, Route, alles ist geplant. Kurs durch das Rote Meer, Richtung Suez und weiter nach Europa. Dann ist Donnerstag, der 10. September.
In einer saudischen Luftverteidigungszentrale erscheinen Flugobjekte auf den Schirmen, Drohnen. Sie kommen aus dem irakischen Luftraum, Alarme laufen auf. Fast gleichzeitig verändern sich in einer anderen Leitstelle auch die Anzeigen: Druck, Durchfluss, Fehlermeldungen, Druckabfall. Südöstlich von Medina schlagen Drohnen entlang der Pipeline ein.
Feuer! Eine Pumpstation brennt stundenlang, Einsatzkräfte rücken aus, Menschen werden verletzt, und irgendwo tief unter der Wüste geschieht etwas völlig Unspektakuläres, nämlich: Unser Barrel bleibt einfach stehen. In Yambu wartet noch immer der Kapitän. Doch irgendwann ändert sich sein Auftrag, sein Fahrplan, die Verladung wird ausgesetzt, andere Schiffe warten ebenfalls, aber einige Ladungen für Europa werden gestrichen. Unser Barrel bewegt sich in diesem Moment keinen Meter mehr. Seine Wirkung aber beginnt jetzt, um die halbe Welt zu reisen. In Polen sucht eine Raffinerie nach Ersatz, Händler telefonieren verzweifelt mit Lieferanten an der Nordsee, in den USA, in Kasachstan, Algerien und Guyana.
In London verändern sich die Zahlen auf den Bildschirmen der Börse: Öl, das tatsächlich in wenigen Wochen geliefert werden kann, wird plötzlich nicht mehr mit 120, sondern teilweise mit mehr als 130 Dollar je Barrel gehandelt. Irgendwo in Europa sitzen inzwischen die Preisverantwortlichen der großen Mineralölkonzerne vor ihren Bildschirmen und rechnen: eine neue Beschaffungskostenanalyse, neue Produktnotierungen, neue Kalkulationen. Wenig später verändern sich an Tausenden Tankstellen die Zahlen auf den Preistafeln. Ja, und noch einmal einige Tausend Kilometer weiter geschieht Ähnliches in den Vereinigten Staaten, und am Abend fährt irgendwo in Amerika ein Mann auf eine Tankstelle. Er tankt, die Gallonen laufen, aber die Dollar laufen viel schneller. Der Mann weiß nichts von unserem Techniker im Osten Saudi-Arabiens, nichts von Leitstellen, nichts von Drohnen, nichts von den Pumpstationen südöstlich von Medina. Er sieht nur die Zahl an der Zapfsäule, ist verärgert und besorgt.
Irgendjemand muss doch dafür verantwortlich sein. In wenigen Wochen sind Midterm-Wahlen, da geht er auf jeden Fall hin. Unser Barrel steckt noch immer irgendwo in Saudi-Arabien. Der amerikanische Wähler und diese 159 Liter Rohöl werden sich zwar niemals begegnen, und doch hat zwischen ihnen längst eine Verbindung begonnen zu wirken. Und diese aktuelle Verbindung beginnt mit dem gemeinsamen Angriff der USA und Israels auf den Iran am 28. Februar 2026. Und mit ihm nimmt eine Entwicklung ihren Lauf, von der heute niemand ernsthaft behaupten kann, sie sei unvorhersehbar gewesen. Denn was würde der Iran tun, wenn die USA einen großen Krieg gegen das Land beginnen? Na, genau diese Frage wurde in Washington über Jahrzehnte in Planspielen immer wieder durchgespielt. Eine Antwort stand dabei praktisch immer im Raum: Der Iran wird die Straße von Hormus sperren. Das muss man doch in Washington gewusst haben. Trotzdem griffen die USA gemeinsam mit Israel an.
Der Iran reagierte: Der Verkehr durch Hormus brach massiv ein, der Ölpreis stieg, und inzwischen hat dieser Krieg, Berechnungen nach, allein die USA bereits rund 38 Milliarden Dollar gekostet. Warum also ging Trump dieses seit Jahrzehnten bekannte Risiko ein? Offiziell ging es vor allem um die iranische Atombombe. Iran sollte daran gehindert werden, eine Nuklearwaffe zu bauen. Nur: Dass eine iranische Atombombe unmittelbar bevorstand, war nicht belegt. Das iranische Atomprogramm, die hohe Urananreicherung und die eingeschränkten Kontrollmöglichkeiten waren ohne Zweifel ein ernstes Sicherheitsproblem. Aber daraus folgt noch nicht, dass Teheran unmittelbar vor dem Bau einer einsatzfähigen Atomwaffe stand.
