Die Dunkelkammer
History. Israel 1967: „Man schießt und weint“

Nach dem Sechstage-Krieg 1967 erschien das Buch „Gespräche mit israelischen Soldaten“. Ein radikal ehrliches Nachdenken über Kriegsmoral, Rachedurst, Hass, Zionismus und die Frage: wem gehört das „Gelobte Land“? Es wurde ein Bestseller. Heute werden die Regisseure der kritischen Dokumentation „Naza“ vom Mob und der eigenen Regierung bedroht. So hat sich Israel verändert.

Christa Zöchling
Guten Tag, hier ist Christa Zöchling. Ich begrüße Sie zur neuen "Dunkelkammer" aus der Reihhistorie. Ich muss gestehen: Ich war erschrocken über die Bilder. Ein lärmender, hin und her wogender Mob vor einem Wohnhaus in Israel, an der Mauer klebt ein handgeschriebener Zettel mit einem Pfeil, der zur Eingangstür der Familie Shor weist. An den Galgen brüllt die Menge und "Verräter!". Die Shors: Das sind die Eltern der jungen Dokumentarfilmerin Rachele Shor, die gemeinsam mit dem Journalisten Yuval Abraham den Film "Naza" gedreht hat. Sein Titel, also "Naza", ist ein hebräisches Akronym und bezeichnet sogenannte Kollateralschäden, die im Krieg in Kauf genommen werden.
Ich habe den Film, in dem israelische Soldaten vor der Kamera, jedoch anonym, nur als Schattenbilder zu sehen, von ihrem Einsatz berichten, noch nicht gesehen. Aber ich glaube, ich kenne das Material, auf dem er basiert. Israel ist eben eine Demokratie, und alles wurde schon einmal veröffentlicht. Vor etwa einem Jahr habe ich aus Recherchen des Journalisten Yuval Abraham und des "Guardian" sowie einer israelischen NGO eine Dunkelkammer über die Kriegsführung in Gaza gestaltet. Als Titel des Podcasts nahm ich die Aussage eines RDF-Soldaten, der in Gaza gekämpft hat. Er sagte, dort sehe es jetzt aus wie in Hiroshima. Heute würde ich dies nicht mehr als Titel nehmen.
Zu viele Antisemiten von rechts und links reiben sich da die Hände. Aber der Inhalt hält. Schon im kurzen Gazakrieg von 2014: Er war eine Reaktion auf heftigen Raketenbeschuss auf israelische Städte, hatte die israelische NGO "Breaking the Silence", die von RDF-Soldaten gegründet wurde, Befehle dokumentiert, wonach die Soldaten auf alles schießen sollen, was verdächtig scheint. Das könnte ein Bauer auf einem Esel sein, der einen verdächtigen Sack mit sich schleppt. Schon damals wurde in Gaza eine Sperrzone geschaffen, in der alles dem Erdboden gleichgemacht wurde, damit sich niemand, gedeckt durch Häuser oder Buschwerk, dem Grenzzaun nähern kann. Ein solches "Territorium" der klaren Sicht- und Schusslinie nimmt heute nahezu den halben Gazastreifen ein. Deshalb die Hiroshima-Anmutung.
Neu in diesem Krieg ist die KI-gestützte Auswertung einer riesigen Datenmenge von 2,3 Millionen Gaza-Bewohnern: Mobilfunkdaten, Social-Media-Accounts, WhatsApp-Gruppen, Bewegungsmuster. Die KI wurde anhand von Merkmalen bekannter Hamas-Aktivisten trainiert, rechnete hoch und empfahl dann Ziele. Ein Mensch gab am Ende das Okay, aber oft war er nicht mehr als 20 Sekunden Zeit für die Entscheidung, so die anonymisierten Aussagen von RDF-Soldaten. Yuval Abraham und die Journalisten vom britischen "Guardian" haben vor einem Jahr auch auf das KI-gestützte Tool mit dem zynischen Namen "Where is Daddy?" hingewiesen. Damit wurden Hamas-Kämpfer geortet, und sobald sie abends die Häuser ihrer Familien betraten, fielen die Bomben. So wurden ganze Großfamilien getötet.
Die zulässige Zahl für eventuelle Kollateralschäden soll von der Völkerrechtsabteilung der IDF nach oben gelockert worden sein. Auch das eine Aussage von RDF-Soldaten. Freilich, nicht alle Kritik blieb anonym. Ein Hauptmann der Reserve namens Jotam Veldt schrieb vor einem Jahr in einem offenen Brief, dass, ich zitiere, "Gaza bald zur gesetzlosen Zone werde und die Idee Israel auf dem Spiel stehe". So ist die Lage. Die israelische Kriegsführung in Gaza wird zu Recht angeprangert, aber sie wird nicht debattiert. Es gebe ja Fragen: Wie kämpft man gegen Terroristen, die nicht als Soldaten zu erkennen sind?
