Die Dunkelkammer
History. Das Unbehagen in der Kultur

Ist der Liberalismus tot? Was will die schweigende Mehrheit? Hatte Sigmund Freud recht, als er sagte, der Firnis der Zivilisation sei dünn? Kann es sein, dass Fragen heute subversiver sind als jede Antwort?

Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling und die neue "Dunkelkammer" aus der Reihe "History". Es wird diesmal eine etwas seltsame Folge: "Gedanken in alle Himmelsrichtungen, keine gescheiten Antworten". Von Franz Franitzky und Sigmund Freud wird die Rede sein, von der Großmutter der Musikerin Courtney Love und von Spondi, dem Freund und Wissenschaftsautor, der in Wirklichkeit Gerald Markenton heißt und eine umfassende kritische Studie zur Verteidigung des Liberalismus herausgebracht hat. Kommt Ihnen auch das Gähnen, wenn Sie das Stichwort Liberalismus hören? Es scheint ja irgendwie allgegenwärtig, meist verwoben mit der Klage, der Liberalismus sei mausetot. Seine Verdienste - die Freiheit des Einzelnen, der Schutz der Grundrechte, Beschränkung staatlicher Macht, freie Märkte - seien historisch und hätten sich erledigt, weil verschiedenen politischen Richtungen anverwandelt, links, rechts, bis reaktionär.
40 Jahre ist es nun her, da wurde das auch über die Sozialdemokratie gesagt. Das war der berühmte Aufsatz von Ralf Darrendorf, ich zitiere daraus: "Eine säkulare politische Kraft hat sich erschöpft. Wichtige Teile des Programms sind realisiert. Die sozialen Gruppen, die die Sozialdemokratie trugen, finden sich damit in neuen Interessenlagen. Die Vertreter dieser politischen Kraft sind auch erschöpft. Es bleibt ihnen nur, auf verbleibende Unvollkommenheiten der von ihnen geschaffenen Welt hinzuweisen und im Übrigen das Erreichte zu verteidigen. Beides ruft nicht gerade Begeisterungsstürme hervor."
Das war im Jahr 1987, und es klingt immer noch aktuell, als sei die Zeit eingefroren. Dabei waren es ganz andere Zeiten. Die Öffentlichkeit war noch nicht lückenlos auf Erregung getrimmt. Es gab Politiker wie Franz Franitzky, Johanna Donnall, Ferdinand Lazina - weniger nazistisch, größeres Selbstbewusstsein, behaupte ich jetzt einmal. Der Sozialdemokrat Franitzky, Kanzler von 1986 bis 1997, hatte sich nicht gescheut, mit Ralf Darrendorf öffentlich auf einem Podium über die Sozialdemokratie zu debattieren. Heute wäre so etwas eine Sternstunde der Politik: intellektuell mutig und wahrhaftig, ohne Angst, im intellektuellen Austausch dumm dazustehen. Ich wünschte mir jemanden, der es wagt, Fragen in den Raum zu stellen und keine raschen Antworten aus dem Hut zu zaubern.
Zum Beispiel in der sogenannten Trump-Debatte: Warum konnte dieser rohe Mensch die USA kapern? Vor ein paar Wochen fiel mir dazu ein Roman der Schriftstellerin Paula Fox ein, "Desperate Characters", erschienen 1970, auf Deutsch erst im Jahr 1999, unter dem Titel "Was am Ende bleibt". Fox ist die anfangs erwähnte Großmutter von Courtney Love, was ich nur deshalb erwähnt habe, um sie anzuspitzen. Vor allem ist Paula Fox eine große Schriftstellerin, deren Werk vergessen worden wäre, hätte nicht ein junger Kollege, Jonathan Franson, in den 1990er-Jahren zufällig "Desperate Characters" in die Hand bekommen und darin sich selbst und die amerikanische Gesellschaft erkannt und diesen Roman zu einem der größten der amerikanischen Nachkriegsliteratur geadelt.
