Die Dunkelkammer
History. Der rechte Umsturz 1930: Wie war Hitler möglich?
- hochgeladen von Felix Keiser
Thüringen war Hitlers Experiment: Hier übte die NSDAP die große Machtergreifung: Umfärbung der Beamtenschaft, Ausschaltung der Gegner, Hetze gegen Juden, rassistischer Kulturkampf. Was davon stand damals in den Zeitungen? Wie wurde es kommentiert? Ist daraus etwas zu lernen?
Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling. Ich begrüße Sie zur neuen "Dunkelkammer" aus der Reihe "History". Und heute steige ich wieder mal in den Sumpf der deutschen und österreichischen Geschichte: Wie war Hitler möglich? Warum wurde in den 1920er und 1930er Jahren jedes wahren Signal vor einer Demontage der Demokratie übersehen? Warum wurden vereinzelte Kassandra-Rufe nicht ernst genommen? Es gibt Fragen, die offenbar immer wieder auftauchen, und diese gehören dazu. Und wenn ich nun Antworten hätte, würde das überhaupt etwas ändern, würde das helfen? Wo doch der Nationalsozialismus eine einzigartige, mit nichts Vergleichbare Entgleisung der Zivilisation gewesen ist.
Bei der ersten Pressekonferenz nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt hat der Wahlsieger und Spitzenkandidat der AfD, Ulrich Sigmund, von einem historischen Ereignis gesprochen. Ja, doppelt und dreifach hat er das Einmalige seines Wahlsiegs, 43,8 Prozent, beschworen. Bis sich ein Journalist aus den hinteren Reihen zu Wort meldete und bemerkte, dass eine extrem rechte Partei dort schon einmal triumphiert hatte, nämlich im Jahr 1932, als ein Nationalsozialist in Anhalt, so hieß das Land damals, zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, mithilfe bürgerlich-konservativer Parteien.
Viel mehr konnte der Journalist Thilo Jung dann nicht mehr anbringen. Der AfD-Politiker reagierte wie von einer Tarantel gestochen und herrschte ihn an: "Wer sind Sie?" Als seien Interventionen eines Journalisten ein Verbrechen. Nun, der AfD-Politiker wollte nicht mit den Erfolgen der NSDAP Anfang der 30er Jahre in Verbindung gebracht oder gar verglichen werden. Das ist sein gutes Recht. Und es ist ja auch nicht dasselbe, AfD und NSDAP, auch wenn sich manches ähnelt.
Ich wollte daraufhin wissen, was damals wirklich geschehen ist, in Thüringen, einem kleinen deutschen Land an der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Damals lebten dort 1,6 Millionen Einwohner, heute sind es 2 Millionen. Für die nationalsozialistische Führung war Thüringen ein Probelauf für die Machtübernahme in ganz Deutschland. "Unser bester Boden", hat Hitler einmal gesagt. Und man muss schon sagen, bestimmte Strategien haben sich bewährt.
Zum Beispiel: den Beamtenapparat auf Linie bringen, seine Gegner einschüchtern und fertig machen, die Jugend begeistern, mit nationalem Bombast beschäftigen, das Parlament mit diktatorischen Notverordnungen übergehen und gegen Juden hetzen, sodass sie von selbst das Land verlassen. Und das alles Jahre, bevor Hitler in die Reichskanzlei eingezogen ist. Am allerwichtigsten aber war, das bürgerlich-konservative Lager zu umgarnen oder zu beschimpfen, und wenn sie sich weigerten, auf NSDAP-Forderungen einzusteigen, mit Neuwahlen zu drohen.
Kurz zur Vorgeschichte: Die NSDAP wurde 1919 gegründet. Hitler machte sich in diesem Haufen radikaler Antisemiten und Systemsprenger, etwa 1.700 Mitglieder waren es im ersten Jahr, als volkstümlicher und charismatischer Redner einen Namen. In den Monaten vor den Nationalratswahlen in Österreich, im Oktober 1920, las man auch in österreichischen Zeitungen öfter von einem Adolf Hitler, der die Seele füllt. 1921 war er bereits der Vorsitzende der NSDAP.