Die aus Tunneln auftauchen und drauflos schießen. Die sich mitten im Wohngebiet, in Krankenhäusern, Schulen und Moscheen verschanzen. Wie gehen junge Soldaten und Soldatinnen damit um, dass Freunde, Angehörige, hilfsbereite Kibbuz-Bewohner am 7. Oktober 2023 massakriert, gefoltert und erniedrigt wurden und Bilder davon über die Smartphones der Opfer millionenfach verbreitet wurden?
Im Israel der 1970er-Jahre war das anders. Wahrscheinlich war die israelische Armee damals die einzige auf der ganzen Welt, die öffentlich über Fragen der Moral im Krieg, Gefühlen dem Feind gegenüber und inhumane Befehle gesprochen hat. Die sich Gedanken darüber machte, wie hoch der Preis sein darf für die Existenz eines so kleinen Landes, das von feindlichen Staaten und Armeen umgeben ist. Nach dem erfolgreichen Sechs-Tage-Krieg im Sommer 1967, als die israelische Gesellschaft abwechselnd in Siegesrausch und Depression verfiel, erschien ein Buch unter dem Titel "Gespräche mit israelischen Soldaten". Initiiert und herausgegeben vom Schriftsteller Amos Oz und dem Historiker Avraham Shapira. So offen, dass es weh tut, wird hier über Krieg und Skrupel gesprochen. Erst durch dieses Buch habe ich begriffen, was es heißt, eingekreist von feindlichen Staaten und Gesellschaften zu überleben.
Welche Rolle die Religion dabei spielt, nicht in unserem Sinn, sondern als kulturelles Erbe. Und warum sich der israelische Sieg im Jahr 1967 mit seinen Gebietseroberungen langfristig als ein Danaer Geschenk entpuppt hat. Manche meinen, dieser Krieg und seine Folgen sei für den größten Fehler des Zionismus verantwortlich, weil bis auf den Sinai die damals eroberten Gebiete Westbank, Ostjerusalem und Gaza, letztlich auch die Golanhöhen, nie zurückgegeben wurden und heute schwerend bewohnt sind.
Der Sechs-Tage-Krieg begann am 5. Juni 1967 und endete am 10. Juni auf den syrischen Golanhöhen. Am dritten Tag standen junge israelische Soldaten das erste Mal in ihrem Leben an der Klagemauer in Jerusalem, die sie nur von Erzählungen und von Fotos kannten, und berührten scheu das 2000 Jahre und mehr alte Gestein, in dem die gesamte jüdische Geschichte steckt. Manche weinten hemmungslos. In der Woche zuvor hatte der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser Truppen an der israelischen Grenze zusammengezogen, israelische Schiffe blockiert und die Vernichtung Israels angekündigt. Israel kam dem gemeinsamen Angriff von Ägypten, Jordanien und Syrien zuvor und eroberte den Gazastreifen, das Westjordanland, die Golanhöhen und die Halbinsel Sinai.
Israel war in sechs Tagen dreimal so groß geworden wie zuvor, und es war jetzt auch Besatzungsmacht. Die Welt staunte. Gläubigen schien der Sieg ein Fingerzeig Gottes. Rechtsextreme und Antisemiten bewunderten Israels militärische Stärke und fühlten sich gleichzeitig in ihrer Verschwörungserzählung vom Weltjudentum mehr als bestätigt. Und die Welt war überrascht. Die Einberufung von 260.000 israelischen Soldaten war praktisch lautlos vor sich gegangen. Ich zitiere aus Beobachtungen des Dichters und Widerstandskämpfers Aba Kovner, die auch in diesem Buch abgedruckt sind.
Ich zitiere: "Aus dem Radio die Stimme: Sie schlug wie der Meißel auf den Stein. Sie nannte und nannte die ausdruckslosen Codenamen von Reserveeinheiten, und zwar ohne irgendeine Phrase hinzuzufügen. Und die Stadt hielt den Atem an wie ein Toter. Ich stand über einen Zeitungsstand gebeugt. Der Zeitungsverkäufer, er hatte gerade noch seine Hand zu der gewünschten Zeitung ausgestreckt, als er von der Stimme gebannt wurde. Seine Augen weiteten sich und schauten mich nicht an, sondern über mich hinweg, und plötzlich sagte er wie überrascht: "Oh, man hat mich gerufen." Er rollte seine Zeitungen ein und ging.
Aus dem Laden gegenüber kam eine Verkäuferin heraus, blieb wie angewurzelt auf der Stelle stehen, knöpfte etwas nervös an ihrer Bluse herum, klappte ihre Handtasche zu und ging. Der Metzger legte seine Schürze ab, riegelte die Läden zu und ging. Auf dem Rasenplatz stand eine Gruppe junger Männer dicht um ein Transistorradio herum. Jedes Mal, wenn ein Codename vom Ansager genannt wurde, trennte sich einer von der Gruppe und ging. Wie ein Strohbündel, das lautlos zerfällt. Und in der Stadt war es still. Unvergleichlich still.