Paula Fox ist unter schwierigen Bedingungen in unterschiedlichen sozialen Milieus aufgewachsen, was ihr Sensorium für untergründige Strömungen enorm geschärft haben dürfte. In ihrem Roman "Was am Ende bleibt" geht es um ein Paar aus der Mittelschicht: akademisch gebildet, gut situiert, typische Liberale. Er ein aufstrebender Anwalt, sie Übersetzerin und Drehbuchschreiberin. Eben erst haben sie sich ein Haus in einem Eck von Brooklyn gekauft, wo Immobilien noch billig zu haben waren.
Inmitten heruntergekommener Mietskasernen, vor denen sich der Müll türmt, wo Laken in Fensterhöhlen das Glas ersetzen, arme, schwarze und drogensüchtige Wohnen, die vor lauter Aussichtslosigkeit selbst verwahrlosen und gewalttätig werden, leben sie in ihrer Terrassenwohnung mit schimmernden Dielen, tiefernder Lampe, Goethe und weiteren Klassikern im Regal. Nur die Angst vor Veränderung und Eruption schweißt sie noch zusammen. Sie fühlen sich zu Mitgefühl verpflichtet, doch die Aggression in ihnen kocht, wenn die Wirklichkeit in ihr Leben einbricht, in Gestalt von Steinen, die durchs Fenster fliegen, Bettlern an der Tür oder einer halb verhungerten Katze, die ein weißes Schälchen mit Milch mit ausgefahrenen Krallen und einem Biss in die Hand bedankt.
Es war die Zeit des Vietnamkriegs, der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und politischer Gewalt. Weiße standen damals bewaffnet vor Schulen, um schwarze Kinder am Betreten zu hindern. Bürgerrechtsaktivisten wie Martin Luther King wurden ermordet, US-Präsident John F. Kennedy und etwas später sein Bruder Robert Kennedy fielen politischen Attentaten zum Opfer. Die Ideologien waren zurück, Kompromisse zwischen den Lagern wurden schwierig. Die politische Mitte, das war die schweigende Mehrheit, die Richard Nixon und Ronald Reagan an die Macht gebracht und zwei Generationen später einen Donald Trump ermöglicht haben.
Bei der Harvard-Historikerin Jill Lepore und ihrer amerikanischen Geschichte mit dem Titel "Diese Wahrheiten" habe ich eine Rede Nixons aus 1968 gefunden. Ich zitiere daraus: "Wenn wir uns Amerika ansehen, sehen wir Städte, die in Rauch und Flammen gehüllt sind. Wir hören Sirenen in der Nacht. Aber es gibt noch ein anderes Geräusch, ein leiseres Geräusch, eine leisere Stimme, eine gedämpfte Stimme, der die Amerikaner zuhören sollten. Es ist die ruhige Stimme im Aufruhr und im Geschrei. Es ist die Stimme der großen Mehrheit der Amerikaner, der vergessenen Amerikaner, der Nichtschreier, der Nichtdemonstranten. Sie sind weder Rassisten, noch sind sie krank. Sie sind des Verbrechens nicht schuldig, das dieses Land heimsucht. Sie sind gute Menschen. Sie sind anständige Menschen. Sie arbeiten, sie sparen, sie zahlen ihre Steuern und sie sorgen sich."
Kommt Ihnen dieser Sound bekannt vor? "Du bist nicht schuld, dass du dir das Leben nicht mehr leisten kannst. Es ist ein Fehler des politischen Systems, das uns ein viel zu teures Leben beschert, weil die Ausgaben für Mieten, Lebensmittel und so weiter und so fort immer weiter in die Höhe gehen. Dabei war Österreich lange Zeit ein Land des kleinen Glücks." Ja, das ist Herbert Kickl. Oder die Rede von den Tüchtigen und Fleißigen, die, die in der Früh aufstehen und zur Arbeit gehen. Das ist die Sprache von Trump, der AfD, der europäischen Rechten, des Populismus.