Im November 1923 versuchte Hitler dann, mit einigen Getreuen und Verbindungsleuten in der Wehrmacht, die Reichsregierung wegzuputschen. Das ging schief. Beim Marsch auf die Feldherrenhalle wurden alle Beteiligten festgenommen, des Hochverrats angeklagt und verurteilt. Hitler kam in Landsberg in Festungshaft und saß unter sehr privilegierten Bedingungen ein.
Er hielt dort geradezu Hof. Er konnte jederzeit Besucher empfangen, wurde von Mithäftlingen bedient und konnte à la carte aus einem nahegelegenen Hotel sein Essen bestellen. Der Gefängnisdirektor war ein Sympathisant. Nach nur neun Monaten wurde Hitler frühzeitig entlassen. Aber er hatte erst einmal überall Redeverbot. Nur in Thüringen nicht. Dort war man freundlich zur NSDAP.
Das hatte Gründe. Nach mehreren Jahren mit Linksregierungen hatten sich in Thüringen schon im Jahr 1924 fünf rechtskonservative Parteien zu einer gemeinsamen Liste zusammengeschlossen. Der Ordnungsblock, so nannten sie sich. Und weil sie bei der Landtagswahl nur die relative Mehrheit erreicht hatten, ließ sich der bürgerliche Ordnungsblock von nationalsozialistischen Mandataren unterstützen. Der Ordnungsblock vertrieb sofort das staatliche Bauhaus aus Weimar und gab dem Wunsch der Nazis nach, nur, ich zitiere, "deutschblütige" Minister zu ernennen. Die Rosenthals und so weiter mussten gehen.
Diese Allianz machte es auch möglich, dass sich die NSDAP in Thüringen frei entfalten und Hitler dort auftreten konnte. Es dauerte nicht lang, es war im April 1926, als ein konservativer Landtagsabgeordneter zur NSDAP übertrat. Und schon verlockte die Hitler-Partei in der regionalen Parteizeitung, jetzt würden ihre "Judengesetze" gute Chancen haben.
Die Judengesetze, das waren Gesetze wie: Verbot der Anstellung jüdischer Professoren an den Thüringer Hochschulen. Keine jüdischen Volksschullehrer und Oberlehrer. Alle Ostjuden ausweisen. Juden sollte auch der Viehhandel, das Schächten und der Betrieb von Warenhäusern verboten werden. Wohlgemerkt, das war sieben Jahre, bevor Hitler an die Macht kam.
So schnell wurden die sogenannten Judengesetze dann doch nicht verwirklicht, aber die Treibjagd hatte begonnen. Und die Bürgerlichen sahen zu, vielleicht etwas beschämt. Ein Justizskandal sorgte für Aufsehen. Österreichische Zeitungen, linke, konservative und liberale berichteten darüber. Ein Bankdirektor sollte zum Aufgeben gezwungen werden und ein störrischer Oberstaatsanwalt gleich mit ihm.
Diese fiese, bis ins Detail orchestrierte Intrige konnte ich mit Hilfe mehrerer Zeitungsartikel von damals rekonstruieren. Zuerst ging die von Nationalsozialisten unterwanderte Justiz in Thüringen gegen den Banker vor. Walter Loeb, Präsident der Thüringer Staatsbank, Berater der Reichsregierung und Sozialdemokrat, sollte eines Meineids überführt werden. Doch der amtierende Oberstaatsanwalt Ernst Frieders spielte nicht mit.
Frieders, der wegen antisemitischer Angriffe selbst schon Jahre zuvor seinen Namen von Friedländer in Frieders geändert hatte, erklärte während der Gerichtsverhandlung gegen Loeb, er könne eine Verurteilung Loebs nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Die Anklageschrift war von unbekannter Hand zu Ungunsten von Loeb geändert worden. Und er, Frieders, habe davon keine Ahnung gehabt. Loeb wurde freigesprochen und verließ dann Thüringen fluchtartig in Richtung Frankfurt.
Dann ging das Kesseltreiben gegen Frieders los. Offenbar hatte ein ehemaliger Gehilfe von Frieders, vermutlich ein Nazi, die manipulierte Anklage gegen Loeb in den Akt geschmuggelt und später behauptet, der Oberstaatsanwalt hätte das abgesegnet. Frieders sagte jedoch im Zeugenstand aus, er hätte davon nichts gewusst, die Änderungen erst in der Verhandlung bemerkt. Aussage stand gegen Aussage.