Die Internationale Atomenergiebehörde hatte zudem bereits seit den israelischen Angriffen 2025 erhebliche Probleme, den tatsächlichen Zustand der iranischen Anlagen überhaupt noch vollständig zu verifizieren. Und damit stellt sich die Frage, ob hinter diesem Krieg noch andere strategische Überlegungen standen. Wollte Trump gleichzeitig China treffen? Ausschließen können wir das nicht. China ist der größte Rohölimporteur der Welt und der wichtigste Abnehmer iranischen Öls. Eine Schwächung Irans und ein Ausfall iranischer Öllieferungen treffen auch China in erheblichem Maß. Andererseits trifft die Störung von Hormus aber auch die amerikanischen Verbündeten und die USA selbst.
Kurz zuvor hatten allerdings die USA ihre Position beim venezolanischen Öl massiv ausgebaut. War das bereits strategische Vorbereitung? Trump selbst sagt zu Venezuela, die dortigen Einnahmen hätten den Krieg bereits mehrfach bezahlt. Und für die Zeit nach einem Ende des Iran-Krieges kündigte er an, der Benzinpreis werde drastisch fallen. Das beweist nicht, dass die Kontrolle des Ölmarkts am 28. Februar das entscheidende Kriegsziel war. Aber wir können angesichts dieser Aussagen auch nicht ausschließen, dass Energie und die Neuordnung von Ölströmen Teil der strategischen Überlegungen waren.
Dramatisch zeigt sich aber eine zusätzliche Entwicklung, denn Hormus ist inzwischen nicht mehr das einzige Nadelöhr. Die mit Iran verbündeten Huthis sind Anfang September entlang der jemenitischen Rotmeerküste überraschend weit vorgestoßen. Sie eroberten den Hafen von Mokka, mehrere strategische Inseln und erreichten schließlich auch Perim, jene Insel, die mitten im Bab al-Mandab liegt, der rund nur 30 Kilometer breiten südlichen Einfahrt ins Rote Meer. Damit kontrollieren sie zwar nicht automatisch die gesamte Meerenge, verfügen aber über eine erheblich stärkere Position, um die Schifffahrt dort zu bedrohen. Den saudi-arabischen Schiffen haben sie bereits mit einer Seeblockade belegt. Damit entsteht eine strategisch brisante Konstellation: Auf der einen Seite der arabischen Halbinsel bedroht Iran den Verkehr durch Hormus, auf der anderen Seite sitzen seine Verbündeten nun unmittelbar am Bab al-Mandab. Zwei der wichtigsten maritimen Nadelöhre des Welthandels stehen damit gleichzeitig unter Druck.
Aber das ist noch nicht alles. Für Saudi-Arabien wird es noch unangenehmer, und auch für die Welt. Die East-West-Pipeline, wir haben sie zu Eingang erwähnt bekommen, sollte das Öl gerade an Hormus vorbei ans Rote Meer bringen. Aber die Pipeline musste nach Angriffen stillgelegt werden. Ja, aber nicht nur Öl und Gas sind das Problem. Auch Washington muss feststellen, dass selbst die Kontrolle über gewaltige Ölreserven ein Problem nicht löst. Man muss aus diesem Öl auch Benzin und Diesel machen können.
Damit kommen wir zu Venezuela. Venezuela verfügt zwar mit rund 303 Milliarden Barrel über die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt. Die Trump-Regierung hat ihre Kontrolle über den venezolanischen Ölsektor massiv ausgebaut. Trump präsentierte das auch als energiepolitischen Erfolg für die Vereinigten Staaten. Eigentlich müsste das doch jetzt helfen. Doch zwischen 303 Milliarden Barrel unter venezolanischer Erde und einem Liter Diesel an einer amerikanischen oder europäischen Tankstelle liegen Förderung, Pipelines, Häfen, Tanker, Transport und vor allem Raffinerien und Wiedertransport. Venezuela produziert derzeit nur einen Bruchteil dessen, was die großen Produzenten am Persischen Golf auf den Weltmarkt bringen können.
Vor allem aber ist der gegenwärtige Engpass längst nicht mehr nur ein Rohölproblem. Russland war vor dem Krieg einer der größten Exporteure von Diesel und anderen raffinierten Ölprodukten. Ukrainische Drohnenangriffe haben inzwischen aber erhebliche Teile der russischen Raffineriekapazität getroffen. Im Nahen Osten sind ebenfalls Raffinerien und Exportanlagen ausgefallen oder in ihrer Produktion beeinträchtigt. Nach diversen Berechnungen fehlen dadurch seit Februar zeitweise rund 1,6 Millionen Barrel Diesel und andere Destillate pro Tag, und international fehlen sie auch im Exportgeschäft. Die weltweite Raffinerieverarbeitung lag im August sogar rund 4,2 Millionen Barrel täglich unter dem Vorjahresniveau.