Noch vor der Französischen Revolution von 1789 waren die USA unter folgenden Prinzipien gegründet worden: dass alle Menschen frei und gleich erschaffen sind, dass sie natürliche und unveräußerliche Rechte besitzen, das Leben, die Freiheit und das Streben nach Glück, und dass die Regierenden ihre Macht aus der Zustimmung der Regierten herleiten. Kein Gott, kein König hat mehr das Sagen. In der Debatte um eine Verfassung lautete damals die alles entscheidende Frage, die auch in einer Zeitung veröffentlicht wurde: "Sind menschliche Gesellschaften dazu fähig, eine gute politische Ordnung auf der Grundlage vernünftiger Überlegung und freier Entscheidung einzurichten, oder sind sie für immer dazu verurteilt, bei der Festlegung ihrer politischen Verfassung von Zufall und Gewalt abhängig zu sein?"
Ja, die amerikanischen Gründerväter waren überzeugt, es sei möglich, die Geschicke der Republik mit Vernunft zu leiten. Doch das Versprechen "frei und gleich geboren" wurde nicht gleich erfüllt. Die Sklaverei wurde erst 100 Jahre später, 1865, abgeschafft, nach einem blutigen Bürgerkrieg und dem Sieg der Nordstaaten. Der Kampf gegen die Sklaverei wurde von der Grand Old Party, den Republikanern, gegen die Südstaaten, Demokraten, geführt, gegen die weißen Plantagenbesitzer. Wie verquer sich das heute darstellt. Und noch einmal 100 Jahre sollte es dauern, bis die im Geist der Verfassung verankerte Gleichberechtigung durch die Aufhebung der Rassentrennung und das Wahlgesetz erfüllt wurde.
Die Wege der Vernunft sind also holprig und verschlungen. Verlass ist nicht auf sie. Da wundert es nicht, dass der Liberalismus von allen Seiten attackiert wird. Der Erfolg des Liberalismus zeige sich darin, schreibt Gerald Markenton in seiner Studie, dass alle Autoritären, Despoten und Tyrannen in ihm ihren schärfsten Widersacher erkennen. Markenton analysiert Fehler und Irrwege, Bequemlichkeiten und Missverständnisse im Versuch, liberale Werte zu leben, und er beschreibt den großen Fächer an Ideen, die allesamt das Etikett Liberalismus beanspruchen. So werde die persönliche Autonomie gern benützt, um soziale Normen zu sabotieren. Das Prinzip der Toleranz werde untergraben, indem sich der Liberalismus an die moderne Identitätspolitik anschmiege.
Extremisten auf der linken wie rechten Seite entwickelten eine Feindschaft gegen den Staat, von dem sie gleichzeitig unterstützt werden wollen. Ja, der Liberalismus lasse die Menschen mit der Zumutung der Selbstermächtigung allein. Er habe das Buch geschrieben, sagt Markenton, weil ihm die Zerbrechlichkeit des Liberalismus bewusst sei und er die rechtsbasierte, repräsentative Demokratie gefährdet sieht. Und er hat an einer Stelle in seinem Buch nach Kant liberale Axiome formuliert, zum Beispiel: "Du sollst alle Menschen als gleichwertig ansehen und ihnen mit Respekt, Höflichkeit und Schonung begegnen." Oder: "Du sollst so viel wie möglich erkennen und verstehen und in diesem möglichst vorurteilsfreien Bemühen niemals nachlassen." Oder: "Achte auf die Rechte und Würde aller Menschen und setze dich für demokratische Institutionen und Gewaltenteilung ein." Oder: "Erhaltet den vertrauensvollen Dialog am Leben."