Frieders wurde schuldig gesprochen und zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Die Presse sprach durchgehend von einem Justizirrtum, der durch eine Amnestie wieder gutgemacht werden könnte. Doch das geschah nicht. Frieders verlor sein Amt und sein Revisionsantrag wurde abgewiesen. Bevor er zur Verbüßung der Haft abgeholt wurde, floh er über die Grenze nach Österreich und bekam hier Asyl. Später erst wurde bekannt, dass die rechte Regierung in Thüringen noch vor dem Urteil gegen Frieders eine unbedingte Weisung auf Verurteilung erteilt hatte.
Ja, Loeb und Frieders waren nur die prominentesten Fälle, es gab viele. Der "Eiserne Besen", das war eine in Österreich erscheinende, rabiate Antisemitenzeitung, veröffentlichte nahezu in jeder Ausgabe, welcher Anwalt, welcher Arzt, welcher Universitätsprofessor oder Journalist jüdischer Abstammung sei oder mit einer Jüdin verheiratet. Nur so, zum Anheizen der Stimmung.
Hitler verstand sich auf eine Politik der Gefühle, eine Strategie, mit der auch heute rechtsextreme wie rechtspopulistische Parteien ihre Mehrheiten zustande bringen. Hitler versprach allen alles: den Arbeitern Brot und Arbeit, den Junkeren hohe Gewinnspannen, der Industrie Steuererleichterungen, dem Mittelstand weniger Konkurrenz. Doch der eigentliche Motor seines Erfolgs waren Volksgemeinschaft und Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Einzigen, denen er Böses in Aussicht stellte, waren die Juden, das fremde Blut, die fremde Kultur, die, die nicht dazugehören und an allem Unbill schuld seien.
Doch zurück nach Thüringen. 1927 scheiterte der Ordnungsblock und die bürgerlich-konservativen machten eine Minderheitsregierung. Die NSDAP war jetzt zwar nicht mehr an der Macht in der Regierung, aber sie führte einen Dauerwahlkampf mit Hitler-Reden, SA-Aufmärschen und Prügelkommandos gegen Linke. Die zweite Etappe des NSDAP-Einflusses in Thüringen folgte auf den Fuß. Im Jahr 1929 wollte die NSDAP nicht mehr dulden, sondern mitregieren. Sie hatte ihren Stimmenanteil verdreifacht und kam nun auf 11,3 Prozent. Hitler persönlich führte in Weimar die Koalitionsverhandlungen. Offenbar sehr geschickt. Er bestand auf dem Innenministerium, dem Unterrichtswesen und der Volksbildung.
Die NSDAP wollte also Zugang zu Personalstellen von Polizei, Lehrerschaft und Jugenderziehungsangelegenheiten. Hitler wollte auf diesem Platz keinen nationalsozialistisch angehauchten Intellektuellen sehen, sondern einen ausgekochten Nazi. Und das war Wilhelm Frick, ein treuer Hitler-Gefährte seit den Putschtagen in München. Im Jänner 1930 schwor Frick also den Eid auf die Thüringer Verfassung. Es war noch nicht lang her, da hatte er im Reichstag in den Saal gedonnert, fort mit dem verlogenen und mehr und mehr zugrunde richtenden parlamentarisch-demokratischen System, das den Wert der Persönlichkeit unterdrückt und die Herrschaft der Minderwertigen, der Niederrassigen, der Juden und des Geldsargs bedeutet. Tja, jetzt redeten plötzlich alle von Zähmung. Im linksliberalen Tagebuch hieß es sinngemäß, nur die Regierungsverantwortung könne die Nazis entlarven.
So war es dann auch, nur anders als gedacht. Frick begann, oberste Polizeistellen mit strammen Nazis zu besetzen, woraufhin der Reichsinnenminister die Bundesgelder für die Thüringer Polizei stoppte. Das waren immerhin 255.000 Reichsmark im Monat. Sein Argument: Die Subventionen seien ursprünglich dafür gedacht gewesen, den Ländern einen gewissen Einfluss auf ihre Polizei zu gewähren, doch niemand könne der Reichsregierung zumuten, revolutionäre Umtriebe zu finanzieren. Und es gehe auch nicht um die Besetzung von zwei oder drei Polizeistellen, sondern um die planmäßige Durchsetzung der thüringischen Polizei mit Nationalsozialisten.