Damit verändert sich die ganze Rechnung: Man kann zusätzliches Rohöl aus Venezuela fördern, man kann strategische Reserven freigeben, man kann versuchen, mehr saudisches Öl auf anderen Wegen auf den Markt zu bringen. Aber eine ausgefallene Raffinerie lässt sich nicht durch ein zusätzliches Barrel Rohöl ersetzen. In Russland zeigt sich das besonders deutlich. In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden nach Reuters Berechnungen durchschnittlich etwa alle drei Tage eine russische Raffinerie erfolgreich angegriffen. Im Juni sank die russische Rohölverarbeitung gegenüber dem Vorjahr um rund 30 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 2004. Reparaturen können Monate dauern, unter anderem deshalb, weil Russland wegen der Sanktionen bei bestimmten Spezialkomponenten und Technologien Schwierigkeiten bei der Beschaffung hat.
Das erklärt ein zunächst merkwürdiges Phänomen: Es kann auf der Welt durchaus genug Rohöl vorhanden sein und Diesel trotzdem extrem teuer werden. Denn entscheidend ist nicht nur der Preis eines Barrels Rohöl, entscheidend ist auch, wie viel davon die Raffinerien verarbeiten können und wie viel Benzin, Diesel oder Kerosin tatsächlich auf dem Markt ankommen. Für Trump wird das zunehmend zum innenpolitischen Problem. Die einfache Botschaft "Amerika hat Zugriff auf mehr Öl" reicht nicht mehr aus. Auch das venezolanische Öl kann kurzfristig nicht ersetzen, was gleichzeitig durch Krieg, beschädigte Raffinerien und unterbrochene Transportwege verloren geht. Präsident Trump wirft inzwischen amerikanischen Raffinerieunternehmen Preistreiberei vor, fordert sie auf, ihre hohen Gewinne zur Senkung der Preise einzusetzen und hat das Justizministerium eingeschaltet.
Trump hat sich Zugang zu gewaltigen Ölreserven gesichert, aber Öl im Boden ist noch kein Treibstoff an der Zapfsäule. Während Washington nun nach Möglichkeiten sucht, die Preise wieder herunterzubringen, wird an anderer Stelle nahezu fortlaufend Raffineriekapazität zerstört, nämlich in Russland. Und ausgerechnet dort soll die Ukraine jetzt plötzlich Zurückhaltung üben. Das muss man sich einen Moment lang auf der Zunge zergehen lassen. Der US-Präsident entschied sich gemeinsam mit Israel für den militärischen Angriff auf Iran, obwohl die strategischen Risiken dieser Entscheidung seit Jahrzehnten bekannt waren. Trump musste damit rechnen, dass ein Angriff auf den Iran eine der wichtigsten Energieadern der Welt gefährden und erhebliche Auswirkungen auf die Öl- und Treibstoffpreise haben könnte.
Und nachdem sich eines der seit Jahrzehnten bekannten Risiken tatsächlich verwirklicht hat, entdeckt man plötzlich die Vorzüge militärischer Zurückhaltung bei der Ukraine. Ein Land, dessen Energieinfrastruktur seit Jahren von Russland täglich angegriffen wird, soll russische Raffinerien schonen, damit auf dem Weltmarkt mehr Diesel und damit auch für die USA verfügbar bleibt. Weniger diplomatisch formuliert nahm Trump mit seiner Entscheidung ein bekanntes Risiko für den Weltenergiemarkt in Kauf und versucht nun, die wirtschaftlichen Folgen auch dadurch einzudämmen, dass er einem angegriffenen Staat Grenzen für dessen militärische Selbstverteidigung nahelegt. Denn am 13. September forderte Präsident Trump den ukrainischen Präsidenten Selenskyj auf, die Angriffe auf russische Dieselanlagen einzustellen. Es gebe genügend andere Ziele, sagte Trump. Die Angriffe auf Diesel würden der Welt schaden. Zitat Ende.
Inzwischen versucht Trump daraus sogar, einen gegenseitigen Energiewaffenstillstand zu machen. Er verkündete bereits eine Einigung. Moskau und Kiew hatten zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nichts bestätigt, und während darüber gesprochen wurde, griff Russland dankständig Kiew an, die Ukraine wiederum eine russische Raffinerie. Ein echter gegenseitiger Waffenstillstand gegen Energieanlagen wäre für die Ukraine etwas völlig anderes als ein einseitiger Verzicht auf Angriffe gegen russische Raffinerien. Nur, das fand nicht statt. Doch hinter Trumps Drängen steht auch noch ein anderes Thema. Am 3. November sind Midterms-Wahlen. Diesel kostet in den USA inzwischen mehr als 6 Dollar pro Gallone. Das Weiße Haus steht unter wachsendem Druck, die Treibstoffpreise vor der Wahl unter Kontrolle zu bringen.