Andere Völker marschieren, singen, Frauen küssen die Soldaten zum Abschied. Niemals habe ich eine Stadt gesehen, die sich in Schweigen hüllt, um ihre Pflicht zu erfüllen. Siehe da, es ist mein Volk. Und ich erkannte mein Volk nicht wieder."
Viele der Soldaten, die in diesem Buch zu Wort kommen, sind in einem Kibbuz groß geworden und mit linken Idealen aufgewachsen. Das heißt, alles für die Existenz des Landes Israel tun, aber dabei menschlich bleiben, kein Vorrecht behaupten und in Frieden mit den Arabern leben. Sie sprechen von ihrer Angst vor der brutalisierenden Wirkung des Kriegs. Hat Sigmund Freud nicht doch recht gehabt? Und sie fragen sich, ob man überhaupt kämpfen kann, ohne zu hassen.
Eine Stimme, ich zitiere: "Weißt du, was seltsam ist? Ich gehe jetzt in den Kampf. Ich werde Menschen töten, und Freunde von mir werden getötet, vielleicht auch ich. Ich hasse die ägyptischen Soldaten überhaupt nicht, auf die ich schießen werde. Doch ich habe die Erlaubnis erhalten, sie zu töten. Was für ein Recht habe ich, Väter und Ehemänner zu töten? Vielleicht ist die Erziehung, die wir im Laufe der Jahre erhielten, ein echtes Problem. Wie können die Leute in den Krieg ziehen, ohne zu hassen?"
Zwei andere Stimmen: "Die Kibbuz-Nicks, jedes Mal, wenn sie schießen oder etwas zerstören sollen, melden sich ihre ganzen Gewissenskonflikte." Oder: "Die Mörder unserer Freunde, die ihr jetzt nicht getötet habt, werden uns in der nächsten Runde umbringen." Ein großes Thema war damals schon: Wie unterscheidet man einen Zivilisten von einem Soldaten, wenn er keine Uniform trägt? Es wird ein Fall geschildert, wo ein israelischer Trupp vor einer feindlichen Vorhut gewarnt worden war und schoss. Und dann stellte sich heraus, es war ein Bauer aus dem Dorf gewesen.
Gewissensfragen: Sollst du dein eigenes Leben riskieren, um zum Beispiel arabische Kinder aus dem Kampfgebiet herauszubringen? Was tun, wenn ein inhumaner Befehl gegeben wird? Die Sorge: Wir werden mit den Arabern leben müssen, und jede Grausamkeit von uns wird wiederum deren Hass erwecken.
Der Ärger: 19 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 leben sie noch immer in Flüchtlingslagern. Alle arabischen Staaten entfachten die Hoffnung nach Rückkehr in ihrem Herzen. Man hielt sie isoliert. Man ließ sie sich nicht in den arabischen Staaten einleben. Mich macht das rasend. Die Hoffnung: Sie werden die Gebiete zurückhaben wollen, und deshalb werden sie mit uns verhandeln. Das ist allerdings nicht geschehen.
Damals, es war ja noch nicht so lange her, fühlten sich viele Soldaten angesichts arabischer Flüchtlinge, zu Fuß und mit Bündeln unterwegs, an die Deportationen in Deutschland und Österreich erinnert. Ein Vorfall wird sehr kontrovers diskutiert. Einer nimmt einen hinkenden Araber in seinem Wagen mit, der zieht ein Messer hervor und sticht auf den Fahrer ein, der später an seinen Wunden stirbt. Was kann man daraus lernen? Kann man daraus etwas lernen?
Der Schriftsteller und Begründer der Peace-Now-Bewegung, Amos Oz, sagt in der Einleitung zur deutschen Übersetzung dieses Buchs: "Ich sehe hier eine Tragödie, eine Situation, in der beide Seiten hundertprozentig recht haben, jeder von seinem Standpunkt aus." Das Buch wurde damals heftig angegriffen. Es sei schwarz-malerisch und verderbe die Freude am Sieg. Es wurde allerdings nicht verboten, doch einige Stellen wurden zensuriert. Aber es wurde ein Bestseller. Und es war ein Hoffnungsstrahl.
Und damit verabschiede ich mich heute von Ihnen. Bis zum nächsten Mal. Ihre Christa Zöchling. Danke.
Das war die heutige Ausgabe der Dunkelkammer. Wenn ihr unser Medium mit einem Abo oder einer Spende unterstützen wollt, die Links dazu gibt es auf www.dunkelkammer.at. Hinweise und Feedback bitte an redaktion@dunkelkammer.at. Vielen Dank fürs Zuhören.

Autor:in:

Livio Koppe

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