Frick ließ sich nicht beirren. Er rief den Staatsgerichtshof an und der drückte sich vor einer Entscheidung. In diesem Hin und Her, man möge sich doch einigen, gab der Bundesinnenminister am Ende die Gelder schließlich frei. Man hatte ihm versichert, dass eh kein Nazi in der Polizei neu aufgenommen werde. Doch dann stellte sich heraus, der neue Polizeidirektor von Weimar ist ein strammer Nationalsozialist. Und der von Gera auch. Und wohl auch andere. Und was machte man jetzt? Konnte man Nationalsozialisten grundsätzlich vom Polizeidienst ausschließen, wenn der oberste Leiter der Behörde der NSDAP angehört? Die Sache versandete. Das heißt, man gab sich geschlagen.
Es folgten Disziplinarverfahren gegen Beamte, die auf Fricks Teilnahme am Hitlerputsch erinnert hatten. Oder drei ehrenamtliche Nazis wurden im Volksbildungsministerium etabliert, um Schuldirektoren und Lehrer zu kontrollieren und, wenn nötig, zu maßregeln. Frick verordnete Schulgebete, in denen dem Nazigeist gefrönt wurde. Der Staatsgerichtshof hielt sie für verfassungswidrig. Aber nichts geschah. Frick verordnete auch Maßnahmen gegen Jazzmusik. Das war der, ich zitiere, "Erlass: Wieder die Negerkultur für deutsches Volkstum".
Frick holte auch den Antisemiten Paul Schulze-Naumburg als Direktor an die Weimarer Hochschule, der sofort die Expressionisten aus dem Schloss-Museum in Weimar entfernen ließ. Und Hans F. K. Günther, genannt der Rasse-Günther, wurde auf einen neu geschaffenen Rasse-Lehrstuhl berufen. Die Professoren der Fakultät wandten sich etwas bei der Beurteilung des neuen Kollegen. Sie zweifelten leicht an Günthers fachlicher Eignung. Umso lauter lobten sie seine Verdienste um die Erbgesundheit und priesen den Erfolg von Günthers Büchern. Die 13. Auflage für die Rassenkunde des deutschen Volkes war im Verkauf. Bei Günthers Antrittsvorlesung in Weimar war Hitler persönlich anwesend, der sonst nie an einer Universität gesehen worden war. Auch Himmler war fasziniert von Günthers Vorschlägen, für die, ich zitiere, "Aufartung" und "Aufnordung".
Das Bürgertum nahm das alles hin. Erst als sich die Beschimpfungen der Nationalsozialisten gegen sie persönlich richteten, wurden sie aktiv. Das von der Deutschen Volkspartei repräsentierte gutbürgerliche Milieu war von Gauleiter Fritz Saukel, als, ich zitiere, "Trottelhafte Kreise, Verräter, Betrüger, leise Täter und Schlappschwänze" beschimpft worden. Frick wurde im April 1931 das Misstrauen ausgesprochen. Der Nationalsozialist war draußen. Und Saukel prophezeite: "Wir kommen wieder, über eure Leichen marschiert das deutsche Volk."
Ja, so war es dann auch. Eineinhalb Jahre später erreichte die NSDAP 42,5 Prozent der Stimmen und Saukel wurde als Ministerpräsident angelobt. Jener Saukel, der 1946 in Nürnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt und gehängt worden ist. Das sind also die Lehren aus der Geschichte. Und damit verabschiede ich mich von Ihnen für heute, Ihre Christa Zöchling. Dankeschön.
Das war die heutige Ausgabe der Dunkelkammer. Wenn ihr unser Medium mit einem Abo oder einer Spende unterstützen wollt, die Links dazu gibt es auf www.dunkelkammer.at. Hinweise und Feedback bitte an redaktion@dunkelkammer.at. Vielen Dank fürs Zuhören.
Autor:in:Livio Koppe |
|
| Livio Koppe auf LinkedIn | |