Nun, während Washington die Ukraine zum Schutz des Weltenergiemarktes bei ihrer militärischen Gegenwehr bremsen will, saß Wladimir Putin bei mündsten BRICS-Gipfeln in Neu-Delhi mit Narendra Modi und Chinas Staatschef Xi Jinping zusammen. Indien und China gehören weiterhin zu den größten Käufern russischen Öls. Das geopolitische Bild ist bemerkenswert: Russland ist im Westen weitgehend isoliert, verfügt aber weiterhin über große Absatzmärkte, politische Partner und wirtschaftliche Ausweichräume. Mehr noch: Während der Westen versucht, Russlands wirtschaftliche Basis für den Krieg zu schwächen, zwingt die globale Energiekrise Washington zugleich dazu, ausgerechnet jene ukrainischen Angriffe bremsen zu wollen, die diese Basis unmittelbar treffen. Damit zeigt sich die Grenze wirtschaftlicher Kriegsführung in einer verflochtenen Welt. Wer den Gegner wirtschaftlich unter Druck setzt, muss damit rechnen, dass ein Teil dieses Drucks über Weltmärkte auf ihn selbst zurückschlägt.
Nun kommen wir wieder einmal zu Europa. Europa bekommt einen erheblichen Teil der wirtschaftlichen Folgen natürlich hart zu spüren. Nach dem Angriff auf die saudische East-West-Pipeline wurden Lieferungen vom Roten Meer nach Europa einfach gestrichen. Käufer mussten kurzfristig Ersatz suchen. Physisches Rohöl wurde teilweise bereits für mehr als 130 Dollar pro Barrel gehandelt. Das bedeutet höhere Kosten für Verkehr und Industrie, zusätzlicher Inflationsdruck und Belastungen für Europas ohnehin verhaltenes Wirtschaftswachstum. Am Ende dieser Geschichte steht es, als ob ein strategischer Bumerang militärische Macht kann Atomanlagen, Raketenstellungen, Raffinerien oder Pipelines zerstören. Sie kann aber die wirtschaftlichen Folgen eines Krieges nicht einfach ausschalten.
Washington wollte mit militärischer Macht strategische Verhältnisse verändern. Jetzt beginnt aber der Ölpreis, die strategischen Entscheidungen Washingtons zu beeinflussen. Und vielleicht ist das die wichtigste Lehre dieser Geschichte: Wer einen Krieg beginnt, muss nicht nur wissen, wie er den ersten Schlag führt, er sollte auch wissen, wohin die Druckwelle läuft. Probieren wir daraus wieder ein Fazit. Vielleicht muss das Verhältnis zu strategischen Ressourcen neu überdacht werden. Energie wird weitgehend wie eine gewöhnliche Ware behandelt. Öl, Gas und Treibstoff werden dort verkauft, wo der Markt den besten Preis bietet. Unternehmen optimieren Raffinerien, Lager und Transportwege auf Effizienz und Ertrag. Das funktioniert im Frieden.
In der Krise zeigt sich die Schwäche dieses Modells. Plötzlich braucht es Reserven, freie Kapazitäten und alternative Lieferwege. Dinge also, die vorher Geld gekostet und wenig Rendite gebracht hätten. Nun soll der Staat einspringen. Er soll Reserven freigeben, Versorgung garantieren, Unternehmen unterstützen und verhindern, dass Energie unbezahlbar wird. Damit stellt sich aber eine grundsätzliche Frage: Warum soll bei strategischen Ressourcen Gewinne überwiegend privat anfallen, während die Gemeinschaft im Ernstfall die Versorgung sichern und die Risiken tragen soll? Das ist kein Naturgesetz.
Eine Gesellschaft, ein Staat, kann kritische Infrastruktur selbst besitzen. Sie kann sich an Unternehmen beteiligen und damit auch an deren Gewinnen. Sie kann privaten Betreibern verbindliche Reserven und Versorgungspflichten vorschreiben. Und sie kann Kapazitäten erhalten, die strategisch notwendig sind, auch wenn sie kurzfristig weniger Rendite bringen.
Denn hinter der viel beschworenen Effizienz steckt manchmal etwas wesentlich Banaleres: möglichst hohe Rendite bei möglichst geringen Kosten. Wo diese Logik strategische Reserven, Redundanz und Versorgungssicherheit verdrängt, wird aus privater Gewinnmaximierung gesellschaftliche Vermutbarkeit. Öl, Gas, Raffinerien und Netze sind eben mehr als Handelsgüter. In der Krise entscheiden sie darüber, ob eine Gesellschaft handlungsfähig bleibt.
Deshalb soll bei strategischen Ressourcen nicht nur das Risiko auf die Gemeinschaft gewälzt werden, auch Verfügungsmacht und Ertrag müssen wieder stärker der Gemeinschaft dienen.
Autor:in:Livio Koppe |
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