Es ist nur ein kleiner Auszug aus seiner Liste. Ein Leben nach liberalen Grundsätzen ist ziemlich anstrengend. Sigmund Freuds Essay mit dem ahnungsvollen Titel "Das Unbehagen in der Kultur" ist 1930 erschienen, am Vorabend der Barbarei, die mit Hitlers Machtübernahme in Deutschland und dann Österreich von den Massen und den Wirtschaftskapitänen gewollt und begrüßt wurde. Freud geht darin der Frage nach, wie der Mensch mit den Enttäuschungen des Lebens fertig wird, mit dem Widerstand, der seinem Streben nach Glück, dem eingeschriebenen Programm jedes Menschen, dem Lustprinzip im Wege steht. In seiner schönen, klaren Sprache führt er den Beweis, warum in diesem Bemühen, in dieser Anstrengung die vielgerühmte Kultur eine Quelle des Leidens werden kann, ja, sogar werden muss. Ich zitiere: "Die Schicksalsfrage der Menschenart scheint mir zu sein, schreibt Freud, ob und in welchem Maße es ihrer Kulturentwicklung gelingen wird, der Störung des Zusammenlebens durch den menschlichen Aggressions- und Selbstvernichtungstrieb Herr zu werden." Freud kommt in diesem Text auch immer wieder auf das in unserem Kulturkreis verankerte christliche Gebot der Nächstenliebe zu sprechen.
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Doch warum soll er das seinen Nächsten lieben wie sich selbst, fragt Freud. Was hat er davon? Nichts laufe doch der menschlichen Natur so sehr zuwider wie ausgerechnet dieses Gebot. Freud hält es für die stärkste Abwehr der menschlichen Aggression und in Wirklichkeit für undurchführbar. Aber das ist eben Zivilisation. Nichts geht von selbst.
Der Mensch ist nicht von Natur aus gut, sondern muss große zivilisatorische Anstrengungen dafür unternehmen. Die österreichische Verfassung von 1920, an der Hans Kelsen entscheidend mitgewirkt hat, ist nicht von Moral geschwängert, sondern folgt dem positiven Recht, lebt von Regeln, Normen und institutionellen Verfahren. Es ist eine liberale Verfassung. Sie setzt nicht auf ethnische Homogenität, wie sein damaliger Gegenspieler Karl Schmidt, der heute von Rechtsradikalen verehrt wird. Und dann noch ein Zitat von Joachim Feest, auch Markentons Studie entnommen. Ich zitiere: "Freie Gesellschaften gründen auf einer Reihe von Voraussetzungen, die streng genommen gegen die menschliche Natur gerichtet sind, auf einem System der Instinktverleugnung und Selbstverbote, der zivilisierenden Regeln und der Normen, auf der Duldung und sogar Privilegierung von Minderheiten, dem Recht des Schwächeren, auch des Fremden und Nichtzugehörigen, sowie auf immer neuen Anstrengungen, die nicht von äußeren Notwendigkeiten erzwungen sind, sondern der allzeit unterlegenen Stimme der Einsicht folgen." Ja, und damit komme ich zum Schluss, und zwar mit einer aktuellen Studie, die derzeit in sozialen Medien Furore macht.
Demnach wäre ein gemäßigter Wahlkampf der US-Demokraten, also die Vermeidung scharflinker Positionen, keine erfolgversprechende Strategie. Denn in einem polarisierten Klima werden gemäßigte Appelle nicht gehört, sagt die Politikforschung. Das habe sich zuletzt in Michigan gezeigt, wo progressive Demokraten und konservative Republikaner ihre Wähler besser denn je mobilisieren konnten. Die Positionierung als Anti-Establishment und Populist funktioniere. Extreme Positionen werden an der Wahlurne nicht mehr bestraft, wie es noch Anfang der 2000er Jahre der Fall war. Ist das eine gute Nachricht? Ich bin skeptisch.
Bisher hat die Polarisierung am Ende immer den Rechten genützt. Ja, und damit verabschiede ich mich nun endgültig von Ihnen. Danke fürs Zuhören, Ihre Christa Zöchling.
Das war die heutige Ausgabe der Dunkelkammer. Wenn ihr unser Medium mit einem Abo oder einer Spende unterstützen wollt, die Links dazu gibt es auf www.dunkelkammer.at. Hinweise und Feedback bitte an redaktion@dunkelkammer.at. Vielen Dank fürs Zuhören.

Autor:in:

Livio Koppe

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